Von Matthias Bosenick (17.02.2026)
Auf ihrem neuen Album „Incomparable Greatness“ huldigen die beiden Moskauer Petyaev-Brüder Peter und Pavel ihrem Idol John Coltrane – musikalisch wie inhaltlich. Das Album folgt einer Narration, wie bei Coltrane einer biblisch-christlichen Basis entsprechend, und kombiniert komponierten und improvisierten freien Jazz, von Ruhe zu Chaos. Parallel macht Saxophonist Peter Petyaev (Пётр Петяев) – Pavel ist Gitarrist – mit dem Soloalbum „Раскалённая любовь Бога (к самому Себе)“ separat auf sich aufmerksam. Auch darauf huldigt er, und zwar noch weiteren Göttern des Saxophons.
Dieses Saxophon kann so unendlich warm sein. Und so ebenso unendlich zerstörerisch. Gleiches gilt für das Piano. Die bis zu sieben unter dem Alias Petyaev-Peyaev agierenden Musiker beginnen die fünf Tracks von „Incomparable Greatness“ mit „We Magnify Thee“ warm, entspannt, zurückgelehnt, zunächst als dezentes Duell der Brüder, ein Saxophon, eine Gitarre, unterstützt von Piano und Schlagzeug, das sich leicht strukturgebend im Hintergrund hält, während ersteres die Wärme befeuert. Bis Saxophon und Piano zu dominieren beginnen und sich um die Wette verdrehen.
Erst mit der Zeit, also ab „Voice Of The Father“, treten weitere Instrumentalisten hinzu, Bass und ein zweites Saxophon hier, ab dem Titeltrack auch das wie ein Vibraphon eingesetzte Keyboard. Während das Schlagzeug seinen zumeist strukturschaffenden Aufgaben nachgeht, beginnen die Saxophone, einander zu umkreisen: Wahlweise verfolgen sie harmonisch eine freie Melodie, dann kippt eines ins Quäktröten, dann beide und alles wieder zurück. Sobald das Chaos groß genug ist, stimmen auch die anderen Musiker in das Pandämonium mit ein. Nach „No One Will Know Where He Comes From“ steigert sich dieser Sturm zum abschließenden „Blood From The Wounds“. Die Titel entleihen die Petyaevs der Bibel, jazzen also um christliche Themen herum. Ganz so also, wie es John Coltrane ebenfalls tat, dessen Saxophonspiel hier seinen Nachhall findet.
Noch mehr Referenz bietet „Раскалённая любовь Бога (к самому Себе)“, international auch „The Burning Love Of God (For Himself)“, das Solo-Album von Peter Petyaev (Пётр Петяев). Darauf huldigt er seinen Göttern, elf an der Zahl, und widmet jeden Track einem anderen Jazzmusiker. Darunter einen seinem Bruder Pavel, was allein schon zu Herzen geht. Na, und danach und abschließend einen sich selbst, wie es sich für einen guten Christen gehört: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, zudem legt der Albumtitel dies ja bereits vor. Er allein huldigt übrigens nicht: Zwar spielt er Tenor-, Bariton- und Sopran-Saxophone, für Kontrabass und Schlagzeug holte er sich noch Ksenia Savchenko und Eugene Pechenkin dazu. Klassische Besetzung für diese Art von Jazz. Und schön zudem!
Dieses Album fordert nun natürlich dazu heraus, sich mit den Gehuldigten zu befassen – wer den weiten Jazz-Horizont noch nicht hat, bekommt hier einen fabelhaften Fahrplan für die Reise zum Free Jazz der zurückliegenden 70 Jahre ins Ohr und ins Herz gelegt. Naja, eigentlich reicht die Zeitspanne sogar noch weiter zurück, nämlich bis zum Erfinder von Petyaevs Instrument: Mit „Адольфу Саксу“, also „Für Adolphe Sax“, beginnt dieses Album. Es folgen Ornette Coleman, der Erfinder des Begriffs „Free Jazz“, John Coltrane, Pharoah Sanders, Albert Ayler, Peter Brötzmann, Frank Wright und Duke Ellington. An neunter Stelle ist das Quasi-Titelstück „Раскалённая любовь Бога“ gesetzt, der Zusatz „к самому Себе“ folgt mit den letzten beiden Tracks.
In seiner Ehrerbietung schlägt das Trio nicht über die Stränge. Obschon hier selbstredend der freie Jazz im Mittelpunkt steht, gestaltet das Trio diesen nicht konturlos, es bleibt nachvollziehbar, auch in ausufernden, ungebremsten, wilden Momenten inmitten der geordneten Wärme. Auch hier liefern das Schlagzeug und der Bass einen Körper für das freie Spiel des Saxophons, das indes nicht kontinuierlich Grenzen überschreitet. Und auch die Rhythmiker wissen ungezügelt zu agieren; ein wirbelnder warmer oder auch mal gestrichener Bass, ein rasselndes, stürmendes, klickerndes Schlagzeug, die beiden Gastmusizierenden sind mehr als nur Begleitung.
In den Linernotes drückt Petyaev seine Wertschätzung für all die genannten Götter aus. Seinen Bruder fügte er aus mehreren Gründen hinzu: nicht nur, weil er tatsächlich ein wichtiger Einfluss für ihn war und ist, sondern auch, weil er das dreistündige Aufnahmematerial auswertete, die Tracks auswählte und den nach ihm benannten für den besten hielt. Diese Bruderliebe ist sehr anrührend. Zuletzt weiß Petyaev darum, dass es diese Platte ohne ihn selbst nicht gegeben hätte, und beschließt es mit dem einzigen Stück der Aufnahmesessions, das er mit dem Sopransaxophon bestritt.

