Von Matthias Bosenick (26.01.2026)
Okay, bisschen spät, also ungefähr einen Monat, aber so ist das bisweilen im Leben, manches verzögert sich, und guckt man aus dem Fenster, ist zumindest die Witterungslage dem Thema dieser beiden Rereleases von Gitarrist Markus Reuter sehr nahe. Auf den Alben „Winter Solstice“ und „Comet“ ließ der Berliner traditionelle Weihnachtslieder mit seiner Gitarre zu Ambient werden – auch wenn es sich merkwürdig anfühlt, die aus der Kindheit vertrauten Melodien so jetzt erst zu hören, wird einem doch angenehm warm ums Herz.
Echt mal: Mit „Silent Night“ beginnt Reuter seine Reise, und er schafft es aus dem Stand, dass man die Abspielapparatur nicht entsetzt ausschaltet. Man bleibt dran und wird belohnt. Denn die meisten, die in Deutschland aufwuchsen, verbrachten so einige Zeit ihrer Kindheit in Gesellschaft dieser Melodien. Sie sind eng mit der eigenen Biografie verbunden und darüber hinaus natürlich Teil der Kultur. Obschon man ihrer über die Lebensjahrzehnte zumeist überdrüssig wurde, da man die Maschinerie dahinter – wahlweise die kirchliche oder die kapitalistische – nicht mehr erträgt, sind sie tief innen drin mit einem Gefühl von Harmonie, Geborgenheit, Behütetsein verbunden.
Und genau das kitzelt Reuter aus ihnen heraus. Man erkennt die Melodien zwar noch und hat auch die Textfetzen noch im Ohr – gottlob, man muss es so sagen, bleibt Reuter instrumental –, doch Reuter bettet diese Stücke ein in eben Harmonie, Geborgenheit, Behütetsein. Seine Gitarre ist weich, die Melodien sind nur ein Teil seiner Darbietung, er generiert Soundscapes und Sounds, die sich wie ein Bett, also nicht wie eine stachelige Krippe, ausbreiten und die alltagsverseuchten Erwachsenen eskapistisch mit ihren Sehnsüchten konfrontiert, sie bestenfalls sogar stillt. Die gelegentliche Kirchenorgel-Anmutung ist sicherlich kein Zufall. Er entlockt diesen Stücken die Schönheit, die ihnen inneliegt, und befreit sie von dem Kitsch, der sie zumeist unerträglich macht. Für den zweiten Teil griff Reuter teils auf weniger bekannte Stücke und auch auf weniger wattige Sounds zurück, der könnte somit zeitloser erscheinen.
Diese Versionen möchte man Weihnachten gern wieder auflegen. Oder auch jetzt. Bedauerlicherweise war der Rezensent zu langsam, denn Reuter machte diese beiden Rereleases – „Winter Solstice“ erschien 2018, die Fortsetzung „Comet“ 2021 – nur im Dezember zugänglich. Warten wir auf den nächsten.
Die Stücke, die diesen Ambient-Tracks zugrundeliegen: „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Tochter Zion“, „Leise rieselt der Schnee“ und „In dulci jubilo“ auf „Winter Solstice“, „Ihr Kinderlein kommet“, „Maria durch ein Dornwald ging“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Macht hoch die Tür“, „Ich steh an deiner Krippen hier“ sowie das bei Mike Oldfield ausgeborgte „The Time Has Come“ auf „Comet“.

