Kreator – Krushers Of The World – Nuclear Blast 2026

Von Guido Dörheide (19.01.2026)

„Papa, wovon singt der da?“, fragte mich Marleen weiland immer, wenn ich im Autoradio „Coma Of Souls“ (das an dieser Stelle bereits von mir besungene „Dark Side Of The Moon“ von Kreator) und andere alte Kreator-Scheiben rotieren ließ. Ich erklärte meiner Tochter so sinngemäß, dass er, also der Signore Petrozza aus Essen (eine Stadt, die in meinen und den Augen des Herausgebers genauso fertig ist wie Mainz), vom Frieden singt, gegen Gewalt und darüber, dass die Menschen mal aufhören sollen, sich gegenseitig schlecht zu behandeln. Derweil keifte Miland „Mille“ Petrozza derart aggressiv aus der wirklich sehr guten Serien-Hifi-Anlage des böhmischen Familienkombis, dass mein Töchterchen mir wahrscheinlich auch abgenommen hätte, dass Kreator einfach nur Brutalität und Zerstörung über die Menschheit bringen wollten. Falls man ersteres überhaupt über irgendetwas bringen kann, ich bin mir da nicht sicher.

Aber Wurscht, kommen wir zu dessen, was wir hier zu rezensieren haben: Kreators 16. oder so Studioalbum und das zweite in der aktuellen Besetzung Mille Petrozza (Rhythmusgitarre und Gesang – seit Anbeginn der Schöpfung), Sami Ily-Sirniö (Leadgitarre – seit „Violent Revolution“, 2001), Frédéric Leclercq (Bass – seit „Hate über alles“, 2022) und Jürgen „Ventor“ Reil (seit Anbeginn der Schöpfung). Wie schon „Hate über alles“ enthält „Krushers Of The World“ eine vokaltechnische Kollaboration, die auf der aktuellen Kompakt Disk der Kombo aus dem Kohlenpott kongenial hervorsticht: War es auf „Hate über alles“ Sofia Portanet, die „Midnight Sun“ zu einem der hervorstechendsten Songs auf dem Album machte, ist es hier Britta Görtz, die im Hauptberuf bei Hiraes aus Osnabrück singt und ganz hervorragende Growling-Gesangskurse gibt, die auf „Tränenpalast“ den ollen Mille so richtig nach allen Regeln von Kunst, Kirche und keinerlei Klargesang an die Wand singt. Dazu hämmert Ventor derart gewaltig und präzise auf sein Schlagzeug ein, als gelte es, Lehrmaterial auf dem Gebiet der zerstörungsfreien Instrumentenprüfung zu erstellen, Leclerqs Bass sichert schnell und solide nach unten hin ab und Yli-Sirniö sorgt für die seit Kreators Frank-Blackfire-Ära bekannte und beliebte harte Melodiösität. und dazu singt Mille von Dunkelheit, Tränen und Seufzern, teilweise sogar auf Latein. Das gerät so stimmungsvoll, dass ich mir wünsche, Mille und Tobias Forge von Ghost würden mal anfangen, ernsthaft über eine gemeinsame EP nachzudenken. Ich würde sie kaufen.

Kreator erfinden auf „Krushers Of The World“ natürlich nicht den Thrashmetal noch sich selbst neu, vermischen ersteren aber mit genügend traditionellem Heavy Metal, um ihn erfrischend, zeitgemäß und interessant zu halten, und vor allem bestechen sie wieder einmal mehr mit ihrem Signature-Mix aus aggressivem Gekeife (Mille), schnellen und harten Riffs (Mille), virtuoser Melodiosität (Ily-Sirniö) und brachial-präzisem Gekloppe (Jürgen „Kloppo“ – ääh, nein, sorry – „Ventor“ Reil, oh Hammer, 59 Jahre alt ist er schon, und haut immer noch auf die Trommeln wie Animal). Und Frédéric Leclercq? Nun, hören Sie sich alleine mal den Albumeröffnungssong „Seven Serpents“ von Anfang an an und denken Sie sich den Bass weg. Na, verstehen Sie, was ich meine? Kreator funktioniert als Band in der aktuellen Besetzung einfach wahnsinnig toll.

Textlich sind Kreator-Alben auch immer irgendwie OK, mit „Seven Serpents“ bewegt man sich solide im Bereich von Akopalütze und Mystizismus des Altertums, Schlangen gehen da immer. „Satanic Anarchy“ ist echt toll gesungen, Mille haut einem Salven starker Ausdrücke um die Ohren, es geht gegen Tyrannei und Unterdrückung, einzig die Aussprache von „Tyranny“ und „Anarchy“, die sich beide am Ende auf „Ei“ reimen („Tirannei“ und „Ennerkei“), irritiert ein wenig.

Besonders gespannt war ich auf „Psychotic Imperator“ und fragte mich, ob es hier um Trump, Putin oder Merz/Spahn geht. Der Text passt gut auf die Musik und klingt richtig gut – inhaltlich bleibt er offen genug, um alle Vorgenannten abzudecken. Und musikalisch erleben wir einen wahren Hexensabbat an Gekeife und Gehämmer, der kaum Melodie und Wohlgefühl erlaubt, bis, ja, bis der gute Sami Ily-Sirniö mit ihn ihm seiner Gitarre immer mal wieder für ein wenig Versöhnung sorgt. Auf „Deathscream“ („I screama, you screama, everybody screama for deathscreama“ hört man hier den inneren Roberto Benigni lautstark radebrechen) schilt Petrozza in starken Worten (realms of chaos, human drama, dystopian deceit, paranoia, hypnotic trauma, ein wahrer Pschyrembel an verstörendem Vokabular) den Verfall der Moral und den Siegeszug der unmoralischen Ignoranz, musikalisch trefflich untermalt, ein weiteres Kaufargument für diesen Tonträger. Das abschließende „Loyal To The Grave“ führt und dann ein wenig in die Obskurität, lauschen wir also mal rein: „There is darkness in this life, that forever ignites. You are one of these lights, the light of all lights. The light of all lights.“ Merken Sie selber, oder? Ja, merken Sie. Die Dunkelheit zündet auf ewig, das klingt gut, ergibt aber nach der bescheidenen Meinung des diensthabenden Rezensenten keinen tieferen Sinn. Den ergeben Melodie und Instrumentierung ebenso wenig, man hätte „Loyal To The Grave“ also ebensogut weglassen können, ein Album von knapp 40 Minuten Länge mit bis dahin keinen Enttäuschungen wäre besser gewesen als eins mit knapp 45 Minuten und „Loyal To The Grave“. Meine Meinung. Und dann noch Chorgesang gegen Ende. Goffhilf Fischer und die Petrozza-Chöre. Aber dennoch finde ich:

Wenn Petrozza da Mangiare und sein Kompetenzteam so weitermachen wie hier auf „Krushers Of The World“, müssen wir uns keine Gedanken machen, dass Thrash Metal jemals aussterben oder langweilig werden könnte. 2026 fängt gut an!