Sula Bassana – Time Travel: Rare & Obscure Tracks From The Decades – Sulatron Records 2026

Von Matthias Bosenick (25.02.2026)

Um diese zehn instrumentalen Stücke wär’s echt schade gewesen: Dave Schmidt plündert die Archive seines seit rund 30 Jahren aktiven Space-Stoner-Rock-Projektes Sula Bassana und fügt die gefundenen Perlen als „Time Travel“ zusammen. Nicht alles ist zuvor unveröffentlicht, Schmidt nimmt auch Raritäten von vergriffenen Compilations in die Sammlung auf. Die die Vielseitigkeit des Genres allgemein und von Sula Bassana speziell unterstreicht: Auch Electro findet Einlass in den Sula-Bassana-Kosmos.

Zum Geleit greift Schmidt auf eine Liveaufnahme zurück: „Ridin‘“ ist Teil eines Auftritts in Hamburg vom April 2024, der es mit anderen Tracks auf die Vorgänger-Veröffentlichung von „Time Travel“ schaffte, nämlich die Split-LP mit den Skyjoggers vom November 2024. Hier tritt Gitarrist Dave Schmidt mit einer Band in Erscheinung: Bassistin Kristina Schmitz, Gitarrist Adrian Grod und Schlagzeuger Franz Fesel begleiteten ihn. Das Original dieses Stücks datiert auf das Jahr 2006 und war seinerzeit mit Gesang erschienen.

Wie die anderen neun Tracks besetzt sind außer durch den Projektkopf selbst, lässt jener weitgehend offen – vermutlich spielte Schmidt sie komplett selbst ein. Einen erstaunlichen Schub entwickelt er dabei, rotiert ums sich selbst und errichtet himmelsstürmende Rockmusik. Etwa auf „Krachgarten“, das seinen Titel mit Recht trägt. 2012 aufgenommen, erschien es 2020 auf einer Bandcamp-Compilation namens „Here Comes The Sun“. Die Silver Machine im folgenden „Arkelanfall“ ließ sich Schmidt 2009 von Gast-Keyboarder Martin Schorn anwerfen.

Mit „Animal Farm“ lockert Schmidt den Reigen auf: 2008 garnierte er einen Space-Rock-Track mit Tiergeräuschen aus einer Soundlibrary, eigentlich als Scherz gedacht, wie er wissen lässt, und doch gut genug geraten, um hier nicht unangenehm aufzufallen. Für das ebenfalls unveröffentlichte „Was du denkst“ begab sich Schmidt 2006 auf einen fiebrigen Speed-Jazzrock-Trip. Die Geschichte hinter „Soulcake“ lässt einen Blick in die kreative Entwicklungsmethodik Schmidts zu: Ausgehend von vor rund 25, 30 Jahren aufgenommenen Echogitarren, die im leeren Raum umeinanderkreisen, fügte er erst 2005 eine Leadgitarre und ein Schlagzeug hinzu; der Bass fand irgendwann dazwischen Einlass. So entstand ein bluesiges Downbeat-Stück, das sich und die Hörerschaft fuzzy und harmonisch in die Hypnose gniedelt. Und 2011 auf einer Compilation des griechischen Magazins Peace Frog landete.

Der „Fiebertraum“ bildet einen solchen ab, denn Schmidt nahm diesen Track Ende der Neunziger in Folge einer Erkältung auf. Das Stück scheint komplett auf Synthies zu basieren, zunächst schleppend und drückend, im Verlauf beschleunigend und aufmunternd, gar dramatisch. Wie das anschließende „Paranoid?“ veröffentlichte Schmidt es 2005 auf der „Sulatronics“-CDr, deren Titel das Elektronische ja schon nahelegt. Zweiteres über zwölf Minuten langes Stück nun beginnt als speedy Kraftwerk-Gedächtnis-Shuffle und mausert sich dann zu einem trippigen Electro-Dub, dem man bisweilen einen leichten Einfluss von Martin „Youth“ Glovers Arbeiten für dessen Dragonfly-Label unterstellen mag. Und das zuletzt erst zu einem Soundexperiment auf Dubbasis wird.

Es geht gefühlt direkt über in das unveröffentlichte „Suomenlinna“, einer (Alp-)Traumhilfe, ebenfalls in den Neunzigern synthetisch erstellt. Hier kurven angeschrägte Synthies wie Mücken um beinahe liebliche Ambient-Akkorde herum. Den Titel borgt sich Schmidt bei einer finnischen Festungsinsel aus, auf der er spazieren ging, als es besonders winterlich, kalt und neblig war. Also ohne Mücken.

Den Schluss behält sich Schmidt für das größtmögliche Kuriosum vor: „Pilzwald“ ist 33 1/3 Minuten lang und das live mitgeschnittene Ergebnis einer Session mit Alexander Bulgrin, seinerzeit noch Sänger von Liquid Visions. Umringt von unzählbaren Instrumenten wie Kalimba, Ocarina, Schlangenbeschwörerflöte, Bambusflöte, Spielzeugglockenspiel oder Regenmacher, errichteten sie zwei Mikrofone, zwei Multieffektgeräte sowie einige Synthies und Drummachines. „Tuned in and fell deep into sound“, setzt Schmidt die Beschreibung fort, die eine Idee zulässt, welche Stimulanzien in der Auflistung fehlen, um einen „Pilzwald“ zu generieren. Der besteht in den ersten sechs Minuten aus Ambient und teils verstörenden Echos von kaum identifizierbaren Instrumenten im Hallraum, bis sich ein dubbiger Synthie in den Hintergrund mengt und den Vorstoß von Struktur einleitet, dem erst ein Shaker, dann ein minimaler Downbeat und ein dubbiger Zwei-Töne-Basslauf folgen. Sowie weitere Layers of sound, bis hin zu Samples menschlicher Stimmen und weiteren Synthieeffekten, die sich dann aber bald allesamt den aufgelisteten Instrumenten beugen und komplett zurückziehen. Was bleibt, ist eher ein Geister- als ein „Pilzwald“.

Seit über einem Vierteljahrhundert betreibt Dave Schmidt das Projekt Sula Bassana, nur wenig später gefolgt vom eigenen Label Sulatron Records. Das er jetzt allerdings aufgibt, und zwar aus gesundheitlichen Gründen, wie er wissen lässt. Indes stellt er den Betrieb nicht ein, sondern übergibt ihn an Sissi von Stuck, die nicht nur den Altbestand weiterführt, sondern auch neue Musik ins Programm aufnimmt. Wie es indes mit Sula Bassana weitergeht, scheint vorerst offen – „Time Travel“ bietet sich gleichermaßen als Abschluss und als Neuorientierung an. So schmerzlich der Verlust dieses kreativen Outputs auch wäre: Pass auf dich auf, Dave, Gesundheit geht vor!