Von Matthias Bosenick (25.03.2025)
Eins nahm sich Bruno Karnel einigermaßen zu Herzen: Als Multiinstrumentalist und Komponist könnte er in höheren Ligen mitspielen, als Sänger eher nicht so – deshalb reicht er sein Mikro auf seinem dritten Album „Villa Solitude“ an haufenweise Gästinnen weiter und konzentriert sich vorrangig auf sein Kerngeschäft. Das besteht aus Rockmusik, die der Franzose kunstvoll und progressiv verschachtelt, emotional unterfüttert und mit Elementen spickt, die eine konkrete Genrezuordnung angenehmerweise erschweren. Was schimmert da alles durch: Chanson, Post-Rock, Indierock, Folk? Bestimmt, und noch so einiges mehr!
Die Grundzüge von Karnels Musik lassen sich irgendwo im weiten Feld progressiver Rockmusik ausmachen, im Art Rock noch eher, denn der Musiker aus Meaux verzerrt seine E-Gitarre nicht durchgehend nach Rock-Art. Die anfänglich zurückhaltende Herangehensweise an Rockmusik lässt viele Stücke zerbrechlich wirken, und das passt auch zu den Inhalten, die von gegenwärtigen Entwicklungen inspiriert sind, und die sind bekanntlich eher weniger rosig. Gleichzeitig versieht Karnel seine Songs mit radiounüblichen Strukturen, baut Nebentrakte ein, Brüche, experimentelle Passagen, also all so etwas, das man langläufig mit Progrock verbindet. Erst zum Ende des Albums hin verleiht Karnel dem Rock mehr Gewicht.
Progrock also – und darüber hinaus: Den Anfang gestaltet Karnel noch recht dunkel, die Kombination aus französischem Gesang und Post-Rock erinnert in „Heliopolis“ an Chanson im Gewand der neueren Alcest. Die Geige und die Flöte in „Candlelight City (ANOB)“ bringt etwas Folk in die Ballade, „Edepol“ und „Lightnings“ haben sogar so etwas wie Riffs, letzteres stellt mit seinen Piano-Ambient-Anteilen den größten Kontrast innerhalb nur eines Songs dar. „Okhta-Tsentr“ könnte man beinahe als Indierock-Disco auffassen, der Song prescht riffdominiert voran. Der Rauswerfer „Vndadiem ou le 21h06“ vereint die schachteligen Rockismen, aber weniger verzerrt, etwas mehr in Richtung Wave tendierend.
Es tut dem Album gut, dass Karnel den Gesang nicht vollständig allein übernimmt, denn wo er es tut, fällt auf, dass er ein erheblich besserer Instrumentalist als Vokalist ist. Deshalb ließ er Gäste ans Mikro, nämlich eine unbestimmte Sonia, Iryna Kulshenka und Ella Yevtushenko, die Melodien weit besser im Griff haben als er, naja, bis auf in „Lighnings“, da klingt die Sonia ähnlich schräg wie Karnel. Gäste hat er aber nicht nur am Mikro: Das Schlagzeug überlässt er durchgehend Basile Combes und hat zusätzlich in ausgewählten Songs Matthieu Gajewski am Bass dabei, am Piano Roman Starkman und Polina Chorna sowie an Streichinstrumenten Polia Faustova, Artem Litovchenko und Oleksandra Vyentseva. Karnels Musik wäre noch besser, überließe er den Gesang komplett anderen Leuten – oder nähme Unterricht. Oder bliebe Instrumental, aber das wäre nicht die beste Lösung.