Von Matthias Bosenick (10.07.2026)
Reichenhall behalten ihren Turnus von alle vier Minuten ein neues Zwei-Stunden-Album bei: Ein „Konzert für Zikaden“ ist das neueste Werk dieses Berliner Projektes, abermals eines mit einem Konzept. Dieses Mal bastelte Bandmitglied Lukas Radiomodul im Rahmen eines Aufenthaltes in Šibenik in Kroatien diese knapp 40 Minuten Musik aus bereits erfolgten Aufnahmen des gesamten Teams zusammen, und zwar analog zur Frequenz, in der die Zikaden in den umliegenden Bäumen ratschten. Die sind zwar bedauerlicherweise kaum zu hören, dafür aber mosaikartiges Chill-Out-Electro auf 91 BPM.
Auf einem elektronisch generierten Beat wie aus einem entschleunigten Westernfilm trabt die Musik voran. Bereits die Drums erfahren Manipulationen und Bearbeitungen, die die Sounds gelegentlich leicht in Richtung Industrial verlagern. Obschon das, was Lukas Radiomodul darüberlegt, er also der Sampledatenbank von Reichenhall entnimmt, vornehmlich dem gechillten Eskapismus zugutekommt, lässt er auch diese grundsätzlich entspannten Inklusen zuweilen harsch auftreten. Manche Samples erscheinen kantig, andere flächig, im mehr als viertelstündigen Opener „We Suck The Plants“ wogt es auf und ab.
Der Hörerschaft wäre es vermutlich nicht aufgefallen, aber Radiomodul behält die gesamte Zeit über das Tempo von 91 BPM bei. Bereits beim „Dinner For 1000“ variiert er den Rhythmus im Vergleich zum Vorgänger, gestaltet die Sounds drumherum noch minimalistischer und fährt die Systeme für „Where Moon, No Sun“ noch weiter herunter, so dass zunächst kaum noch ein Beat diesen Ambient flankiert. Dafür hat „What Colour Is Sound?“ einen Hip-Hop-Rhythmus, der den Kopf zum Nicken verleitet, leicht wie bei Scorn, nur nicht so krass. Die Samples setzt Radiomodul hier zackig, beinahe funky ein, ungefähr wie Yello vor 40 Jahren, mit einem selten angetupften dubbigen Piano dahinter. Am prominentesten selbst Teil der Musik sind die Zikaden im abschließenden „Out Of Sync, Together“, hier begleiten sie das wellenartige Rauschen und die leicht unwohlig gestaltete repetitive Melodie dazu.
Vermutlich war es einigermaßen heiß, als Radiomodul sich mit Laptop und Zugriff auf von ihm wie vom Rest der Band – Bernhard Wöstheinrich, Volker Lankow, Mathieu Sylvestre – eingespieltes Material in einen Pinienhain setzte. So stellt man sich das jedenfalls vor, was er beschreibt. Vor Ort loopte er live das Material mit Zikaden als einzigem Publikum, und er nahm wahr, dass manche der Tiere ihre Laute synchronisierten und weiter entfernt schrapende wiederum anderen Rhythmen folgten. Zu hören ist dieses Insektenpublikum leidre nur selten – man hätte gern mehr Anteil an dieser Art von Sommer im eigenen Zuhause bekommen. Da nun also die Ausgangstöne von der gesamten Band erstellt wurden, stellt dieses von lediglich Lukas Radiomodul erstellte Konzert für Zikaden ein vollwertiges Reichenhall-Album dar – das 15., plus Bestof, seit 2022.
