Von Guido Dörheide (03.04.2026)
„Endlich wieder Morrissey hören, ohne danach zu duschen“, schrieb Sven Kabelitz 2024 auf laut.de über Brigitte Calls Ne Babys Debütalbum „The Future Is Our Way Out“ und machte mich neugierig auf diese neue Band aus Chicago, Illinois, USA. Und wahrlich – das Album klang sehr schön nach den Smiths, allerdings so sehr, dass ich mich nicht traute, der Band tatsächlich zu trauen.
Heuer legen Wes Leavins (voc), Jack Fluegel (git), Devon Wessels (b) und Jeremy Benshish (dr) mit „Irreversible“ nach und siehe da – während der erste Song „There Always“ sowohl gitarristisch als auch gesanglich wieder sehr nach den Smiths klingt (auch textlich haut Leavins viele schöne Morrisseyismen wie „But the one you really love won’t always be the one that loves you, and the one that truly loves you they won’t always be the one that you love“ raus, der Himmel weiß, wie miserabel er sich dabei fühlen mag), finden BCMB ab dem folgenden „Slumber Party“ ihren eigenen Weg, das gesamte Vereinigte Königreich des 80er-Indie-Rocks leerzuräubern. Ein wenig Smiths, ein wenig Echo And The Bunnymen, ein wenig Pulp und was weiß ich alles noch, auch Roy Orbison wird gerne als Vergleich herangezogen.
Also gesanglich hauen der Morrissey- und auch der Orbison-Vergleich gut hin, musikalisch fühle ich mich vor allem bei „Slumber Party“ sehr an die großen Zeiten von Pulp erinnert, so sehr zieht mich der Song in einen hypnotischen Strudel dezent krachigen Indiegitarrenrocks alter Schule hinein.
„I Danced With Another Love In My Dream“ ist dann wieder ein Titel, wie er auch Morrissey eingefallen sein könnte, und der Song ist schmissig, wartet mit einem großartigen Gitarrensolo auf und mach in jeglicher Hinsicht Freude.
„The Pit“ klingt dann getragener, düsterer und elektronischer, weiter weg von den Smiths geht es nicht und das ist echt auch gut so. Von wegen so Existenzberechtigung und so. Leavins schmachtet auf das Hervorragendste (Orbison ist das Stichwort) und musikalisch gibt es nichts zu meckern. Lediglich das Schlagzeug ist (Gut! Es ist auf jeden Fall gut!) deutlich langweiliger als bei den Smiths, ein Mike Joyce ist eben durch niemanden zu ersetzen. Und warum vergleiche ich BCMB jetzt schon wieder mit den Smiths, obwohl ich vorher noch festgestellt hatte, dass das überhaupt gar nicht angebracht ist?
Äääh, vermutlich, weil Jack Fluegel auf dem folgenden „Truth Is Stranger Than Fiction“ so dermaßen losjangled, als wolle er den Johnny-Marr-Soundalike-Contest gewinnen, und es ist Wes Leavins Verdienst, mit seinem kraftvollen und überhaupt gar nicht jammerndem Gesang klarzustellen, dass man sich von den Smiths tatsächlich emanzipiert hat. Im Refrain stellt Leavins dann unmissverständlich klar, dass die Wahrheit soviel merkwürdiger ist als die Fiktion, und das tut er nicht nur mit Nachdruck, sondern auch mit Tremolo. Herrlich. Und er kann es.
„These Acts Of Which We’re Designed“ leitet dann mit Elektronikgeplucker ein, die Melodie schmeichelt dem Gehör der Zuhörenden, die 1980er waren wahrlich nicht nur schlecht, sondern oft sehr schön, und das wird hier auf das Vortrefflichste zelebriert.
Stilistisch geht es auf „I Can’t Have You All To Myself“ ganz ähnlich weiter, dann folgen zwei schmissigere Songs und am Ende gibt es mit „Send Those Memories“ nochmal das ganz fette Tränendrüsengeschmachte. „Send those memories to me, I want them back. I miss you, misery, to me, it wasn’t so bad.“ Oder wie meine jüngere Tochter Greta sagen würde: „Ich mag Dich nicht mehr. Gib mir meine Telefonnummer zurück!“
Hier wird gejammert und gerockt und die 80er Jahre werden nochmal Paroli laufen gelassen, und das in ganz hervorragender Art und Weise.
