Von Guido Dörheide (01.02.2026)
Springsteen ist für mich einer der Künstler, der am meisten die USA repräsentieren. Von allen. Dran am Seien. Punkt. Springsteen gibt seit meinem Geburtsjahr den gutherzigen, hart arbeitenden und/oder mit den Widrigkeiten ihres Daseins ringenden Menschen, denen der amerikanische Traum mit Schmackes seinen Arsch ins Gesicht kloppt (Tom Joad aus John Steinbecks „Früchte des Zorns“ ist zum Beispiel so einer), eine Stimme. Man muss sich nur mal die auf der im letzten Jahr erschienenen Expanded Edition des 1982er Albums „Nebraska“ enthaltenen Versionen von „Born In The USA“ anhören: Die aus dem Radio bekannte Version klingt musikalisch nach einem Loblied auf die USA und wurde ja auch schon von hinlänglich bekannten Verbrechern und Vollidioten als solche missunterfehleingeschätzt und als Wahlkampfhymne missbraucht, während der Text den amerikanischen Staat kritisiert.
Auf „Nebraska ‘82 – Expanded Edition“ hört sich der Song auch musikalisch und gesanglich nach einer Hinterfragung des amerikanischen Traums an. 2002 war Springsteen mit „The Rising“ zur Stelle, als die Fans riefen, nach dem 11. September würde ein Springsteensches Statement gebraucht. Und auch heuer meldet er sich zu Wort, nachdem die Situation in Minneapolis in aberwitziger und nicht vorstellbarer Art und Weise eskalierte. „Streets Of Minneapolis“ nimmt vom Titel auf „Streets Of Philadelphia“ Bezug und thematisiert den Tod von Alex Pretti und Renée Good, die dem wahnsinnigen Krieg der United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) gegen Teile der eigenen Bevölkerung zum Opfer fielen. Zuvor hatte DJT mehrere Tausend ICE-Bedienstete nach Minneapolis geschickt, damit diese Jagd auf Immigrant:innen ohne Aufenthaltserlaubnis machten, und im Zuge dieser Menschenjagden wurden zwei Amerikaner:innen getötet, die mit den ICE-Aktionen überhaupt nichts zu tun hatten. Hätten sie etwas damit zu tun gehabt, wäre es auch nicht viel besser gewesen, Mord bleibt schließlich Mord.
„Streets Of Minneapolis“ ist ein typischer gefühlvoller Springsteen-Rocksong mit anfangs eher zurückgehaltener Instrumentierung, die Springsteens Gesang toll zur Geltung kommen lässt. Nach kurzer Zeit setzt dann das Schlagzeug ein und der Song stampft eindrucksvoll vor sich hin. Sprinsteen beschreibt die Situation in Minneapolis: Ein eiskalter Winter, eine brennende Stadt, die gegen Feuer und Eis kämpft (gleich zweimal der Begriff „ICE“ in den ersten Zeilen des Songs), König Trumps Privatarmee vom Department of Homeland Security (unter der Leitung der unsäglichen Kristi Noem), die nach Minneapolis kam, um das Recht durchzusetzen. So erzählen sie es zumindest selber, fügt Springsteen an. Dann berichtet er von den beiden Toten und nennt Alex Pretti und Renée Good wiederholt beim Namen. „And two dead, left to die on snow-filled streets – Alex Pretti and Renée Good“ erinnert an das anklagende „Four Dead In Ohio“ aus Neil Youngs Antwort auf das Kent State Massacre 1970. Solche Massaker scheinen sich heuer in den USA zu wiederholen, und Springsteen benennt Trump, Stephen Miller und Kristi Noem als diejenigen, die das das alles unter anderem zu verantworten haben („Trump’s federal thugs“ / „Miller and Noem’s dirty lies“). „Streets Of Minneapolis“ ist ein recht simpel gestrickter, typischer Springsteen-Rocksong, und genau das macht ihn so geeignet, um die wichtige Botschaft, dass in den USA zurzeit von der Regierung verantwortete Verbrechen geschehen, zu transportieren: Springsteens Gesang, der Wut und Fassungslosigkeit durchscheinen lässt, aber trotzdem besonnen und deeskalierend wirkt, steht die ganze Zeit über im Vordergrund, doch die musikalische Untermalung wird immer lauter und lauter, die Melodie ist einprägsam und hymnisch, Chorgesang unterstützt Springsteen beim Vortragen seiner Anklage, gegen Ende greift er sogar noch zur Mundharmonika und kurze Zeit später lässt er einen eindrucksvollen Chor „ICE out now“ brüllen, um dann in der letzten Strophe selber herauszuschreien, dass wir jetzt Stellung beziehen für „dieses Land und die Fremden in unserer Mitte“. Das anschließende „We’ll remember the names of those who died on the streets of Minneapolis“ klingt sowas von hymnisch und gleichzeitig unpathetisch, Springsteen bringt es echt mal wieder auf den Punkt – das Eintreten für Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die Wut, die Trauer und den festen Glauben daran, dass es so wie hier jetzt mit DJT nicht enden kann, sondern irgendwann besser werden kann und muss und wird. „Streets Of Minneapolis“ ist ein Symbol dafür, dass in den USA nicht alle so ticken wie Trump, und das gibt Hoffnung.
