Liegengeblieben! (9)

Von Chrisz Meier (25.02.2026)

Hallo. Ich bin Chrisz Meier und arbeite bei einem Bürgerradio in Südwest-Niedersachsen. Der Sender bekommt ständig Promo-CDs zugeschickt, die niemand verlangt hat und um die sich niemand kümmert. Diese CDs landen dann mitsamt ihrem Beipackzettel der Plattenfirma, auf der die jeweilige Band stets als die Neuerfinder der Musik gepriesen wird, in einer schmucklosen Ablage, beschriftet mit „Zum Mitnehmen“. Einige der bei dem Sender ehrenamtlich Tätigen, Betreiber ihrer eigenen Radioshows, bedienen sich daraus, vieles bleibt aber dennoch liegen. Diese Liegengebliebenen durchforste ich in unregelmäßigen Abständen, immer auf der Suche nach unentdeckten Perlen – nicht zuletzt deswegen, weil ich, selbst Teil einer Band, der keinerlei Beachtung entgegengebracht wird, es ungerecht finde, diese mit viel Herzblut und Zeit hergestellte Musik einfach zu ignorieren.

Also werde ich an dieser Stelle hin und wieder ein paar dieser Liegengebliebenen vorstellen. Und ja, dieser Text steht am Anfang jeden Teils dieser Reihe. Der letzte Beitrag ist nämlich schon drei Monate alt und niemand guckt nach „älteren Beiträgen“, oder?

Trio HUM mit ihrem Album „three“. Die Frankfurter in klassischer Triobesetzung würden gerne Heavy Psychedelic Stoner Rock machen. Das klappt aber, zumindest auf diesem Album, nicht so ganz. Verantwortlich dafür ist in erster Linie die Produktion. Die Songs klingen wie mit einem Telefonhörer in einem Keller aufgenommen, der Basssound ist furchtbar. Druck sucht man hier vergeblich, was nicht gut ist auf einem Stoneralbum. Aber auch das Songwriting reißt mich nicht vom Hocker. Das ist mir alles etwas zu einfach bzw. simpel. Auch was das psychedelische angeht, bin ich nicht begeistert. Nun gut, das nächste Album wird sicher besser.

HUM: three
LP, CD, Digital
Tonzonen Records (2025)

Das nächste Album erstand ich vorm Hauptbahnhof Braunschweig. Ich wurde angesprochen, ob ich englisch spräche und auf Rockmusik stehen würde. Schwupps, hatte ich eine CD gekauft. Und siehe da: Bei der Recherche zu Defrage Reload aus Estland stellt sich heraus, daß diese Band mehr Fragen als Antworten liefert. Lesenswert ist dazu der Artikel von René Grandjean auf der Seite musik-unterm-radar.com. Zur Musik. Was Defrage Reload hier mit „Revelation One“ abliefern, ist zwar gut produziert, aber so vorherseh- wie ausrechenbar. Alle, wirklich alle Spielregeln des zeitgenössischen Powermetals werden penibel eingehalten, Platz für Überraschungen gibt es nicht, jeder Millimeter ist verplant. Die fünf Musiker wirken wie Abziehbilder aus dem Klischeebaukasten. Dies ist genau die Sorte Bands, die auf den kommenden Sommerfestivals die Bühnen verstopfen werden und mit ihrer belanglosen Musik die Massen zum Toben bringen. Wenn es sie denn wirklich gibt, diese mysteriöse Band.

Defrage Reload: Revelation One
CD
??? (2023?)

Es gibt Platten, die verarschen einen. „Liminal Status“ von Watertank ist so eine. Zunächst dachte ich nämlich „Wow! Sollte das meine neue Lieblingsscheibe werden?“ Die vier Franzosen mischen Indie- mit Alternative Rock, auch Post-Hardcore ist ihnen nicht fremd. Das ist schon mal eine gute Ausgangslage; viele meiner Lieblingsbands machen sowas. Dazu klingt das Album schön fett unterm Kopfhörer, da hat jemand ein feines Händchen beim Mixen bewiesen. Soweit, so gut. Aber schon bald, sehr bald schlichen sich erste Abnutzungserscheinungen ein sowie die Erkenntnis, daß hier vieles nach Reißbrett klingt. Als gäbe es mittlerweile ein Handbuch für diese Art von Musik mit Kapiteln wie „Wo setze ich wann einen Break für optimale Wirkung“ oder „Dynamik für Dummies“ oder „Effekte, die immer funktionieren“. Mit der Zeit fühlte ich mich also manipuliert. Das tut Musik zwar oft bis immer, hier aber ist es auf ganzer Albumlänge – wie gesagt – Verarschung. Aber gut, es soll Enthusiasten geben, die auf perfekt produzierte Popmusik im Alternative-Rock-Kleidchen stehen, denen sei Watertank gegönnt. Und ehrlicherweise muß gesagt sein, daß einzelne Songs aus „Liminal Status“ in einem Rock-DJ-Set bestens funktionieren werden.

Watertank: Liminal Status
LP, CD, Digital
Atypeek Music (2024)

Sehr viel sympathischer kommen dagegen Red Mess mit ihrem 2025-Album „Hi-Tech Starvation“ daher, allein schon wegen ihres mutigen Umzugs als komplette Band von Brasilien nach Berlin. Sie hätten gerne, daß die Welt ihre Musik als „Heavy Grunge 90s Alternative Stoner“ bezeichnet, und diesen Gefallen tue ich ihnen. Besser hätte ich es auch nicht aufzählen können. Um es abzukürzen: Wer auf eine oder mehrere der oben genannten Spielarten des Blues (Haha) steht, ist mit diesem Werk bestens bedient. Kein einziger Nanometer eines Rades wird hier neu erfunden, nur die Felge wird ständig neu lackiert. Soundmäßig liefern die drei genau das, was der, der gerne seinen Head bangt, zum Glücklichsein braucht: Tiefergelegte Gitarren, ordentlich Hall auffem Schlagzeug, mäßiges bis langsames Tempo. Ich muß es neidlos sagen: Red Mess machen alles richtig und damit nichts falsch. Dieses Powertrio (ausgelutscht, hier aber sinnvoll) muß live richtig Spaß machen, da bin ich mir ziemlich sicher. Empfehlung!

Red Mess: Hi-Tech Starvation
LP, CD, Digital
Noisolution (2025)

Und jetzt zu der Platte, die es wirklich und zu Recht in meine Sammlung geschafft hat und die ich schon im Jahresrückblick feierte: „In Ways“ von Slung. Nie von gehört, Debütalbum. Und dann gleich sowas. Die Band nennt das, was sie macht, alternative heavy Rock. Kann man so sehen. Ich sehe beim Hören des Albums allerdings immer einen Fluß vor mir. Zu Beginn, an der Quelle, geht es noch lebhaft und quirlig zu, im weiteren Verlauf glätten sich die Wellen und der Fluß zieht ruhig dahin, tief, dunkel und schwer unter einem Vollmond zu Mitternacht. Drei Musiker an Schlagzeug, Bass und Gitarre machen unaufgeregt ihre Arbeit, während die Sängerin für Melod- und Harmonien sorgt. Da sind schlau gesetzte, interessant phrasierte Background-Chöre zu hören, da sind dezent eingesetzte Streicher, da ist Dynamik im Songaufbau, und allein schon das sorgt für angenehmes Kribbeln im Nacken. Im dritten Song dann aber das: Eine Steel-Guitar! Aus dem Kribbeln wird eine massive Gänsehaut, die bleibt. Mir war überhaupt nicht klar, daß man dieses Instrument auch anders als in kitschig-schmalzigen Country&Westernsongs einsetzen kann! Hier, bei Slung, der Heavy Rock Band, macht ihr einzigartiger Sound die Musik noch dunkler, wärmer und tiefer als sie ohnehin schon ist. Hammer! Und so geht es weiter. Um das Bild des Flusses nochmal zu bemühen: Es kommen hier und da einige Stromschnellen für das Adrenalin, die Steelguitar kommt in den restlichen acht Liedern noch mehrmals zum Einsatz (der Titelsong „In Ways“ gehört ihr allein) und der Strom wird breit und breiter, bis er am Ende ins Meer mündet, nicht ohne den Sound eines Rhodes-Pianos als Abschiedsgruß hinzuzufügen. Fantastisch. Hoffentlich machen die vier irgendwann noch ein zweites Album. Was dann gerne wieder liegenbleiben darf, bis ich es finde.

Slung: In Ways
LP, CD, Digital
Fat Dracula (2025)