Von Klaus Neffgen (02.06.2026)
Klassentreffen mit Soundtrack: New Model Army im Gifhorner Schloss
Manche Konzerte sind einfach Konzerte. Andere sind Zeitreisen. Der Auftritt von New Model Army am 31. Mai 2026 im Gifhorner Schlosspark gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.
Schon lange bevor die ersten Töne erklangen, lag eine besondere Stimmung in der Luft. Wer sich auf dem Gelände umsah, konnte sich des Eindrucks kaum erwehren, dass hier nicht nur Fans einer Band zusammengekommen waren, sondern Menschen, die sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder auf denselben Konzerten, in denselben Kneipen und auf denselben Tanzflächen begegnet waren.
Während ich in der Schlange auf ein Bier wartete, wurde dieser Eindruck in einem Gespräch hinter mir treffend zusammengefasst.
„Es ist wie ein Klassentreffen hier.“
„Ja, stimmt.“
„Und wo bist du jetzt?“
„Dresden.“
„Und nur wegen NMA hier?“
„Wenn sie mal in Gifhorn sind…“
Besser hätte man die Atmosphäre des Abends kaum beschreiben können.
Gefühlt kannte ich die Hälfte der Gesichter. Das Publikum wirkte wie ein großes Wiedersehen der Besucher des Exils, des Farmers und des Katers. Viele waren älter geworden, einige hatten graue Haare bekommen, andere waren kaum wiederzuerkennen. Doch sobald die Gespräche begannen, war sofort wieder diese Vertrautheit da, als wären die vergangenen Jahrzehnte nur eine kurze Unterbrechung gewesen.
Die andere Hälfte der über fünfzehnhundert Besucher bestand offenbar aus den treuesten Anhängern der Band. Es waren jene Fans, die New Model Army seit Jahren und Jahrzehnten begleiten, hunderte Kilometer für ein Konzert zurücklegen und jeder Tour hinterherreisen. Dass viele von weit her angereist waren, war überall zu hören.
Den Auftakt des Abends gestaltete die Vorgruppe The DI6E. Die Band stammt angeblich aus Gifhorn und präsentierte ausschließlich eigene Stücke. Dabei wurde schnell deutlich, welche musikalischen Vorlieben die Herren auf der Bühne geprägt haben. Die Songs trugen ihre Einflüsse nicht gerade versteckt vor sich her und passten dadurch erstaunlich gut zum Hauptact des Abends.
Asche auf mein Haupt, aber obwohl die Musiker offenbar seit vielen Jahren aktiv sind, hatte ich in den vergangenen drei Jahrzehnten nie bewusst etwas von ihnen mitbekommen. Umso erfreulicher war die Entdeckung an diesem Abend. Die Band verstand es, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen und die Wartezeit auf den Hauptact angenehm zu verkürzen.
Als schließlich New Model Army die Bühne betrat, war die Vorfreude im Publikum deutlich spürbar. Von den ersten Takten an zeigte die Band, warum sie bis heute eine so treue Fangemeinde besitzt. Der Klang war ausgezeichnet, die Instrumente sauber abgemischt und Justin Sullivan präsentierte sich stimmlich in bemerkenswert guter Verfassung.
Die Songs entwickelten sofort ihre vertraute Wirkung. Viele Besucher sangen mit, andere tanzten, wieder andere schlossen einfach die Augen und ließen sich von Erinnerungen tragen. Die Mischung aus Energie, Melancholie und Leidenschaft, für die New Model Army seit Jahrzehnten bekannt ist, funktionierte auch an diesem Abend hervorragend.
Besonders sympathisch war dabei die offensichtliche Begeisterung von Justin Sullivan für die Veranstaltungsstätte. Mehrfach lobte er das Schloss und die besondere Atmosphäre des Geländes. Man hatte nicht das Gefühl, eine Band zu erleben, die routiniert ihren Tourplan abarbeitet. Vielmehr wirkte es, als hätten die Musiker selbst Freude daran, an diesem ungewöhnlichen Ort spielen zu dürfen.
Auch das Wetter spielte mit. Obwohl die Vorhersagen nicht unbedingt optimistisch gewesen waren, blieb es den gesamten Abend trocken. So mussten die Fans weder Regenjacken noch Schirme bemühen und konnten das Konzert ungestört genießen. In diesem Sinne ließ die Band ihre Anhänger nicht im Regen stehen, weder sprichwörtlich noch tatsächlich.
Musikalisch bot New Model Army einen Querschnitt durch ihre lange Karriere und präsentierte zahlreiche Klassiker aus den Achtzigerjahren. Viele der Stücke wurden vom Publikum begeistert aufgenommen und sorgten für kollektive Glücksmomente zwischen Nostalgie und Gegenwart.
Lediglich ein Wunsch blieb unerfüllt. Der Klassiker „Vagabonds“ schaffte es an diesem Abend nicht auf die Setlist. Während die meisten Besucher das Konzert dennoch rundum zufrieden verließen, war am Ausgang eine Besucherin zu hören, die genau darüber ein wenig traurig war. Vermutlich war sie damit nicht allein.
Am Ende blieb vor allem das Gefühl eines gelungenen Abends. Ein Abend voller Erinnerungen, Begegnungen und großartiger Musik. Ein Abend, der zeigte, dass New Model Army auch nach all den Jahren nichts von ihrer Ausstrahlung verloren haben.
Und vielleicht war das größte Kompliment des Abends nicht der Applaus, nicht die Zugaben und nicht die vielen angereisten Fans. Vielleicht war es dieses Gefühl, Teil eines großen, über Jahrzehnte gewachsenen Freundeskreises zu sein, der sich für ein paar Stunden wiedergefunden hatte.
Bleibt zu hoffen, dass New Model Army der Auftritt im Gifhorner Schloss ebenso gut gefallen hat wie ihrem Publikum. Denn dann besteht die Chance, dass dieses musikalische Klassentreffen irgendwann eine Fortsetzung bekommt.