Spaziergang nach Syrakus – Lars Jessen – D 2026

Von Matthias Bosenick (02.09.2026)

Auf der Suche nach der Quelle für seine Sehnsucht versteigt sich Paul in dem literarisch inspirierten Wunsch, zu Fuß nach Sizilien zu wandern. Dumm nur, dass er in der DDR lebt. Der „Spaziergang nach Syrakus“ von Regisseur Lars Jessen begleitet man gern, weil hier der Tonfall stimmt, ausgewogen zwischen Ernst und Humor, und auch sonst alles das Auge erfreut. Fast alles, denn die Wende bedeutet hier auch dramaturgisch eine Zäsur.

Wer wie der Rezensent Fernsehgucken nicht als Hobby hat, kennt Charly Hübner nicht. Als Paul Gompitz überzeugt der Schauspieler, als wäre er jener Sehnsuchtsgetriebene persönlich. Stimme, Aussehen (wie Klaus Lage ungefähr zu der Zeit, zu der auch die Handlung des Films stattfindet, also Mitte der Achtziger), Körperbau, Bewegungen, der gespielte Mittvierziger erscheint hier als vertrauenswürdiger Bär, dem man alles billigt. Na, fast alles: Seine Obsession, einmal die DDR zu verlassen, analog zu Johann Gottfried Seimes’ Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ aus dem Jahr 1802, ebenjene Reise nachzustellen und anschließend in die DDR zurückzukehren, belastet seine Ehe mit Anna enorm, zumal es sieben anstrengende Jahre dauert, bis Paul seinen Traum endlich umgesetzt bekommt, abermals zu Lasten seiner Gattin, die fortan Probleme mit der Stasi hat. Was ihn nicht davon abhält, seinen Traum zu verwirklichen.

Aus der Rückschau erzählt Paul diese Geschichte, und zwar von Syrakus aus, Siracusa, Sizilien, nämlich einem Kellnerkollegen, im Jahre 2006, und somit uns heute. Wir bekommen die harmonische Ehe von Paul und Anna gezeigt, inmitten des einengenden Lebens in der DDR, die auch innerhalb des abgegrenzten Landes überall Grenzen setzt. Paul interessiert sich für Italien, das macht ihn verdächtig. Paul möchte ein Buch über Radartechnik kaufen, das macht ihn verdächtig. Paul möchte Segeln lernen, das macht ihn verdächtig. Paul arbeitet saisonal in Binz, wo es bekanntlich viel Westgeld als Trinkgeld gibt, das macht ihn verdächtig. Paul treibt sich abends am Strand von Hiddensee herum, das macht ihn verdächtig. Na gut, stattgegeben: Paul hat ja wirklich etwas vor, aber nichts, was auch außerhalb der DDR illegal gewesen wäre. Diesen Frust spart der Film nicht aus, man leidet mit Paul. Und auch mit Anna, von der er sich bei fortschreitender Planung und Durchführung entfremdet.

Dann schafft Paul es, segelt nach Dänemark, trifft seine Cousine in Bochum und reist gen Süden. Da ist seine Ehe bereits zerbrochen, dennoch tritt er den Rückweg an, gleichzeitig feststellend, dass seine Sehnsucht ja immer noch nicht verschwunden ist, trotz der Erfüllung seines Traums. Ab hier schlingert der Film etwas herum: Die Rückreise fällt nämlich mit dem Mauerfall zusammen, was die Rückkehr in die DDR schlagartig ungefährlich macht; bis zu sieben Jahre Knast hängen jetzt nicht mehr wie ein Damoklesschwert über ihm. Da jetzt auch dramaturgisch alles möglich ist, fasert das Finale etwas aus. Anna ist weg, Paul ein Weltenbummler, doch zuletzt ist alles Gartenparty. So endet ein grandioser Film mit einem Fragezeichen.

Grandios ist der Film nicht allein aufgrund seiner Handlung, die die tödlich ernstzunehmende Schikaneregierung der DDR mit Sarkasmus spiegelt. Die Bilder, die Lars Jessen einsetzt, passen zur Zeit, mit leichter Sepiawärme im grauen DDR-Alltag. Als filmischen Kniff leitet Jessen Szenenwechsel mit animierten Postkarten ein, noch auf die optisch beeindruckende Spitze getrieben während der Reise, als Paul sich nämlich teilweise in den Postkarten bewegt, in Napoli sogar spiegelverkehrt auf der Rückseite einer Karte. Das erinnert leicht an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und die Bildfantasie von Jean-Pierre Jeunet. Interessanterweise ist die Musik hier auf eine Art eingesetzt, dass man sie nicht wahrnimmt. Ja, da ist etwas, aber man greift es nicht. Als wäre sie Teil der Bilder, nicht nebenherlaufend. Jakob Ilja von Element Of Crime teilt sich die Credits dafür mit Benjamin Wagner Pérez. Mehr im Ohr hat man wiederum die italienischen Platten, die Paul gelegentlich auflegt.

Eigentlich war also Pauls Planungszeit der interessantere Teil dieses Film, das Unerfüllte, die Sehnsucht, gelitten im Alltag eines Unterdrückerstaates. Sicherlich hatte auch die Reise ihren Charme, die herzlichen Begegnungen, die Paul erlebt. Nur für den Schluss hätte man sich gewünscht, dass der Film seine Strenge beibehält. Klar, was in den Achtzigern in der DDR beginnt, muss sich zwangsläufig bald mit dem Ende dieses Staates auseinandersetzen. Der Schluss der „Winterreise“ von Hans Steinbichler ist da erschütternder, aber konsequenter.

Kleiner Realitätscheck zum Abschluss: Klaus Müller war der einzige DDR-Bürger, der jemals nach erfolgreicher Flucht zurückkehrte. An dessen Geschichte hangelt sich der Roman „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ entlang, mit dem Friedrich Christian Delius die Grundlage für den vorliegenden Film liefert. In dem Roman indes gerät Paul tatsächlich in die Fänge der Stasi, Klaus Müller hingegen erhielt bei seiner Rückkehr lediglich eine Geldstrafe, blieb aber eben auch nicht ohne Konsequenzen.