Von Matthias Bosenick (04.02.2026)
Hand hoch, wer von mehr als einem der 14 beteiligten Projekte schon mal gehört hat: Zum zweiten Mal kompiliert das belgische Antibody Label industrialbasierte Tracks vor dem Hintergrund der Ideen des Philosophen Jean Baudrillard. „Fatal Strategies II“ beruft sich dabei auf dessen Wort, etwas nicht mit der besseren Version seiner selbst zu begegnen, sondern mit der gesteigerten Version des Gegenteils davon. Entsprechend experimentell fällt diese Sammlung aus, grundsätzlich elektronisch, zumeist dem Industrial nahe, stets dunkel und Grenzen sprengend.
Mit Heliumballon-Sprachmanipulation im ersten Track „Prosthetic Ego“ legen Bakantez los. Einen IDM-artig gebrochenen Industrial, zutiefst abgedunkelt, bekommt man mit „Bone + Steel“ von NNSK. Bei „DⱯTS“ von PΞB ist bereits die Schreibweise besonders, der Track erscheint wie die elektronisch zerhackte Version eines Crossover-Metal-Songs, inklusive obskurem Gebrüll und den Alarmsirenen des Bigbeat. Mit Swarm Intelligence und „Inertial Confinement“ wird’s erstmals gruselig, übliche rhythmische Strukturen fallen komplett weg, man bekommt unbequeme, harsche Soundscapes mit spooky Stimmsamples vorgesetzt.
Minimalistisch knarzend und zirpend den IDM weiter entwickeln Shit & Shine mit „Probe“, auch manche Warp-Acts wie Aphex Twin waren mit ihrer elektronischen Spielweise dem Industrial nicht selten so nahe. Etwas mehr Wärme generieren Body Habitat mit „Palo Verde“, da gibt’s tatsächlich wieder einen minimalistischen Rhythmus zu den Soundscapes, und beides wuchert noch ordentlich düster aus. Für das Projekt Hypnohuren schlossen sich Huren und Hypnoskull zusammen, um mit „Disinfestation“ etwas Ruhe in den Ablauf zu bringen.
Die zerstören Hostile mit „Collapsing“ wieder, einem beinahe klassischen Rhythm-And-Noise-Track. Für „For What It Never Was“ nehmen Arikon die harsche Dunkelheit auf, lassen sie indes von einem eher reduzierten Rhythmus im Hintergrund begleiten. „Vacuity“ von HUMN nimmt man kaum wahr, es rauscht sich dezent von hinten an und knallt dann mit verschlumpfter Frauenstimme und vereinzelten elektronisch generierten Schlägen hallend in den Wahnsinn.
Amháin ist das nächste Projekt, für das sich zwei zusammentaten, nämlich Autumns und Labelbetreiber Yannick Franck. Ihr „False Flags“ punktet mit sich steigerndem Sprechgesang zu sich gleichermaßen steigerndem rhythmischem Klickern und Klackern und Noise. Man könnte glatt vom zugänglichsten Stück dieser Sammlung sprechen. Dem setzen Segurant „Before The Past Buries You + Acier“ entgegen, einen minimalistischen Rhythm And Noise, der im Verlauf mehr Fleisch bekommt. Mehr Stille bringen Prophän mit „Yatim“ ein, der neunminütige Track fließt erst allmählich mit beklemmenden Synthiesounds, einem hintergründigen Klagen und vereinzelten Beats aus der Schwärze hervor. Zum Abschluss präsentieren Sigillum S mit „A Challenge“ eine Art Melange aus dem zuvor Gehörten: erst mythische Soundscapes mit obskuren Samples, dann Rhythm And Noise, dann Electro-basierten Ritual Ambient, also quasi Industrial.
So stellen diese Beitragenden dem Schönen nicht das Hässliche gegenüber, sondern das Monströse, und kontern das Feste nicht mit dem Beweglichen, sondern mit der Metamorphose, gleich so, wie es Jean Baudrillard vorgab. Diese monströse Dunkelheit mit den elektronisch zerstörten Konturen bildet also einen Übergang zu einer neuartigen Musik, was insofern stimmt, als dass man diese hier eher nicht im Radio zu hören bekommen dürfte. So richtig neu ist das hier natürlich auch längst nicht mehr, all jene Experimente machten vor ihnen bereits andere, wenn nicht gar sie selbst, aber das ist nicht schlimm, die Haltung stimmt und das Ergebnis bleibt in seiner Kompromisslosigkeit selten genug. Der erste Teil erschien übrigens im April 2023 – mit 17 komplett anderen Künstlern als bei der vorliegenden Fortsetzung.
