Von Matthias Bosenick (23.03.2026)
Wer nur hört und nicht liest, wundert sich erstmal, bis es das Lesen nachholt: Christian Rode als Sherlock Holmes und Peter Groeger als Dr. Watson verstarben 2018 kurz nacheinander. Die Produktionsfirma hinter der Serie „Sherlock Holmes – die neuen Fälle“, All Score Media, hatte das Gespann zuvor noch stapelweise Episoden einsprechen lassen und veröffentlichte diese nach und nach. Bis man sich als Hörender fragt, wie viele dieser Hörspiele es denn noch geben könne, und bei der Recherche auf den Hinweis stößt, dass das Label Romantruhe Audio die neuen „neuen Fälle“ seit einiger Zeit mit Hilfe von KI erstellt. Was man dem 60. Fall „Nervus Rerum“ mehr als deutlich anhört und was erklärt, was einem bei den drei Vorgängern auch schon so merkwürdig vorkam.
Die letzte Episode mit den lebenden Sprechern war 2024 die Nummer 56 mit dem deutlichen Titel „Das Ende der Wahrheit“, gefolgt nur wenig später von der ersten KI-Folge Nummer 57 mit dem ebenso entlarvenden Titel „Die Büchse der Pandora“. Das herausragende Merkmal der Holmes-Hörspielserie mit Rode und Groeger war immer deren Zusammenspiel, bereits bei den 60 Original-Fällen von Sir Arthur Conan Doyle, denen man fünf Eigenfälle anfügte, die eigentlich bereits in die Pastiche-Reihe „Die neuen Fälle“ gehörten. Diese mussten dabei gar nicht mal so spannend, überzeugend, überragend sein, dass man dennoch Freude am Hören hatte, schließlich war es stets ein Genuss, den beiden Schauspielern dabei zuzuhören, miteinander Holmes und Watson zu sein.
Und damit ist es nun vorbei. Zunächst wunderte man sich, warum das Miteinander plötzlich so hölzern wirkte, und dachte, dass es möglicherweise am fortgeschrittenen Alter der Sprecher gelegen haben könnte, bestenfalls am miesen Drehbuch. Bei Spotify steht nun „mit technischer Unterstützung“ hinter den Namen von Groeger und Rode, auf ihrer Webseite wird die Romantruhe mit „Die Stimmen [der beiden] wurden durch KI erstellt“ deutlicher. Das Ergebnis: Holmes und Watson quatschen in „Nervus Rerum“ wie bekloppt aneinander vorbei, Dialoge spreizen sich in Nebenstränge auf, die mit Versatz zueinander zurückführen, es ist, als stocherten die Figuren im Nebel, um den Anfang des Gesprächs zu finden, auf das sie gerade Bezug nehmen. Dem schwierigen Santiago Ziesmer – man hat immer Steve Urkel und Spongebob vor Augen – fällt die unliebsame Rolle zu, als vermittelndes Element zwischen den beiden orientierungslosen Robotern zu agieren. Dazu ist die eigentlich recht ansprechende Geschichte im den Diamantenraub und der Geistererscheinung in einer Schlossruine auch noch so zerhackt inszeniert, dass man ihr kaum folgen kann. Und es bald auch gar nicht mehr möchte.
All Score Media verloren nach Abgabe von „Das Ende der Wahrheit“ die Aufgabe, für Romantruhe Audio die weiteren Episoden zu produzieren. Seitdem erschienen die Hörspiel-Versuche „Die Büchse der Pandora“, „Der verlorene Schmetterling“, „Die Spatha des Zenturios“ und nun „Nervus Rerum“, für die Zukunft angekündigt sind „Das Haupt der Medusa“ und „Der Engel von Primrose Hill“. Und alle mit KI-Stimmen. Episode 36, „Remis in zehn Zügen“, war die erste posthum veröffentlichte Folge; somit hatten Groeger und Rode bis 2018 noch 20 Hörspiele vorproduziert. Diese Serie lebt ja nun vom Leben zwischen den beiden Sprechern, da lässt es sich durchaus nachvollziehen, dass man das gern verlängert hätte, aber questa la vita, mit dem Ende muss man sich abfinden.
Das kann man natürlich auch einfach mal nicht akzeptieren wollen und dann zu aktuellen technischen Hilfsmitteln greifen. Hans Clarin als Pumuckl war da eine erste aufsehenerregende Ahnung in diese Richtung, die Virtualisierung von Rode und Groeger verlief eher unbemerkt. Was nichts daran ändert, dass sie Scheiße ist. Einmal, weil Rode und Groeger dem vermutlich nicht mal ihren Segen geben konnten; zum Zeitpunkt ihres Todes war von der so einfachen Nutzbarkeit dieser Technik noch nicht die Rede. Dann ist die Umsetzung so stümperhaft, dass es den Aufwand kaum lohnt – und außerdem genau das, was man erhalten will, gar nicht erfüllt, nämlich das Zusammenspiel von Rode und Groeger. Da kann man sich diese neuen Episoden gleich komplett sparen. Sollte man auch.
Es gibt 65 Episoden „Sherlock Holmes“ mit Groeger und Rode, die einzige deutschsprachige Serie, in der alle Fälle von Doyle als Hörspiel von den selben Sprechern umgesetzt wurden. Dazu kommen die 56 „neuen Fälle“ mit den beiden, wie auch die neuen KI-Fälle erdacht von Andreas Masuth, das ist genug altes Futter. Generiert aber kein neues Geld, schon klar. Immerhin ist die Spin-Off-Serie „Inspektor Lestrade – Ein Fall für Scotland Yard“ recht gut gelungen, denn darin kommt die Titelfigur nicht so wie ein Tölpel weg wie in der Hauptreihe. Und zwei, drei Mal sind auch dort noch Groeger und Rode zu hören. In echt.
