Von Matthias Bosenick (31.03.2026)
1993 krachten Clawfinger mitten in den Crossover-Hype hinein, etablierten sich mit dem Debütalbum „Deaf Dumb Blind“ in der Szene und lieferten danach noch einige weitere relevante Tanzflächenfüller ab. Nur stellte sich über Zeit heraus, dass Crossover – also jener aus Metal und Rap – nicht unbedingt das nachhaltigste Genre ist, es nutzte sich schnell ab, Neuveröffentlichungen in dem Genre klangen gestrig, so gern man die alten Kracher auch noch hörte. Wenn jetzt Clawfinger also knapp 20 Jahre nach ihrem letzten Album wieder mit einem neuen auf den Plan treten, das sie auch noch freundlichst „Before We All Die“ nennen, erneuern sie dann sich und das Genre? Spoiler: nein.
Der gesprochene oder geshoutete Gesang und die Metal-Riffs zu synthetischen bis analogen Beats sind vertraut. Gehen wir einmal durch: eine Slide-Gitarre in „Scum“, ein schräges Synthie-Intermezzo in „Ball & Chain“, synthetische Beats im bereits 2019 veröffentlichten „Tear You Down“, die an „Catch Me“ erinnern, trippig-poppige Synthies in „Big Brother“, die Band skandiert darin „Big Brother’s watching you“, als wäre das neu, Scratches im Mitsing-Song „Linked Together“, chillige Pop-Beats in „A Perfect Day“, die sich in Hysterie steigern, eine electro-jazzige Textur in den Strophen von „Going Down (Like Titanic)“, ein Vocoder-Text im Refrain, die Uptempo-Nummer „You Call Yourself A Teacher“ hat einen punkigen Refrain, „A Fucking Disgrace“ hat den Milli-Vanilli-Rhythmus und eine Slide-Gitarre, „Kill The Dream“ nimmt den Beat synthetisch auf und erinnert abermals an „Catch Me“, dieses Mal auch in Bezug auf die Struktur mit den heavy Ausbrüchen, „Environmental Patients“ hat ein perkussives Neunziger-Charts-Klicken, das Titellied „Before We All Die“ beschließt das Album hymnisch, zum Mithüpfen und mit allerlei „fuck“.
Heißt: So ein paar Electro-Spielereien weichen etwas von dem Bild ab, das man von Clawfinger hat, und das, obwohl sie auf dem Debüt als Antwort auf Rage Against The Machine behaupteten, sämtliche Gitarrensounds seien künstlich generiert worden, die Musik von Clawfinger mithin grundsätzlich elektronisch. Aber eben nicht so wie hier, poppig-technoid. Das wäre die einzig wahrnehmbare Neuerung im Sound von Clawfinger, und dann noch nicht mal eine zeitgemäße – nach 2026 jedenfalls klingt hier nichts. Somit stellt das Album vielmehr eine Erinnerungshilfe für die Überfünfzigjährigen dar, womöglich ein Vehikel, das die Retro-Livetouren begleitet, darin aber kaum auftauchen wird. Schließlich gibt’s diese Songs ja bereits in alt, bekannt und – ehrlich gesagt – besser, weil wiedererkennbarer.
Ist „Before We All Die“ deshalb Scheiße? Naja, irgendwie nicht, zumindest, wenn man es nicht Scheiße findet, dass es sich von den vorherigen Alben nicht unterscheidet. Irgendwie hat’s der Crossover nicht geschafft, in seiner Form über das Jahr, sagen wir, 1996 hinaus spannend zu bleiben. Man kann dieses Genre durchaus auf einen kurzen Zeitabschnitt festlegen, in dem die spannenden Sachen passierten, und die waren spannend, weil sie neu waren, und auch nur, so lang sie neu waren. Der exakt identische Sound aus dem Jahr, sagen wir, 2006 catcht überhaupt nicht mehr, weitere 20 Jahre später sieht das nur unwesentlich anders aus, möglicherweise auch nur deshalb, weil man altersmilde wurde und Bock hat, sich zu erinnern, aber nicht, weil neue Musik in diesem Kleid irgendwie herausragend wäre.
Was ist denn der letzte Song von Clawfinger, an den man sich lebhaft erinnert? „Biggest & The Best“ aus dem Jahr 1997 war noch ein Hit, der hat anscheinend auch mit die meisten Streams auf Spotify. Wer kennt noch „Nothing Going On“ aus dem Jahr 2001 oder „Recipe For Hate“ aus dem Jahr 2003? Vom letzten Album „Hate Yourself With Style“ aus dem Jahr 2007 blieb sogar eher gar nichts langfristig hängen. Kurios: Zur Auflösung entschieden sich Clawfinger erst 2014 und widerriefen diese Entscheidung knapp vier Jahre später schon wieder. Die Comeback-Single „Save Our Souls“ aus dem Jahr 2018 ist indes auf dem neuen Album nicht enthalten.
Und die Anfänge? Noch vor der antirassistischen Debütsingle „Nigger“ brachten Clawfinger mit dem Hip-Hop-Trio Just D als Klåfinger eine EP heraus, auf der sie „Epic“ von Faith No More als „Vill ha allt“ auf Schwedisch coverten. Seit der Gründungszeit sind sogar noch überraschend viele Musiker auch heute mit dabei: Der Sänger mit dem sprechenden Namen Zak Tell, Keyboarder und Gitarrist Jocke Skog und der aus dem Nachbarland Norwegen ausgeborgte Gitarrist Bård Torstensen gehören zur Gründungsbesetzung des Jahres 1989, Bassist André Skaug stieß noch vor den Aufnahmen zum Debüt dazu, mit ihm Gitarrist Erlend Ottem, der bereits 2003 ausstieg und nie ersetzt wurde. Schlagzeuger Micke Dahlén ist zwar bereits der vierte und lediglich am aktuellen Album beteiligt, hat aber dennoch von allen Schlagzeugern die bisher längste Bandzugehörigkeit in der Vita.
„Before We All Die“ ist nicht Scheiße, aber auch nicht wertvoll. Da waren selbst die Ramones und Status Quo und experimenteller und wandlungsfähiger. Aber das Album musste wohl noch sein, bevor wir alle sterben.
