Von Matthias Bosenick (25.03.2026)
Das Album zur gleich betitelten Single: Mit „Tiny Pace“ erhebt sich Georgeanne Kalweit wie Phoenix aus der Asche, denn es handelt sich um ein Trennungsalbum, das zudem seine Ursprünge in der Isolation der Pandemiezeit hat, aus der sie nun heraustritt. Zu hören gibt es von der in Mailand lebenden US-Amerikanerin eine gottlob schwer zu klassifizierende Musik, die auf elektronischer Basis mit klassischen Instrumenten eine Art melancholischen Indie-Pop mit ausdrucksstarkem Nico-Gesang beinhaltet. So gut, wie sich das liest, klingt es auch.
Zum Auftakt bekommt man die Vorabsingle mit dem Titel, den auch das Album trägt, das nach diesem Song benannt ist (Grüße an Guido): „Tiny Space“ klingt, als versuchten Air, an einem „Sunday Morning“ einen Song von Velvet Underground & Nico nachzuempfinden. So bleibt es nicht, obschon die Stimmlage von Georgeanne Kalweit der von Christa Päffgen recht nahe kommt. Angenehmerweise lässt sich das Album musikalisch gar nicht greifen, es bewegt sich in einem Pop-nahen Rahmen, der eine dezente Art von Rockmusik zulässt, zumeist aber elektronisch grundiert einen melancholischen, aber wärmenden Klangkörper trägt. Den Kalweits Begleitmusiker mit unterschiedlichen Details aufwerten.
Die meisten der zehn Songs sind eher smooth und ruhig, Kalweits ausdrucksstarke und kraftvolle Stimme trägt sie alle wie ein Gewand. Die Info verrät, dass sie die ersten Skizzen allein auf der Bontempi-Orgel und einem Technics-Keyboard erstellte. Diese Grundlagen hört man in den Songs noch heraus, also den elektronischen, synthetischen Unterbau, der bisweilen sogar deutlich als dominanter Sound hervortritt; das das dunkle „Frumbling Through February“ etwa hat die typischen Bontempi-Beats und einen artifiziellen Shuffle.
Doch suchte sich Kalweit für die Umsetzung ihrer Skizzen eine Band zusammen, die diese Songs mit feinen Details anreichert. Dies geschieht unaufdringlich, aber bemerkenswert. So bekommt die Uptempo-Nummer „Heavenly Thoughts“ eine Dudel-Orgel wie bei den Inspiral Carpets oder „Ten Pins“ eine Art russischen Chor und ein Piano. Vornehmlich gestalten diese Musiker einen Klangkörper, der sich um die Songs legt. So gerät „Call An Ambulance“ zu einem chilligen Ambient-Jazz-Stück oder wird der Midtempo-Song „Crystal Clear“ leicht hymnisch. Das bedauerlicherweise auf Eis gelegte dänische Duo Ny Hay Banda kommt findet hier gelegentlich einen Nachhall.
Für die Umsetzung ihrer „Tiny Spaces“ verpflichtete Kalweit, selbst mit Keyboards und Gesang involviert, vier Musiker: Bassist und Keyboarder Giovanni Ferrario, Gitarrist und Organist Lorenzo Corti, Schlagzeuger Beppe Mondini sowie den weiteren Schlagzeuger und Vibraphonisten Diego Sapignoli. „Tiny Space“ ist zwar das Solo-Debüt von Kalweit unter eigenem Namen, aber mitnichten ihre erste Veröffentlichung: Anfang der Neunziger war sie Teil der Band Mo’Stipiti Funk, die indes offenbar ohne Veröffentlichung auskam. Ab dem Jahr 2000 war sie als Gi Kalweit für ein halbes Jahrzehnt Teil der bis heute aktiven Band Delta V. Ende der Zehnerjahre richtete sie kurzzeitig Kalweit And The Spokes ein, 2019 erschien ihr einziges Album mit The Kalweit Project, 2022 das Album und Projekt „A Temporary Lie With Georgeanne Kalweit“ sowie vor sieben Jahren solo die „Swiss Bikes EP“. Ansonsten ist die in Minneapolis geborene Kalweit aber auch als bildende Künstlerin aktiv.
