Von Guido Dörheide (07.03.2026)
Who is Jill Scott? Ja verdammt, das habe ich Banause mich gefragt, als ich vom aktuellen Album der Neo-Soul-Interpretin aus Philadelphia, PA, las. Und „Who Is Jill Scott?“ lautet auch der Titel von Jill Scotts erstem Album aus dem Jahr 2000. Mit Neo-Soul konnte ich bisher nicht viel anfangen, zwar feierte ich Erykah Badu in ihrer Rolle als Queen Moussette in „Blues Brothers 2000“, aber mit ihrer Musik bin ich trotz aller ihrer Großartigkeit nie so recht warm geworden. Und so nimmt es nicht wunder, dass ich auch mit dem Werk der Jill Scott bislang nicht vertraut war, zumal ihr vorletztes Album „Woman“ auch schon wieder neun Jahre zurückliegt. Durch euphorische Besprechungen in der Tagespresse darauf aufmerksam geworden, habe ich mit nun mal mit „To Whom This May Concern“ beschäftigt und bin begeistert, wenn nicht gar überzeugt.
Mit „Dope Shit“ beginnt das Album mit gesprochenen Worten, die die Hörenden schon einmal gut von den herausragenden stimmlichen Qualitäten von Jill Scott überzeugen. Was sich auf „Be Great“ fortsetzt, hier glänzt zudem auch der Jazz-Posaunist und -Trompeter Trombone Shorty an der Posaune. Das tut er auf mehreren Stücken und außerdem sind weitere Gaststars wie beispielsweise der von mir sehr verehrte DJ Premier (of Gang Starr Fame – außerdem hat er im vergangenen Jahr zusammen mit dem ebenfalls über jeden Zweifel erhabenen Nas das großartige Album „Light-Years“ veröffentlicht) mit an Bord. Scotts Gesang und ihre Stimme taugen für Blues, Soul, Jazz, HipHop, also eigentlich für alle Genres mit Ausnahme des Death Metal. Die Musik auf „To Whom This May Concern“ deckt alles von ganz modern mit Schlagzeugelektrik bis hin zu Old School Jazz und Soul ab, dennoch wirkt das Album stilistisch nicht zerstückelt, sondern alles passt aufs Wunderbarste zusammen.
Besonders positiv aufgefallen sind mir zwei Stücke: Das erste ist „Offdaback“, ein wunderschön altmodisch-relaxter Jazz-Song, in dem sich Jill Scott mit ihren Vorgängerinnen („Off of the back of my ancestors, let it breathe – Let that breathe“) auseinandersetzt, und deren sind es nicht eben wenige: Unter anderem Nina Simone, Ella Fitzgerald, Billie Hollyday und Tina Turner setzt Jill Scott wunderbar rappend ein Denkmal, und dabei bezieht sie sich dann auch noch auf das Buch „How To Have A Number One The Easy Way“ von Bill Drummond – jahaa, DEM Bill Drummond von den Timelords, den Jusified Ancients of Mu-Mu und The KLF, der in seinem Buch erklärt, wie man einen Nummer-Eins-Hit schreibt – und verwurschtet das alles zu einem ganz hervorragenden Stück Musik.
Das zweite ist „Pay U On Tuesday“, mit Jazz-Musik direkt aus den Vierzigerjahren, auf dem Scott mit den immer wieder wiederholten Worten „I don’t want no more nigga blues“ mit Männern abrechnet. Das als tatsächlich als Schimpfwort gebrauchte „Nigga“ verstört zunächst, im Verlaufe des Textes erschließt sich jedoch, worauf Scott hinaus will und wen sie hier beschimpft, nämlich diejenigen, die diesen Begriff abwertend gebrauchen und in Wahrheit selbst keine Werte, kein Verantwortungsbewusstsein und keine Moral besitzen.
Das waren natürlich noch nicht alle Highlights auf diesem grandiosen Album: „BPOTY“ (die Abkürzung steht für „Biggest Pimp of the Year“) rechnet mit sexueller Ausbeutung in Tateinheit mit Medikamentenmissbrauch ab, dabei bedient sich Scott der Unterstützung des bekannten Rappers Too Short, den sie als „an expert of pimpology“ vorstellt. Und Too Short liefert souverän ab und gibt dabei überzeugend den „Biggest Pimp of the Year“.
Und wenn mich das nun noch nicht von der Qualität des Albums überzeugt hätte, müsste ich mir nur noch das minimalistisch instrumentierte (eigentlich hauptsächlich vom tollen Schlagzeug-Beat getragene) „Àṣẹ“ anhören: Hier kann Jill Scotts Stimme so richtig glänzen, da es ja außer dem Schlagzeug kaum Musik gibt (doch, es gibt sie, sogar Backgound-Chöre, aber Jill Scotts Gesang macht das alles vergessen), und sie besingt „Ashé“, die Lebenskraft aus der Religion der Yoruba.
Wenn es nun wieder elf Jahre bis zu einem neuen Jill-Scott-Album dauert: Solange warte ich gerne, wenn wieder ein solches Jahrhundertwerk wie „To Whom This May Concern“ dabei herauskommt.
