Father Mother Sister Brother – Jim Jarmusch – USA 2024

Von Matthias Bosenick (11.03.2026)

Puh, das ging gerade nochmal gut: Obwohl „Father Mother Sister Brother“ nicht der beste Film von Jim Jarmusch ist, macht er den unseligen „The Dead Don’t Die“ gottlob vergessen. Drei Episoden, in denen Jarmusch eine Handvoll Stars interfamiliäre Sprachlosigkeiten ausleben lässt: Zwar bleibt der Humor hier etwas bemüht, doch gehen die unausgesprochenen Spannungen sehr an Herz und Nerven. Und die Darstellenden sind einfach grandios.

Dieser Film braucht, abgesehen von Skateboardern und Passanten, tatsächlich lediglich zehn Darstellende – und es fällt gar nicht auf, so intensiv sind die drei Geschichten. Obwohl der Filmtitel vier Episoden suggeriert, sind es nur drei: „Father“, „Mother“ und „Sister Brother“. Der „Father“ aus der ersten Geschichte ist dargestellt von Tom Waits, und es ist eine helle Freude, ihm beim Performen zuzusehen. Dessen spießige Kinder, gespielt von Adam Driver und Mayim Bialik, fahren gemeinsam irgendwo in die verschneite US-Wildnis, um ihren kauzigen Vater nach Jahren mal wieder zu besuchen, und sehen sich ihrerseits zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Die vermeintlich heruntergerockte Hütte an einem See bietet ein grandioses Panorama, und mehr gibt es kaum zu besprechen; wahres Interesse zeigt niemand am Gegenüber. Der Sohn unterstützt seinen Vater gegen den Willen der Schwester finanziell – und die Episode endet als einzige mit einem unerwarteten Twist.

Auf nach Dublin, wo die „Mother“ Charlotte Rampling als erfolgreiche Autorin in einem mondänen Reihenhaus auf ihre sehr unterschiedlichen Töchter wartet: Cate Blanchetts Figur ist eine verklemmte, gehemmte Frau, Vicky Krieps spielt die pinkhaarige Schwester kontrastreich flippig mit angemessener Erdung. Sarah Greene als deren Freundin, die sie zum einmal pro Jahr stattfindenden Teetreffen mit der Mutter fährt, hat die zweitkürzeste Screentime. Während die drei am luxuriösen Kaffeetisch Allgemeinplätze austauschen, lassen die Schwestern kurz durchscheinen, dass sie in verschiedenen Welten leben; einen erhofften Nachhall erfahren diese Leben bei der Mutter kaum. Mehr Sprachlosigkeit als in den abschließenden sieben Minuten Warten auf das Taxi lassen sich kaum ausdrücken. „Noch drei Minuten.“

Indya Moore und Luka Sabbat als „Sister Brother“ cruisen abschließend durch Paris, um ein letztes Mal die leergeräumte Wohnung ihrer bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Eltern zu besuchen, in der sie selbst aufwuchsen. Die Zwillinge, die jüngsten Kinder in diesem Film überdies, tauschen Erinnerungen aus. So liebevoll und warmherzig wie hier ist der Film nie zuvor, und es rührt an, den beiden dabei zuzusehen, wie sie als Folge eines erheblichen Verlustes ihre familiäre Bindung und die Liebe zueinander ausleben. Das kann auch Françoise Lebrun mit der kürzesten Screentime als energische Hausverwalterin nicht unterbrechen. Damit bildet diese Episode einen auch kommunikatorischen Gegenpol zu den ersten beiden, die vielmehr eine verfilmte Leere, eine vielsagende Sprachlosigkeit darstellen.

Entfremdung, Distanz, Sprachlosigkeit, Verlust, Harmonie: Obwohl in diesem Film kaum etwas passiert, steckt er voller Inhalte, Themen, Emotionen. Und wunderbarer Darstellender: Es ist ein Fest, ihnen allen dabei zuzusehen, wie sie ihre Rolle ausleben. Insbesondere Tom Waits, der sich ja musikalisch seit seinem Album „Bad As Me“ 2011 zurückzog, abgesehen von „Bella Ciao (Goodbye Beautiful)“, das er 2018 für ein Album seines Gitarristen Marc Ribot sang. Hier spielt er sich beinahe selbst, der zottelige Kauz mit dem verschmitzten Grinsen. Aber gut sind sie hier alle, nicht nur er, das macht es umso angenehmer, den Film zu gucken.

Den hält Jarmusch überwiegend in unerwartet blassen Bildern, was zunächst etwas enttäuscht. Die große Filmkunst dringt dann eher in Perspektiven und Ausschnitten durch. Außerdem passt das Blasse ja auch zu den Inhalten; die dritte Episode immerhin wirkt farblich wesentlich kräftiger. Nicht zu vergessen die Musik: Den Soundtrack spielte Jarmusch einmal mehr selbst ein, dieses Mal solo, nicht als Sqürl wie sonst. Die zerbrechlichen Gitarrentupfer umrahmt Jarmusch mit zwei Cover-Songs, gesungen von der Berliner Künstlerin Anika: „Spooky“ und „These Days“, die Originale von Dusty Springfield und Nico. Jarmusch lässt seine Musik in den Weiten seiner Episoden schweigen, sie markiert zumeist die Übergänge zwischen ihnen oder seltene szenische Wechsel. Damit unterstreicht er zusätzlich die Leere zwischen den Figuren.

Einen echten Jarmusch erkennt man hier außerdem daran, dass sich der Regisseur selbst zitiert. Die Dreiteilung übernimmt er von „Mystery Train“, die Draufsicht auf Getränke von „Coffe And Cigarettes“, die Schwenks über Kulturprodukte von „Only Lovers Left Alive“, die Autofahr-Episoden von „Night On Earth“. Ganz abgesehen von den Ensemble-Darstellern, die immer wieder für ihn spielen. Doch auch intern zitiert er sich: In allen Episoden treten manche Themen immer wieder auf, darunter Wasser, „Fertig ist die Laube“, Rolex, die Skater, und naja, die Farbe Rot beim dritten Film nur angedeutet, „darf man damit anstoßen“ hört man in der mittleren Episode nicht. Das wirkt etwas arg bemüht, sehr mit dem Holzhammer, ähnelt darin dann also doch noch „The Dead Don’t Die“. Da war Jarmusch schon mal besser, was pointierte Dialoge und Humor betrifft. Der beste Schlagabtausch findet in „Mother“ statt: „Ich mache mal die Mutter“, sagt Rampling und will den Töchtern großmütig Tee einschenken, Krieps erwidert: „Das wird ja auch Zeit.“