Von Matthias Bosenick (12.02.2026)
Auf sein neues, sein irgendetwas zwischen 13. und 18. Solo-Album „Dichotomous“ klebt der italienische Gitarrist Daniele Brusaschetto die Etiketten Metal und Industrial. Ja, leicht weht der Geist von Rob Zombie durch das Album, aber vornehmlich hat man es mit gehärtetem, räudigem Rock zu tun, eingespielt als Power-Trio. Das sich nichts zu beweisen hat und seine Kunstfertigkeit dennoch einbringt. Power hat dieses Turiner Trio definitiv! Und weit mehr als nur zwei Teile im Repertoire.
Treibend, dreckig, räudig, wüst ist dieser dem Metal nahe harte Rock. Mit den ersten vier von acht Songs mostet das Trio los, und da wird klar, dass kompositorische Konventionen etwas für Anfänger sind. Die Songs folgen keinen klassischen Strukturen, sie mörteln mit Riffs und Breaks vor sich hin, begleitet von einer Stimme, die auf weiten Strecken der Ein-Ton-Politik von, sagen wir, Plastic Bertrand in „Ça plane pour moi“, Adriano Celentano in „Prisencolinensinainciusol“ oder dem rauhen Grollen von Rob Zombie folgt, an manchen Stellen gar dem Rap nahe sprechsingend zum Einsatz kommt. Man könnte diese räudige, wüste Bratzgitarrenmusik und die unangepasste Struktur eher dem Noiserock zuordnen als dem Metal und noch weniger dem Industrial, auch wenn Brusaschetto dem zum Ende hin Rechnung trägt.
Wie er in diese acht Songs überhaupt so ziemlich alles einbaut, was nicht bei one two three four auf den Bäumen ist. Insbesondere in der zweiten Hälfte durchbricht er die eher geradlinigen Rockbrocken mit Ideen von Bluesrock, Punk, Hairspray Metal, Neunziger-Indierock-Rhythmen, Polyrhythmik, Disco, Ska, stampfendem Classic Rock, sogar Doom. Teil der unangepassten Strukturen ist auch, dass der Gesang nicht zwingend im Vordergrund steht, sondern dass man lange instrumentale Passagen zu hören bekommt. Was wiederum nicht bedeutet, dass Brusaschetto zum kackenhauerischen Gitarrengewichse übergeht – er kann etwas, das bringt er auch sachdienlich ein, aber er stellt es nicht zur Schau. Gegniedel and no damage done.
Brusaschetto ist seit den Achtzigern aktiv, zunächst als teil von Thrash- und Death-Metal-Bands. Solo trat er erstmals Mitte der Neunziger in Erscheinung, nicht indes, ohne sich hernach noch in weiteren Nebenprojekten auszutoben, angesiedelt zwischen Noiserock, Industrial Rock und sogar Impro-Avantgarde. Zwischenzeitig legte er sich noch das blasphemische Alias Diononesiste zu. Für „Dichotomous“ suchte er sich zwei Mitspieler zusammen: Alberto „Mono“ Marietta als Schlagzeuger und Daniele Pagliero mit Bass und Synthies, beide jedoch vorrangig in der ersten Hälfte zu hören. Denn Brusaschetto übernahm neben Gesang und Gitarre auch Programmierungen, Bass und Percussion, insbesondere in der zweiten Hälfte. Kein Wunder, dass die einen so anderen Geist trägt als die erste. Insofern trägt diese Spaltung dem Titel durchaus Rechnung.
