Von Matthias Bosenick (18.03.2026)
Nach rechtlichen Querelen um den Song „Go West“ kommt nun die am 7. Juli 2023 in Kopenhagen mitgeschnittene Dokumentation der „Dreamworld“-Tour von den Pet Shop Boys doch noch heraus, als ein dreiviertel Stunden lange Doppel-CD mit BluRay und ohne den Stein des Anstoßes. Aber mit 24 Singles, die die Setlist bilden und die staunen lassen, wie viele Lieblingslieder das Synthiepopduo bereits in der ersten Dekade seiner Existenz in die Welt setzte. Leichte Modifizierungen erweitern die Freude an diesen Hits: Ein lebendiges Museum mit Spaß daran und darin.
Mit dem Ausflug nach „Suburbia“, inklusive einer intensivierten Sprachsequenz am dramatischen Schluss, beginnen Neil Tennant und Chris Lowe ihre Greatest-Hits-Reise. Die „Dreamworld“-Tour ist die erste des Duos, bei der ausschließlich als Singles veröffentlichte Songs auf die Setlist kamen; kurz nach dem Tourstart 2022 brachten die Pet Shop Boys die dicke Sammlung „Smash: The Singles 1985-2020“ heraus. Live-Mitschnitte der Jungs, die in den Achtzigern noch posaunten, sie würden niemals live auftreten, es sei denn, Bananarama machten ihnen das vor, gibt’s unzählige, denn nachdem dieser Fall tatsächlich eintrat, gab’s für die Pet Shop Boys kein Halten mehr – Tour um Tour folgte, nicht selten als Theater-Performance verkleidet. Als VHS, DVD oder CD kamen heraus: „Highlights“ 1990, „Performance“ 1992, „Discovery: Live In Rio“ 1995, „Somewhere“ 1997, „Montage: The Nightlife Tour“ 2001, „Concrete“ 2006, „Cubism“ 2007, „Pandemonium“ 2010, „Inner Sanctum“ 2019 – und nun also „Dreamworld“.
Die seit den Neunzigern mehr und mehr ausgelebte Neigung Lowes, seine Synthies und Keyboards gelegentlich auf Käse zu schalten, dringt hier nicht ganz so oft durch wie auf anderen Livedokumenten oder gar Studioalben, und wenn, freut man sich beinahe darüber, weil es belegt, dass das hier trotz Samples stapelweise Live-Elemente hat. Ja, Lowe spielt Keyboards, und der Gesang von Tennant ist definitiv echt, eindeutig. Zudem hat das Duo eine große Zahl an Hintergrundmusizierenden dabei, die die hörbaren Original-Elemente – etwa Johnny Marrs Gitarre, möchte man annehmen – mit neuen Ideen anreichern und die Tennant am Schluss bei „Being Boring“ namentlich vorstellt.
Zunächst weiter mit Song #2: Nach dem mitreißenden Auftakt wählen die Pet Shop Boys das eher zurückgenommene „Can You Forgive Her“ als zweiten Hit, das die Wellen etwas glättet, obwohl es die Zeile „Dance to Disco“ enthält. Als Quasi-Einführung in diese größten Erfolge reiht Tennant anschließend Titel um Titel narrativ aneinander, willkommen „in Dreamword, where being boring is a sin“. Nett. Wie er überhaupt eine Menge Anekdoten zum Besten gibt.
Die herausgeklagte Coverversion von „Go West“ stammt vom selben Album wie der soeben ausklingende Hit und fehlt hier an Position 22. Hatte man lediglich die Information, es habe rechtliche Schwierigkeiten bei der bereits viel früher geplanten Veröffentlichung von „Dreamworld“ gegeben, hätte man eher vermutet, U2 seien der Anlass gewesen, nicht die Village People. Aber nö, „Where The Streets Have No Name (I Can’t Take My Eyes Off You)“ ist hier enthalten. Es gibt offenbar eine Version von „Dreamworld“ mit „Go West“, aber die ist unbezahlbar. Der U2-Song mit dem Musical-Medley erhält hier eine zusätzliche Synthiemelodie, die das Hymnische noch hervorhebt, dazu neue Streicher-Samples am Schluss. „I Don’t Know What You Want But I Can’t Give It Anymore“ bekommt hier zusätzlichem Gesang; ja, es gibt zusätzliches Personal auf der Bühne und man hört es.
Jener genannte Song stammt aus dem Jahr 1999, also schon von nach der ersten Erfolgszeit der Pet Shop Boys. Stücke von nach der ersten Dekade finden sich hier in der Setlist kaum, die letzten 30 Jahre sind beim Thema Greatest Hits offenbar nicht mitgemeint, dabei hatten sie da noch haufenweise solcher. Nicht mal das im Laufe der Tour herausgebrachte Studioalbum „Nonetheless“ ist hier berücksichtigt, gerade vier Songs der 24 sind jünger als 30 Jahre. Das zeigt, wie viele nachhaltige Knallersingles sie in der ersten Dekade bereits hatten. Würde aber andererseits hervorheben, dass die Pet Shop Boys zu den sehr sehr wenigen Synthiepopinstanzen der Achtziger gehören, die nicht nur immer noch und ohne Unterbrechung existieren, sondern nach den Achtzigern noch relevante Sachen herausbrachten. Erasure: Check für ununterbrochene Existenz, bedauerlicherweise jedoch nicht für Relevanz; Depeche Mode: Check für beides, mal ohne die Qualität zu berücksichtigen. Ende. Naja, Yello gibt’s auch immer noch, aber eher so irgendwie und gelegentlich, und die Erfinder des Synthiepopduos, die Sparks, sind älter als die Achtziger und begannen mit ganz anderer Musik.
Zurück zum Set: Die Pet Shop Boys verbinden viele ihrer Songs hier mit fließenden Übergängen, die an frühere Live-Dokumentationen erinnern, auf denen sie ihre Stücke sogar zu Medleys verschmolzen. So arg verfahren sie hier nicht, auch wenn beim Übergang zu „So Hard“ eine Anmutung davon aufkommt. Was die beiden Engländer aber schnell zerstreuen, da solche ausgearbeiteten Übergänge hier vielmehr auf neue Arrangements verweisen. „Left To My Own Devices“ etwa bekommt ein abgewandeltes Intro sowie sogar zusätzliche Streicher-Figuren. Eindeutig ein Mehrwert.
Und da fällt einem dann auf: Die Songs sind so sehr in den allgemeinen Hit-Kanon eingegangen, dass deren damalige popkulturell historische Bedeutung hinter der Bedeutung als Mitklatsch-Hit verlorengeht. Damals nahmen die Pet Shop Boys auch im Untergrund kursierende Einflüsse auf, etwa Acid House Ende der Achtziger, und integrierten sie in ihren Synthiepop. Museal ist dieses Konzert vorrangig in der biographischen Bedeutung für das Publikum, das eifrig mitklatscht und mitsingt – und sich an sich selbst früher erinnert.
„Tak Copenhagen!“, ruft Tennant und die Leute jubeln. Mehr Dänisch ist nicht, aber ist ja auch nicht schlimm, dafür erzählt er, dass er sich freut, wieder dort zu sein, und leitet den Teil der Anekdoten ein. Etwa die, woher der Song „Domino Dancing“ seine Inspiration bezog. Das Stück bekommt von Tennant einen choreografierten Mitsing-Refrain, von Lowe leicht modernisierte Beats, und es geht fließend und dezent beschleunigend in das Siebziger-Disco-infizierte „Monkey Business“ über, abermals mit einer Anekdote verbunden. Das gilt auch für „Jealousy“, dessen heftigere Drum-Sounds beinahe Industrial über dieser Ballade legen. Auch „Love Comes Quickly“ bekommt ein angepasstes Intro, das sich durch den Song zieht, plus leicht verhärtete Beats über den vertrauten Synthies, mithin ein schönes neues Arrangement. Der Song fließt in „Paninaro“, das Lowe spricht und mit zusätzlichen Synthies garniert, und das geht direkt über in „Always On My Mind“, die nächste Coverversion, den nächsten choreografierten Mitsing-Song.
Das jüngere Stück „Dreamland“ erhält live einen Zusatz-Gesang. Es lappt über in „Heart“, die Samples mischen sich an der Schnittstelle wie bei einem gelungenen DJ-Set. Die Sängerin übernimmt danach den Part von Dusty Springfield in „What Have I Done To Deserve This?“; eine gute Entscheidung, das verstorbene Original nicht zu sampeln, auch wenn diese Stimme hier nicht ansatzweise die Qualität der Ausgetauschten hat. Der nächste Cover-Song ist „It’s Alright“, was ja kaum jemand weiß: Das zwei Jahre ältere Original ist von Sterling Void und Paris Brightledge. Void fertigte damals ja sogar einen Remix vom Cover an, so wie die Pet Shop Boys jüngst vom „West End Girls“-Cover der Sleaford Mods. Zum Schluss kommen nochmal drei Hits, von denen man nach dem großen Reigen an Lieblingsliedern gar nicht mehr annahm, dass sie überhaupt noch fehlten, und wahrlich, sie hätten gefehlt. Zwei davon stellen die Zugabe, nämlich „West End Girls“ und „Being Boring“. Da verfahren die Pet Shop Boys wie alle Liveleute, die ihre größten Erfolge ans Ende packen – außer Killing Joke, die zuletzt ihre Sets immer mit „Love Like Blood“ eröffneten.
Macht fast zwei Stunden Zeitreise mit behutsam erweiterten Superhits des Synthieopopduos. Wer einen BluRay-Player hat, der schaue, der Rest erfreue sich am Gehörten. Oder greife zu „Disco 5“, wo die Sleaford Mods enthalten sind. Unter anderen.
Dreamworld:
01 Suburbia (von „Please“, 1986)
02 Can You Forgive Her? (von „Very“, 1993)
03 Opportunities (Let’s Make Lots Of Money) (von „Please“, 1986)
04 Where The Streets Have No Name (I Can’t Take My Eyes Off You) (von „Discography“, 1991)
05 Rent (von „Actually“, 1987)
06 I Don’t Know What You Want But I Can’t Give It Anymore (von „Nightlife“, 1999)
07 So Hard (von „Behaviour“, 1990)
08 Left To My Own Devices (von „Introspective“, 1988)
09 Single Bilingual/Se A Vida É (That’s The Way Life Is) (von „Bilingual“, 1996)
10 Domino Dancing (von „Introspective“, 1988)
11 Monkey Business (von „Hotspot“, 2020)
12 New York City Boy (von „Nightlife“, 1999)
13 Jealousy (von „Behaviour“, 1990)
14 Love Comes Quickly (von „Please“, 1986)
15 Paninaro (von „Disco“, 1986)
16 Always On My Mind (von „Introspective“, 1988)
17 Dreamland (von „Hotspot“, 2020)
18 Heart (von „Actually“, 1987)
19 What Have I Done To Deserve This? (von „Actually“, 1987)
20 It’s Alright (von „Introspective“, 1988)
21 Vocal (von „Electric“, 2013)
(gestrichen: Go West, von „Very“, 1993)
22 It’s A Sin (von „Actually“, 1987)
23 West End Girls (von „Please“, 1986)
24 Being Boring (von „Behaviour“, 1990)
