Von Matthias Bosenick (10.03.2026)
Im Anschluss an ihre gemeinsame Tour durch Spanien setzten sich Gitarrist Hellmut Neidhardt alias N und Schlagzeuger Jörg A. Schneider im vergangenen Jahr in Madrid in ein Studio und improvisierten gleich zwei neue Alben. Das erste davon erscheint als „The Rincon Pio Sound“ bei Mörtel Sounds auf Kassette, das zweite soll als Schallplatte bei Schneider herauskommen, zwar mit anderen Tracks aus der selben Session, aber mit identischem Titel. Zu hören gibt es hier nun durch einen nebligen Wald irrlichternde Gitarrendrones und als Schlagzeug die Bäume dazu, die unsortiert im Weg herumstehen. Man verirrt sich, möchte auch gar nicht wieder raus – und landet unversehens in einer Lärmfabrik. Und ganz am Schluss in einem geraden Rhythmus!
Das könnte so schön herkömmliche Rockmusik sein, aber nein, danach ist den beiden Musizierenden nicht. Selbst den Bass könnte Neidhardt mit den tiefer angeschlagenen Gitarrensaiten ersetzen, ohne dass es an Soundbreite mangelt, schließlich verfährt er hier auch so, doch so flächig und andeutungsweise melodiös sein Gitarrenspiel auch ausfallen mag, strukturiert wie in der herkömmlichen Rockmusik ist es nicht, kein klassischer Songaufbau, keine Riffs oder Licks, nur Flächen, Drones, Soundscapes. In diese Kerbe schlägt wortwörtlich auch Schneider, dessen Schlagzeugspiel losgelöst von Takten und Rhythmen die Wärme begleitet, die N mit der Gitarre entfacht.
So frei „The Rincon Pio Sound“ auch von gewohnten Strukturen ist, so viele Analogien schleichen sich doch ein: Etwas „Dead Man“ von Neil Young dröhnt durch einige Tracks, Schneiders Schlagzeug erinnert vom Sound her, mit dem angeschlagenen Hi-Hat, in „Nueve“ an Swing oder Jazz, nur ohne den Takt, manche Gitarreneffekte könnten sogar von einem Synthie stammen.
Doch in der Mitte des Albums bricht es aus dem Duo heraus, die Gitarre wird noisy, das Schlagzeug heftig, man ist umringt von Lärm, das Gefüge wird kantig und sperrig. Den lärmigen Ansatz übernehmen die beiden dann etwas reduzierter für die nächsten Tracks; der Neil-Young-Fuzz erfährt eine zusätzliche Bearbeitung mit der Drahtbürste. Und als größtmögliche Überraschung hört man Schneider am Ende des letzten Tracks „Diez“, dessen Titel einen direkten Bezug zu ihm hat, einen geraden Rhythmus schlagen, so stoisch wie die alten Krautrocker, unendlich repetitiv, während Neidhardt dazu seine Gitarre in einem weit entfernten Hallraum herumstehen lässt. Wunderschön.
Schon wieder Spanien, da war Schneider erst jüngst mit seinem Duo Teen Prime unterwegs. Die Tour mit Neidhardt ist ein Jahr älter, und ganz ohrenkundig befeuerte es die beiden Musiker ungemein, miteinander auf Bühnen zu improvisieren, dass sie diese Energie direkt mit in ein Studio nahmen. Das Label behauptet, dieses Tape sei der ideale Soundtrack für eine Zugfahrt durch Nordrhein-Westfalen oder für den Tag nach einem Besäufnis oder, wenn man besonders sadistisch (also eher masochistisch) ist, beides. Aber nö: Diese Impro-Jazz-Drones machen auch nüchtern und zu Hause Spaß. Was sich indes hinter „The Rincon Pio Sound“ verbirgt, bleibt wohl ein Insiderwitz: „Rincón“ heißt Ecke, „Pio“ wahlweise fromm oder zwitschern, also das Geräusch der zwitschernden Ecke?
