Ministry – The Squirrely Years Revisited – Cleopatra Records 2025

Von Guido Dörheide (02.04.2025)

Der wunderbare taz-Cartoonist ©Tom hatte vor über 20 Jahren mal einen Comicstrip veröffentlicht, den ich nie vergessen habe: Ein offenkundiger Hipster mit rechteckiger Sonnenbrille, schütterem Haar und feschem Bärtchen sitzt in einem Café und liest eine Zeitschrift namens „Kohle“. Das hätte eigentlich allein schon ausgereicht, um mich vor Lachen vom Stuhl zu hauen, aber es ging ja noch weiter. Auf die Frage „Ja?“ der Kellnerin antwortete er mit „Ah – bringen Sie mir eine Latte und ein Hörnchen!“ Und ich wieder so „Pruuuust, gacker!!!“, weil mir dieses „‘ne Latte“ für irgendein italienisches Getränk mit Milch drinne damals komplett auf den Zeiger ging. Zu oft hatte ich auf österreichischen und süddeutschen Autobahnen diese silbrig glänzenden, phallisch anmutenden Tanklastzüge mit der Aufschrift „Transporto Latte“ gesehen, um zu vermuten, dort könnte irgendetwas anderes transportiert worden sein als Milch. Und im dritten Bild sitzt der Typ mit blödem Blick da und hält eine Dachlatte in der Linken und ein Eichhörnchen in der Rechten. Touché!

Und dann geht Al(ien) Jourgensen von Ministry bei und veröffentlicht proaktiv und unaufgefordert ein Album namens „The Squirrely Years Revisited“, was ich mir in meiner Unbeholfenheit mit „Die hörnchenmäßigen Jahre nochmal besucht“ übersetze, und auf dem Cover zu sehen ist – halten Sie sich fest, liebe Lesenden: Ein Hörnchen mit einer Riesenlatte. Oder, wie der Amerikaner sagt, a squirrel with a huge erection. Schön ist das nicht, anscheinend möchte Mister Jourgensen verhindern, dass sich das Album verkauft.

Was nur folgerichtig wäre, denn es enthält zahlreiche Stücke des Ministry-Debuts „With Sympathy“ [Anmerkung von Matze: Meine Ausgabe des Albums heißt „Work For Love“, kurios], für das Jourgensen sich schämt, da es von der Plattenfirma aufoktroyierten Synthpop enthielt, den Jourgensen so nie intendierte. Ohne dieses Album hätte der kubano-skandinavische US-Bürger Jourgensen aber wohl niemals diese Karriere als Pionier des harten Elektro-Industrial-Metals mit glaubwürdiger Anti-Republikaner-Attitüde hingelegt, die er mit dem dritten Ministry-Album „The Land Of Rape And Honey“ startete, ohne dieses Album hätte es nie diese wunderbaren Zusammenarbeiten mit Front 242 (Revolting Cocks) oder Jello Biafra (Lard) gegeben, in die Jourgensen unter anderem auch Trent Reznor (Nine Inch Nails) oder Billy Gibbons (ZZ Top) mit hineinzog, ohne dieses Album hätte Jourgensen wohl nie angefangen, in stundenlanger akribischer Feinarbeit sehr harte Gitarrenspuren, ebenso harte Elektronik und Ansprachen von Politikern analog, also mittels Zerschneidens und neu Aneinanderklebens von Tonbändern, zu dem zusammenzufügen, was das musikalische Schaffen von Ministry seit Ende der 80er ausmacht.

Jourgensen ist ein Arbeitstier, er ist ein Ex-Junkie, er ist dem substanzeninduzierten Tod mehr als dreimal von der Schippe gesprungen, und er hat noch nie etwas veröffentlicht, das auch nur ansatzweise enttäuschte. Langweilte vielleicht, OK, aber der Gesamtoutput von Ministry ist unterm Strich auf jeden Fall über jeden Zweifel erhaben. Auch wenn dabei nicht jedes Jahr ein neues „Jesus Built My Hotrod“ rausspringt. Sorry, diesen Titel musste ich jetzt hier noch erwähnen, denn diese, vom Butthole-Surfers-Frontmann Gibby Haynes gesungene Motorsport-Hymne war es, die mich seinerzeit (1991) auf Ministry aufmerksam machte. Und mich ein T-Shirt kaufen ließ, auf dem vorne ein orangener MOPAR-Hemi-Motor drauf ist und hinten der Spruch „No Man with a good Car needs to be justified“. Ich trug es in meiner damaligen Stammdisko „Exil“ in Bodenteich (damals noch ohne den Zusatz „Bad“, es waren halt die guten alten Zeiten) voller Stolz, bis es irgendwann komplett verwaschen aussortiert werden musste. Und scheiß die Wand an – dieses T-Shirt ist immer noch bestellbar, was ich sofort tat, und seitdem freue ich mich drauf, es tragen zu können, wenn im Oberharz endlich der Sommer anbricht.

Aber nun zurück zum Thema: Al Jourgensen bringt nun also ein Album heraus, das zu einem Drittel aus Stücken des verhassten Debüt-Albums „With Sympathy“ besteht, drei Stücke stammen vom zweiten Ministry-Album „Twitch“ und der Rest ist bekannt von Frühe-Jahre-Kompilationen wie „Early Trax“ und „Trax!Box“. Und alles wurde mit der aktuellen Ministry-Besetzung neu eingespielt, also rechne ich mit skelettierten Frühwerken, die um den bekannten und beliebten verzerrten Gesangsstil der späteren Ministry-Werke sowie um zahlreiche bratzige Industrial-Metal-Riffs ergänzt wurden. Aber zum Glück weit gefehlt! Schon das erste Stück, „Work For Love“ vom besagten Debütalbum, beginnt mit einem ungewohnten, düsteren Synthesizer-Intro, und dann grooved das Ganze ebenso funky wie das Original, eine solche Gitarre hätte ich eher bei Prince als bei Ministry erwartet, und der Gesang ist nahezu unverzerrt, aber rauh, nicht so unerträglich/kitschig/glockenhell wie beim Original, hier wird ein damals schon großartiger, aber kaputtproduzierter Song sehr pietätvoll in die Neuzeit herübergerettet und zu etwas Großartigem gemacht.

Es folgt „Here We Go“, ein Song, der prinzipiell auch aus der Feder Vince Clarkes hätte stammen können, nur hätte dieser diese Casio-Keyboard-Bläser und den allzu dünnen Gesang nie zugelassen. Aber Tempo, Groove und Melodie waren 1983 durchaus stimmig. 2025 verpasst Jourgensen dem Song einen düsteren, mehr basslastigen Anstrich, härtere Drums, die fiesen Stakkato-Synths bleiben drin und der Gesang wird dezent mit grobem Schmirgelpapier veredelt. Nun passt alles.

„All Day“ war schon damals ein toller Song, der die Qualitäten von Yellow Magic Orchestra und den frühen Depeche Mode miteinander vereinte, und in der Neuauflage fügt Jourgensen noch ein wenig späte (also seit 1992) Front 242 hinzu, der Song wirkt jetzt erwachsen und macht sehr viel Spaß.

„Every Day Is Halloween“ hätte man nicht neu aufnehmen müssen, es war damals schon perfekt. Im Gegensatz zur Neuauflage klingt das Original allerdings fast poppig, die Verdüsterisierung, die Jourgensen dem Remake hat angedeihen lassen (ohne auf das Peter Frampton/Bon Jovi-mäßige „appu bappu bappa“ aus der Talk Box zu verzichten, hihi, da fühlen wir, wie wir tun), steht ihm gut zu Gesicht und klingt komplett zeitlos.

Auch bei „Revenge“ rettet Jourgensen das ursprüngliche Synth-Intro in die Neuzeit hinüber – das gefällt mir soo gut an diesem Album: Nie habe ich Ministry mit Synthesizern in Verbindung gebracht, es ging eigentlich immer nur um harte und schnelle Riffs, brutales Schlagzeug, Sampling und verzerrten, aggressiven Gesang, ganz am Anfang war das aber anders und genau das haut Jourgensen hier nicht kaputt, sondern übernimmt es und verhärtet die tollen frühen Kompositionen genau so, dass man sie heute gut hören kann, aber trotzdem von 80er-Jahre-Nostalgie ergriffen wird wie Sau.

Der letzte „With Sympathy“-Song ist „Effigy (I’m Not An)“ bzw. „I’m Not An Effigy“, wie er heute heißt. Und hier stelle ich fest, dass ich das Original nahezu unhörbar finde, es hat zwar ein nettes Synthie-Intro, aber dann versinkt es in Abgeschmacktheit: Dünner, um Coolness bemühter Gesang, Synthiegekleister, lausig produzierte Gitarren und wattebauschweiche Elektrotrommeln. Die Neueinspielung hingegen überzeugt: Die Synths sind immer noch da, das Schlagzeug ist hart und pointiert, der Gesang klingt ernst und wirklich schön und man erkennt: Das ist hier gerade ein Super-Song, nur hat man eben damals nichts draus gemacht. Aber besser spät als nie. Und in dem Wechsel zwischen düsterem Strophen-Gesang und mit viel Hall versehenem Refrain erkenne ich die geliebten Ministry der späten 80er-Jahre wieder.

Und dann wird es spannend: „I’m Falling“ ist ein Stück, das ich von den „Early Trax“ und aus der „Trax!Box“ kenne und das ich in der Originalversion überaus großartig finde: Schlagzeug und Bass könnten aus der „A Forest“-Phase von The Cure stammen und Jourgensen singt, als hätte er sich gerade bei Bauhaus beworben. Dazu eine Melodie, die wohl weder Robert Smith noch Peter Murphy abgelehnt hätten, hätte man sie ihnen zu singen angeboten. Wie kann man das verbessern? Nun: Mehr oder weniger gar nicht, und das tut auch überhaupt nicht Not. Die Neuaufnahme klingt ähnlich wie das Original, nur der Gesang ist irgendwie weniger lebendig. Hätte man nicht machen müssen.

Anders verhält es sich bei „Same Old Madness“. Das Original wird von einem hyperaktiven, seeehr 80er-Jahre-mäßigem Synth angetrieben und ist über 5 Minuten lang. Der Gesang klingt hoch und mangels stimmlicher Präsenz wünschte ich mir, Ministry hätten damals Stan Ridgway von Wall Of Voodoo verpflichtet, dann wäre das was geworden. Auf „The Squirrely Years Revisited“ klingt die Musik ähnlich wie damals, nur dumpfer und düsterer und dadurch schöner, der Gesang hingegen ist um Klassen besser, zwar ebenso flach wie damals, aber hier jetzt irgendwie verzweifelt. Vergleichen Sie, liebe Lesende, „Shake Dog Shake“ von The Cure auf den Alben „The Top“ und „Concert – The Cure Live“ und Sie werden verstehen, was ich meine. Das darauf folgende „I’ll Do Anything For You“ haut in eine ähnliche Kerbe, nur klingt hier das Original eher nach „Japanese Whispers“ und die neue Version nach irgendwas Tollem, das aus Belgien zu kommen scheint.

Danach kommen wir zu drei Songs vom Ministry-Zweitlingswerk „Twitch“, das sich ebenfalls sehr nach Belgien in den 80er Jahren, also nach EBM mit verzerrtem Gesang, anhörte. Die Originale sind für sich genommen schon unangreifbar, und auch hier können die heutigen Ministry noch einen draufsetzen. Das gilt für „Just Like You“, „We Believe“ und „Over The Shoulder“ gleichermaßen: Alle drei Songs hören sich für mich im Original an, als wären sie für das – meine Meinung – vollkommen zu Unrecht vermisunterschätzte und in meinen Augen letzte gute 242-Album „Tyranny (For You)“ (1991) gemacht und die neuen Versionen klingen ein wenig härter, ein wenig besser produziert, ein wenig düsterer und daher genau nach meinem Geschmack.

Ich will mir jetzt nicht anmaßen, zu behaupten, dass „The Squirrely Years Revisited“ das beste Ministry-Album seit dem überragenden 1995er Düsternismonolithen „Filth Pig“ ist, aber es ist auf jeden Fall das herzerfrischendste und überraschendste Teil, das man sich vorstellen kann, und außerdem wurde es auch mal Zeit, das obskure Ministry-Frühwerk nicht nur zu würdigen, sondern durch zeitgemäße Verbesserung und liebevolle Indieneuzeitüberführung der den Originalen innewohnenden guten Ideen überhaupt erstmal hör- und genießbar zu machen. Und so lege ich – als ein freier Bürger – Stolz in meine Worte, wenn ich sage „Ding-a-ding-dang-my-dang-a-long-ling-long“. Mit einem weichen „L“.