Von Matthias Bosenick (03.03.2026)
Ohne den im vergangenen Jahr verstorbenen Hardy Crueger hätte es dieses Buch gar nicht gegeben, weil ohne Hardy Crueger die ganze KrimiWerkstatt Braunschweig gar nicht existiert hätte, deren Teilnehmer sich nun „Tatorte am Ringgleis“ ausguckten, um die herum sie neun Kriminalfälle zwischen Mord und Raub erdachten. Da das Forum Industriekultur dieses quadratische Buch herausbringt, orientieren sich diese Tatorte an historischen Braunschweiger Gewerbeschauplätzen zwischen Rebenpark und Richmond, lose zusammengehalten von einer ermittlerischen Klammer, die wiederum Hardy Cruegers Freund und Kollege Marc Halupczok setzte. Eine lebendige Kombination aus Prosa und Enzyklopädie ist so entstanden.
2040, Kommissar Guteisen juckelt mit dem Fahrrad das Braunschweiger Ringgleis ab und spürt alten Kriminalfällen nach. Neunmal hält er an und inne, blättert in seinen Aufzeichnungen, rekapituliert die Verbrechen, die sich dort jeweils zutrugen, und gleicht sie ab mit den Historien der jeweiligen Industrieschauplätze. Diese kommissarische Klammer nimmt Marc Halupczok ein, die neun Kurzkrimis liefern Mitglieder der Autorengruppe KrimiWerkstatt Braunschweig: Yvonne Rasche – die auch die Illustrationen beitrug –, Maike van Ophemert, Michael Kutscher, Rainer Fricke, Jörg und Angelika Jegerlehner, Maren Voß, Wolfgang Stegemann und Andrea Remmert.
Sie alle gingen durch die Hardy-Crueger-Schule, wenden hier nun an, was sie dort lernten, und setzen es mit einer eigenen Note um. Entsprechend bunt gemischt sind die neun Fälle, inhaltlich wie dramaturgisch und sprachlich. Und nicht jeder Kriminalfall ist auch ein Mordfall, obschon sich die Tendenz dahin durchaus ablesen lässt. In einzelnen Fällen meint man richtiggehend, die Motivation zum Mord zu spüren, aber dann fehlt doch der letzte Mut, um die Tat auszuführen, obschon dies – gottlob – lediglich literarisch geschähe. So darf dann etwa statt eines Menschen ein Fisch sterben. Das macht die Lektüre so spannend: Welcher Autor schlägt über die Stränge, wer gerät in einen Blutrausch, wer dichtet gar historischen Personen etwas Übles an – und wer verlegt sich eher auf Harmonie? Die staunenswerten Infos zu den Schauplätzen rund um die Herstellung von Sauerkraut, Fahrrädern, Kaffee, Eisenbahnen, Mehl oder Helme runden die Freude an der Lektüre ab und laden zudem dazu ein, Braunschweig noch intensiver zu erkunden.
Seit das Forum Industriekultur vor über 20 Jahren seine Arbeit aufnahm und vor knapp vier Jahren zum Verein wurde, brachte es einige Büchlein mit Inhalten aus den eigenen Schwerpunkten heraus, darunter Radreiseführer, die Attraktionen entlang des Ringgleises in den Mittelpunkt rücken. Die „Tatorte am Ringgleis“ nun nehmen dieses Konzept grob auf, aber im Verbund mit der KrimiWerkstatt auf eine ganz neue Art und Weise. Zwölf Staffeln dieser KrimiWerkstatt leitete Hardy Crueger bis zu seinem Tod, diese Historie findet ebenfalls Einlass in die „Tatorte am Ringgleis“, kombiniert mit Biografien der neun Schreibenden. Es ist mindestens rührend, zu sehen, dass Hardy Cruegers Erbe lebendig bleibt. Danke dafür!
Auf der Webseite des Forums Industriekultur findet sich übrigens eine Online-Karte mit noch mehr Infos zu den neun Schauplätzen: https://www.industriekulturlandschaft.de/
