The Hirsch Effekt – Der Brauch – Long Branch Records 2026

Von Guido Dörheide (06.02.2026)

Ich weiß immer noch nicht, a) was ein Hirscheffekt ist und b) ob mir Nils Wittrocks Klargesang etwas taugen soll, von daher bin ich keinen Schritt weiter als Anfang 2024 in meiner Kurzrezension zum 2023 erschienenen „Urian“. Fun Fact am Rande: Wenn man beim 2023 sowie beim aktuellen Hirscheffektalbum jeweils einen Buchstaben weglässt, erhält man (wie zumindest mein neunjähriges Ich aus den 1980er Jahren findet) die viel originelleren Albentitel „Urin“ und „Der Bauch“. Aber, Pech für mein neunjähriges Ich aus den 1980er Jahren: Damals gab es den Hirsch Effekt aus Hannover noch gar nicht und damit auch keine Alben mit merkwürdigen Titeln wie „Urian“ und „Der Brauch“ und gruseligen Coverartworks. Auf dem aktuellen sieht es aus, als schäle man eine Schaufensterpuppe aus dem frühen Sido heraus, naja, immerhin der dreifarbige Schriftzug ist schick geraten.

Was aber viel wichtiger ist: Mit „Der Brauch“ ist Nils Wittrock (Gitarre, Gesang), Ilja John Lappin (Bass, Gesang) und Moritz Schmidt (Drums) wieder ein rundherum großartiges Album gelungen, das mit technisch ausgefeilter und stimmungsvoller Musik und (im Indie-Progmetalposthardcoremathrock nicht häufig anzutreffen) deutschsprachigen Lyrics aufwartet, die nicht nur sehr gut sind, sondern auch für Muttersprachler nicht den Hörgenuss kaputtmachen, weil man sich beim Hören ständig denkt „Was zum Teufel singt der da eigentlich für einen merkwürdigen Kram?“ Das denkt man sich natürlich trotzdem, aber es stört nicht. Beispiel: „Jeden Tag das Gleiche, jedes Mal / Wo sind all die Leute, die ich nie sehen wollte? / Keiner bleibt zu Hause, außer mir / Hoffentlich merkt keiner: Ich bin doch immer noch hier.“, so beginnt das Titelstück, mit dem die drei Niedersachsen das Album eröffnen. Also quasi Alltag, ganz normal, auch das kommt im extremen Metal vor. Sehr schön dann der Refrain: „Keiner hat dich darum gebeten / Komm hör‘ auf, komm schon und lass den Scheiß / Keiner will was von dir hören / Keiner will was von dir.“ – das ist negativ, aber nicht theatralisch oder selbstmitleidig oder lebensverneinend oder sonst wie abgeschmackt. Und es geht weiter mit „Flaschen in der Ecke, ein Regal voll mit Scheiß / Der sich anhäuft über all die Jahre / Ja, ja, ich weiß: Das muss eigentlich weg. Das kann eigentlich raus / So wie der Schimmel in Bechern und das alte Zeug / Das ich nie verkauf’.“ – Wer kennt sowas nicht?

So lebensnah die Texte sind, so vertrackt, abwechslungsreich, angenehm und dennoch hart und fordernd ist die Musik: „Der Brauch“ beginnt mit einer Akustikgitarre, dann setzen Bass, Schlagzeug und E-Gitarre ein und machen keinen Metal, sondern eher eine Art Gothrock-Zwischenspiel, bis Wittrock dann vom – für Klargesangsverweigerer wie mich – gewöhnungsbedürftigen Tenorgesang zu einem energischeren Tonfall wechselt, der mir deutlich mehr taugt. Dann tieftönender Murmelgesang mit dem oben zitierten Refrain, und die folgende Strophe wird genauso gesungen, wobei Wittrocks Stimme manchmal angenehm knarzt.

Am Ende des Songs werden alle bisher gehörten Elemente nochmal wunderbar miteinander vermischt: Die Musik bleibt ruhig, erzeugt dennoch einen enormen Krach, Wittrock kreischt „Ich kriege keine Luft, gib mich nicht auf, lass mich raus! / Glaubt wer, ich such mir das aus? Wer sonst sucht sich mir das aus? / Und wenn das alles ist, wo soll ich dann damit hin? / Glaubt wer, ich such‘ mir das, ich such‘ mir das nicht aus! / Wenn‘s das gewesen ist, wäre das wirklich so schlimm?“, dann wieder ruhig und melodisch „Keiner hat dich drum gebeten. Komm gib auf, komm schon und lass den Scheiß!“, gefolgt vom wieder geschrienen „Ich kriege keine Luft, gib mich nicht auf, lass mich raus!“ und der nochmaligen ruhig vorgetragenen Aufforderung, aufzugeben und den Scheiß zu lassen. Am Ende weiß ich nicht, zu welcher der beiden Alternativen ich dem Protagonisten raten möchte.

„Der Faden“ ist ein ähnliches Stück Musik, nun allerdings mit mehr metallischen, langsamen Riffs und Gitarrengeniedel, untermalt von einem brachialen Bass. Auch Wittrocks Gesang fällt metalmäßiger aus. Der Faden, der sich hier abzeichnet, ist rot.

Auf „Das Seil“ (klar, erst der Faden, dann das Seil, so ist es wohl Brauch in Hannover) wird erstmals die 7-Minuten-pro-Song-Marke überschritten. Dementsprechend lassen sich The Hirsch Effekt ausgiebig Zeit, den Song aufzubauen, aber sie schaffen das: Über Minuten bleibt das Stück ruhig und getragen, dennoch ist die Gitarre eher im hektischen Bereich angesiedelt und das Schlagzeug liefert nicht nur Rhythmus und Struktur, sondern tritt in der Mitte des Stücks in einen Dialog zur Gitarre. Überhaupt das Schlagzeug: Hier lohnt sich in jeder Sekunde das Hinhören, was Schmidt da macht, ist ganz große Unterhaltung in technischer Perfektion. Und das gilt für alle drei Instrumente gleichermaßen: Bei The Hirsch Effekt sind sehr gute Techniker am Werk, die toll zusammenwirken und neben Härte und Druck für Atmosphäre und Wärme sorgen. Gegen Ende des Seils wird es schöön hypnotisch, man mag in der Musik versinken, dann noch ein Gitarrensolo, das eher Indierock als Metal ist (überhaupt liebe ich diesen Hang zum Indierock, den The Hirsch Effekt ständig und überall ausleben), und dann ein abgehacktes Ende mit Gegrowle und dann Schluss.

„Brauch Reprise“ ist, wie der Name schon sagt, ein akustisches instrumentales Zwischenspiel und dann kommt mein Lieblingsstück auf dem Album: „Der Doppelgänger“ heißt es („Ich brauche mehr Details!“ / „Schreiben Sie es auf, ich beschäftige mich später damit!“ / „Das ist vielleicht Ihre Meinung“). Gitarre und Schlagzeug sorgen für ein stimmungsvolles Intro, dann fängt Wittrock leiernd an zu fragen „Wer bist Du und woher kommst Du?“ Nach knapp über drei Minuten wird es dann lauter, dem Protagonisten wird voller Abscheu dann klar, dass der Eindringling sein Ebenbild war, und nach knapp unter fünf Minuten bricht das Pandämonium los: Das Tempo wird verdoppelt, die Gitarre soliert hektisch und der Bass kracht mit schweren Schlägen ehrfurchgebietend dazwischen, während das Schlagzeug sich überschlägt. Nachdem ich das gehört habe, bin ich der Meinung, dass Nils Wittrock ruhig mal Klargesang machen kann, denn hier passt er hin wie die Faust des Herausgebers auf das sprichwörtliche Butterbrot. Und zur Belohnung wird anschließend nochmal kurz und sehr schön gegrowlt. Wow!

Auf „Die Lüge“ wird dann sehr schön gedjented, Krach und Ruhe wechseln sich ab, und das in eher verhaltenem Tempo. „Die Brücke“ ist eine Indieballadenhymne mit viel Hall, auf der Wittrock seinen Gesang zu stadionrockkompatiblen Höhen aufschwingt, aber er will dabei nicht über eine einstellige Primzahl an Brücken gehen, sondern dieselbige überfluten. Soll er, er hat es sich verdient. „Das Nachsehen“ beginnt mit ebensoviel Hall und einer Gitarre, die mit Wittrocks Gesang um die Wette klagt, und dann gibt es Noiserock in Spitzenqualität und Wittrock zeigt, dass er auch Screams sehr gut performen kann, während er die Gitarre jaulen lässt, als wären wir auf einmal in den 1980ern, dann wird gegrowlt und alles rattert auf einmal auf das Allervortrefflichste vorantreibend vor sich hin, bis die Band das Tempo wieder herausnimmt, aber im Noise bleibt sie verhaftet. Ehrlich, mit sowas hätte ich nach all den ganz hervorragenden Stücken davor hier nun nicht mehr gerechnet, The Hirsch Effekt sind echt immer auch für eine Überraschung gut.

Mit „Die Heimkehr“ beschließen Wittrock, Lappin und Schmidt das Album dann vorwiegend ruhig. Eine klassikgitarrenmäßig klimpernde Gitarre wechselt sich mit Kammergesang ab, nach der Hälfte des Songs steigt Schmidt mit einem hypnotisch-repetitiven Rhythmus ein und das Ende ist hymnisches Pathos mitsamt Streichern und plötzlicher Abbruch. „Der Brauch“ besteht nicht nur aus lauter richtig guten Songs, sondern ist auch dramaturgisch vollendet durchdacht.