Prophän – Ana Lmalhi F Dnoubi أنا الملهي فذنوبي – Antibody Label 2026

Von Matthias Bosenick (23.07.2026)

„أنا الملهي فذنوبي“ heißt ungefähr „Ich bin abgelenkt von meinen Sünden“, phonetisch ergibt sich daraus der Titel „Ana Lmalhi F Dnoubi“ für das neue Album des marokkanischen Ein-Man-Projektes Prophän. Darauf verarbeitet Othman Cherradi aus Casablanca, der Prophän betreibt, seine Eindrücke, die er im Zuge einer Umsiedelung nach Paris erhielt. Musikalisch heißt das, dass er verlangsamte Industrial-Sounds und Sprachsamples mit marokkanischer Musik verbindet, minimalistisch, dunkel, schön und verstörend.

Ein tiefes Brummen, das sich leicht in der Tonhöhe verschiebt, markiert den Loop, auf dem Cherradi seine ersten drei Tracks errichtet. Jeder bekommt eine eigene Ausrichtung, beginnend mit Leere, die sich dezidiert und beinahe perkussiv mit metallischen Schlägen auseinanderzusetzen hat, später mit arabisch konnotierten Musiksamples, wahlweise konkret, wie man sie sich als Europäer beispielsweise auf einem Bazar vorstellt, oder unterschwellig als Soundscapes, begleitet dann von Gesängen und vielseitigen Industrial-Schlägen, so im Titeltrack. Hypnotisch einnehmend verbindet Cherradi hier tiefste Dunkelheit mit Abstraktion, Noise und Schönheit.

Die zweite Hälfte bekommt eine andere Ausgestaltung: „Katssali Bhal Hakka“ besteht aus einem hintergründigen Drone, zu dem es metallisch raschelt, eine Art Orgel erklingt und ein schöner, nachdenklicher, versunkener Gesang einsetzt. Das Stück entwickelt sich zu einem Schulterschluss zwischen muslimischer und christlicher Musikalisierung kombiniert mit abstraktem minimalistischem Noise. Das abschließende „Carved“ hat einen erschütternd langsamen Schlag als Grundrhythmus, über dem ein Keyboard und ein marokkanisches Saiteninstrument einander in die Höhe schrauben. Sobald sie die anfängliche Leere ersetzen, reißt der Schlag unbemerkt ab, Gesang gesellt sich hinzu und alles gipfelt in etwas, das nach Hoffnung schreit.

Mit diesen fünf Tracks verarbeitet Cherradi seine Umsiedelung von Marokko nach Paris, wo er sich „von seinen Sünden abgelenkt“ sieht, ein Zitat aus einem Sufi-Gedicht übrigens, zwischen – so die Info – Entfremdung und Orientierungslosigkeit sowie dem Verlust des kreativen Gleichgewichts. Alles, so heißt es, steuere auf den Punkt des Zusammenbruchs hin, ohne eine Lösung anzubieten, sondern lediglich Spuren. Klingt philosophisch und reflektiert, und umgesetzt ist es tatsächlich so düster, wie sich das liest. Einen ohrenbetäubenden Lärm indes generiert Cherradi nicht, auch wenn manche Sounds mehr als nur unbequem sind. Dennoch ist das Ergebnis durchaus als schön aufzufassen.

Als Prophän macht Cherradi mindestens seit 2018 Musik, seine erste EP „Moorish Sorcery“ erschien in jenem Jahr, sein Debüt-Album „Those Who Fight In God’s Way“ kam 2021 heraus. Zur fröhlichen Verwirrung gestaltet er sein Prophän-Logo bisweilen nach Art des Death oder Black Metal, was zumindest die Stimmung betreffend sehr passend ist. Seine Veröffentlichungen bewegen sich zwischen Techno, Tribals, Dark Ambient und Industrial.