Nightmarer – Hell Interface – Total Dissonance Worship/Wax Vessel 2026

Von Matthias Bosenick (10.02.2026)

Da knüppeln sich aber vier Männer durchs Leben: Mit „Hell Interface“ liefert das Quartett Nightmarer aus Portland eine EP mit nur vier Tracks, die schwerer wiegen als manch ganzes Album. Von den extremen Extrem-Spielarten beherrschen Nightmarer ohrenkundig alle und bringen sie auch alle in diesen gut 20 Minuten unter: Technical Death Metal, Djent, Doom, irgendwas zwischen Hardcore und Black Metal sowie das weite Feld um Avantgarde und Prog. Und schaffen es trotzdem, dass man sich diese EP anhören kann und den Eindruck schlüssiger Tracks bekommt. Und einen malträtierten Nacken.

Die Nightmarer können auch Riffs, wie man sie seit Jahrzehnten dem Metal zuordnet, das schon. Doch spielen sie sie mit sehr viel Fuzz, also nicht in der palm muted, vergleichsweise klaren Variante, hier sitzt Dreck drauf, hier wird klar: Die Welt ist zu Scheiße für ordentlichen Metal, hier gehört Unordnung hinein. Aber nur oberflächlich: Natürlich folgt auch dieses Chaos einer Ordnung, und die ist gar nicht so schwierig nachzuvollziehen.

Die EP startet ohne Sound, quasi – „Extinction Burst“ schiebt sich aus der Dunkelheit heraus und geht direkt in extrem schnellen Death oder Black Metal über, die Growl-Stimme begleitet das fette Gemoste. Dabei bleibt es nicht lang, die Gitarren wechseln zum Drone, zur Soundscape, die das Schlagzeug dann mit dem vorherigen Tempo begleitet. Sobald die klare Stimme einsetzt und die Musik sich zurücknimmt, könnte man sie auch bei Killing Joke zu Zeiten von „Extremities, Dirt And Various Repressed Emotions“ verorten.

So geht es munter weiter: „Shame Spiral“ setzt Bass, Gitarre und Schlagzeug zu Beginn ein wie Meshuggah, also ungerade Rhythmen, dominant gebogener Bass, Gitarre für den Teppich. Es folgt eine dunkle, langsame, rhythmisch komplexe Phase nahe dem Atmospheric Black Metal gekreuzt mit dem Djent, bis der Track komplett auf Speed setzt. Die schleppende Klargesang-Passage in „Crawl Of Time“ hat etwas von Doom Metal, eingebettet in ruhigeren Djent, mit dem auch das finale Titelstück loslegt, bevor es losbrettert – und zwischendurch für wenige Sekunden in jazzige Strukturen verfällt. Erst jetzt wird einem überhaupt bewusst, dass man die ganze Zeit ohne konkrete Melodien verbrachte, und das sehr angenehm.

Kaum weniger aufsehenerregend als die Musik ist ihre Entstehung, denn das Quartett verteilt seine Instrumente nicht auf seine Musiker, wie man es traditionell erwarten würde. Die Hälfte der Mitmachenden sind nämlich Sänger, John Collett und Christian Kolf. Bass und Gitarre spielt lediglich eine Person, nämlich Simon Hawemann. Dafür übernimmt Schlagzeuger Paul Seidel noch die Keyboards. Die Band fand sich 2013 zusammen aus Überresten von anderen Gruppierungen wie War From A Harlots Mouth, The Ocean Collective sowie unzählbar vielen weiteren Bands. Nach einer EP erschien 2018 das Debüt mit dem vielversprechenden Titel „Cacophony Of Terror“, nach weiteren EPs folgte 2023 der Nachfolger „Deformity Adrift“. „Hell Interface“ soll eine neue Wegrichtung einläuten.