La Grazia – Paolo Sorrentino – I 2025

Von Matthias Bosenick (12.04.2026)

„La Grazia“ ist ein Film von Paolo Sorrentino, wie man ihn sich wünscht: Wunderbare Bilder, knappe, pointierte Dialoge, wundervolle Charaktere, ein knallender Einsatz von Musik und eine Geschichte auf dem höchsten politischen Parkett. Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo spielt hier einen aus dem Amt scheidenden Staatspräsidenten, der diverse Krisen dadurch bewältigte, dass er – nun – Ruhe bewahrte, und sich nun doch noch einigen politischen wie privaten Herausforderungen zu stellen hat. Ernste Themen, scharfer Humor.

Man nimmt Servillo den Präsidenten ab. Man wünscht sich gar, von Servillo regiert zu werden. Sein Mariano De Santis ist zwar ein gläubiger, selbstredend katholischer Christdemokrat, aber er dürfte der erste sympathische Politiker darstellen, den man bei Sorrentino in einer Hauptrolle zu sehen bekommt. De Santis ist freundlich, kultiviert, stilvoll, schlagfertig, sozial, gerecht. Jede Bewegung, jede Wort ist ein strahlender Ausdruck von Souveränität. Ein halbes Jahr hat er noch im Amt des Präsidenten, und diese Zeit will er mit glatten Wogen überbrücken.

Nun beginnt die Geschichte wie bei Sorrentino gewohnt fragmentarisch, schlaglichtartig, punktiert, mit allerlei Situationen und Herausforderungen, die nicht miteinander zusammenzuhängen scheinen. Doch entknäult Sorrentino das Drehbuch hier dieses Mal auf eine Weise, dass man der Geschichte leicht folgen kann, die nämlich nach und nach Punkt für Punkt mit Linien verbindet und gewisse Schwerpunktthemen erkennbar macht.

De Santis ist Jurist, mehr als er Politiker ist, sagt er selbst. Er meisterte diverse Staatskrisen, und sein Spitzname „Betonkopf“ lässt ahnen, dass er dazu neigt, Entscheidungen zu vertagen, bis sich Probleme von selbst aus der Welt räumen. So erarbeitete er sich den Ruf des maßvollen Diplomaten und Schlichters. Das Problem ist nur, dass er mit diesem Verhalten sein Umfeld auf die Palme bringt, weil er kneift, wenn es drauf ankommt. Das Pferd „Elvis“ von seinem Leiden erlösen? Muss er nachdenken. Zwei Begnadigungsanträgen stattgeben? Muss er nachdenken. Ein Gesetz zur Sterbehilfe unterzeichnen? Muss er nachdenken. Seine Tochter Dorotea unterstützt ihn administrativ und verzweifelt an der Bremse, seine beste Freundin Coco erdet ihn schlagfertig und dialogreich.

Außerdem ist De Santis Witwer und auf der eifersüchtigen Suche nach dem Nebenbuhler, den seine verstorbene Frau 40 Jahre zuvor einmal hatte. Mit Verdächtigungen bringt er sich in schräge Bilder, die Coco für ihn geraderückt. Dann bespricht er sich noch mit den Papst, der in dieser Geschichte ein rastatragender Jamaikaner ist. Er träumt sich ins All, wie der italienische Astronaut, zu dem er keine technische Verbindung hergestellt bekommt. Sein Kürassier ist ihm stets bei allen Belangen eine hilfreiche Hand. Und er verzweifelt an der modernen Rapmusik, die seine Tochter hört.

All das lässt Sorrentino neben-, unter- und umeinander geschehen – und bekommt es doch noch verknüpft. Er lässt es zu, dass der Präsident dazulernt, die Einflüsse und Ideen in seinem zerrissenen Herzen wirken zu lassen und am Ende doch noch wertvolle Entscheidungen fällt, privat wie politisch. Damit dieser streckenweise tödliche Ernst – bei den Gnadenersuchen geht es um Morde – nicht allzu schwer wiegt, setzt Sorrentino immer wieder enorm humorvolle Kontrapunkte.

Innenaufnahmen sind das größte Pfund Sorrentinos, dieser Palast als Kulisse bietet unendlich viele Perspektiven, Ausschnitte, Kompositionen, und der Regisseur nutzt sie alle. Während er die vermeintlichen Handlungsfragmente kombiniert, arbeitet er zusätzlich mit Musik; einzelne Themen tauchen immer wieder als verbindende Elemente auf, mal klassisch, mal technoid; einmal zitiert er „Street Hassle“ von Lou Reed, das wiederkehrende Electro-Fragment erinnert an „Sandstorm“ von Darude. Den Rap nicht zu vergessen, der hier ebenfalls De Santis’ Wandlungsfähigkeit verdeutlicht, mit einem gänzlich unerwarteten Kniff.

Dieses Mal lässt Sorrentino keine Lücken, vielleicht bis auf die mit dem Roboterhund, der am Ende zweimal zu sehen ist. Ansonsten lassen sich alle Szenen mit den späteren Erkenntnissen erklären, etwa die mit dem in Zeitlupe gefilmten portugiesischen Staatsbesuch im Platzregen, die man auf De Santis’ eigene Verletzbarkeit übertragen kann, mit der er sich als scheidender alter Mann auseinanderzusetzen haben wird.

„La Grazia“ ist ein Fest, politisch wie „Il Divo“ und „Loro“, optisch umwerfend wie „La Grande Bellezza“ und so harmonisch wie „This Must Be The Place“. Damit lässt er seine Altherrenausrutscher gottlob vergessen.