Was Guido sonst noch gehört hat… im April 2026 – Teil 2

Von Guido Dörheide (12.05.2026)

Keimzeit – Michael Schenker Group – Pink Floyd – At The Gates – Ringo Starr – Six Feet Under

Teil 2 ist eine Mogelpackung, denn von MSG und Pink Floyd gibt es kein neues Material, sondern nur jeweils ein neues Album mit altem Material. Da es bei beiden Bands nicht verkehrt ist, sich mit Livematerial für die einsame Insel zu bevorraten, habe ich beide hier mit reingenommen. Aber ich will vorne anfangen, nämlich mit…

Keimzeit – Ach, die Menschen – Indigo 2026

Mit „Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament! Selber schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt“ lieferten Keimzeit Anno 1990 einen schönen Beitrag zur Postwendezeit, mit „Kling Klang“ avancierten sie einige Jahre später sehr zu Unrecht zu den Lieblingen der Silberhochzeitsschallplattenunterhaltern, die den Song gerne mal zwischen Pur und noch Abgeschmackterem auflegten.

Lange vor der Wende in Potsdam-Mittelmark gegründet, sind Keimzeit glücklicherweise nicht totzukriegen. Kern der Band sind Sänger und Gitarrist Norbert Leisegang und sein Bruder Hartmut am Bass, zu Anfang waren noch die Geschwister Roland und Marion dabei, inzwischen gehören Drummer Lin Dittmann, Gitarrist Lars Kutschke, Keyboarder Andreas Sperling und der Trompeter Sebastian Nachtwei zur Band, auf „Ach, die Menschen“ unterstützt von Ede Merkel am Sax, Nils Marquardt an der Posaune und Georg Wieland Wagner am Vibraphon.

„Ach, die Menschen“ ist – Live-Alben mitgezählt – Keimzeits neunzehnte Langspielveröffentlichung, und es ist ein gutes Album geworden. Musikalisch irgendwo im Indierock angesiedelt, schaffen Keimzeit vor allem durch Norbert Leisegangs ganz besondere Art und Weise, Texte zu schreiben und in typischer Norbert-Leisegang-Manier vorzutragen, mit seiner hellen, leicht knarzenden und immer irgendwie nölenden Stimme.

„Ach, die Menschen – egal, wie man es sieht – ich für meinen Teil hätte sie geliebt“ – so kann nur Norbert Leisegang in ein Album einsteigen. Der Song klingt harmlos und nett und beschreibt, was an der Menschheit liebenswert ist. Bzw. war, denn schnell stellt sich heraus, dass der Erzähler hier von den Menschen in der Vergangenheit berichtet, es gibt sie zum Zeitpunkt der Handlung des Textes schon seit Jahren nicht mehr.

Auf „Bummelzug“ beschreibt Leisegang das Älterwerden anhand von Fortbewegungsmitteln der Deutschen Bahn – in seinem ersten Leben war er ein D-Zug, jetzt ist er ein Bummelzug auf einem Abstellgleis. Schöne Bilder, die gut funktionieren. Ebenfalls hervorhebenswert ist „Kurzhalten“, das offensichtlich aus der Sicht eines Hundes gesungen ist, aber mit Formulierungen wie „Dich hält man lieber an der kurzen Leine“ sicher vielen Hörenden (und einer hohen Dunkelziffer an Haustieren) beiderlei Geschlechts einen Teil der eigenen Beziehungsvergangenheit vor Augen hält. Höhepunkt der toxischen Tierquälereibeziehung ist „Wenn Du nicht machst, was ich Dir sage, dann muss ich Dir leider eine rüberziehen, so dass Dir Hören und Sehen vergeht. Nimm’ das bitte nicht persönlich, auch mir tut so etwas in der Seele weh, aber ich bin nun mal Deine Herrin, und nun hör endlich auf zu winseln, es ist doch noch gar nichts passiert.“ Ab hier möge bitte der Tierschutzverein übernehmen.

Das gesamte Album plätschert superunaufgeregt mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und jazzigen Bläsern vor sich hin, ohne jemals zu langweilen und vor allem, ohne von Leisegangs hervorragenden Texten abzulenken. In jedem Song gibt es tolle Sätze wie „Die Tür sagt nein – für Dich bleibe ich geschlossen“ oder „Die Welt geht unter – zumindest meine“, mein Favorit ist jedoch „Therapie“, der letzte Song auf dem Album. „Zeig mal her, ich repariere Dein Rad und putze, wenn Du es für nötig hältst, das Bad. […] Für Dich mach’ ich wirklich alles, nur eines niemals nie – alles verlange von mir, nur bitte keine Therapie.“ Das ist gut, das ist gesund (zumal der Protagonist sogar Hühnersuppe im Programm hat) und das setzt eine Grenze dort, wo sie hingehört.

Michael Schenker Group – Live And Ready (The Best Of MSG Live 1980 – 1984) – Chrysalis 2026

Es mag wohl angehen, dass Michael Schenker, der Wolfgang Sebastian von Beethoven des Heavy Rock, für alle Zeiten im Schatten seines großen Bruders Rudolf stehen wird und es trotz seiner berserkerhaften Veröffentlichungsflut niemals aus dem abgeschmackten „Wäre er doch mal bei den Scorpions geblieben, da hätte er so richtig Karriere machen können“-Sermons seiner Kritiker heraustreten wird, aber wer der bessere Gitarrist der beiden Schenkerbrüder aus Sarstedt, Lower Saxony, West Germany ist und wer mehr unsterbliche Klassiker geschrieben hat, ohne sich dafür jemals dem stadionkompatiblen Massengeschmack angebiedert zu haben, steht längst fest. Und Stadionrock kann Michael auch, nur eben immer in gut. Verstengan’s mi net foisch – ich liebe die Scorpions und sehe ihnen allen Kitsch und schlechtes Englisch nach, aber Michael Schenker mit UFO, Michael Schenker Group, McAuley Schenker Group, Michael Schenker’s Temple Of Rock, Michael Schenker Fest, Schenker Barden Acoustic Project, Michael Schenker And Friends (habe ich wen vergessen?) hat immer abgeliefert und nie enttäuscht. So auch auf „Live And Ready“: Fünf Stunden Live-Material aus vier Konzerten in Manchester, Tokio und London aus den Jahren 1980 bis 1984 plus eine DVD aus dem Hammersmith Odeon kriegt man hier geboten, inklusive aller Hits wie „Armed And ready“, „Into The Arena“, „Shoot Shoot“ und natürlich UFOs „Doctor Doctor“ (mit dem die großen und mächtigen Iron Maiden seit jeher jedes Konzert als Tonbandeinspielung eröffnen) – alles gesungen von Gary Barden – sowie einem unglaublichen Schlagzeugsolo von Cozy Powell.

Pink Floyd – Live From The Los Angeles Sports Arena, April 26th , 1975 – Columbia/Sony Music 2026

Ich hätte ja nie gedacht, das Los Angeles einen Sportplatz hat, aber eben genau dort haben Pink Floyd wohl vor nunmehr 51 Jahren einen Aufrtitt gehabt, der jetzt endlich als Tonträger vorliegt. Pink Floyd machen ja keine neue Musik mehr und obwohl nach ihnen in den 1990er Jahren ein Volkswagenmodell benannt wurde, haben sie eigentlich schon vor „The Final Cut“ (1983) aufgehört zu existieren. „A Momentary Lapse Of Reason“ (1987) war noch ganz gut, aber unendlich langweilig, „The Division Bell“ (1994, das war das mit dem VW Golf) ging so und „The Endless River“ (2014) erstaunte ob seiner schieren Existenz. Die wahren Pink Floyd, das waren die mit Roger Waters und David Gilmour als Songwriter und Hauptprotagonisten, Nick Mason am Schlagzeug und Rick Wright an den Keyboards (und nicht als bezahlter Angestellter wie bei „The Wall“) – also jene Pink Floyd bis „Animals“ (1977).

Hier haben wir es mit einem Konzertdokument in wie bei Pink Floyd immer verstörend guter Tonqualität zu tun, dass hauptsächlich „Wish You Were Here“ und „Dark Side Of The Moon“ abdeckt und die Hörenden in jeder Sekunde daran erinnert, was PF ausmacht und warum ihre Musik niemals langweilig und niemals sterben wird.

At The Gates – The Ghost Of A Future Dead – Century Media 2026

Und nochmal Musik aus Schweden: At The Gates fallen für mich ebenfalls in den guten, über jeden Zweifel erhabenen Teil des schwedischen Rock’n’Roll: Als ich anfing, mich für Heavy Metal zu begeistern, war es „Slaughter Of The Soul“ (das damals schon knappe 10 Jahre auf dem Buckel hatte), das mich meinen Horizont über Thrash und klassischen Heavy Metal in Richtung Death Metal erweitern ließ. Melodic Death Metal mag ich seitdem in der von At The Gates dargebotenen Form deutlich mehr als von Amon Amarth oder von Arch Enemy.

Zum einen spricht mich das Werk von At The Gates musikalisch mehr an als das von den anderen genannten Bands – die Riffs sind düster, hart und melodisch, die Soli niemals kitschig oder gniedelig oder sonstwie selbstverliebt, und zum anderen hatte es mir der Gesang von Tomas „Tompa“ Lindberg von Anfang an angetan. Hier wird nicht gegrowlt oder gescreamt, sondern eher heiser gebellt. Klingt wie Klargesang, von jemand, der keinen Klargesang hinbekommt, großartig!

Und eben dieser Tompa hat nun während der Aufnahmen zu diesem Album eine tödliche Krebsdiagnose erhalten, dann noch vor seinem letzten Krankenhausaufenthalt die letzten noch fehlenden Gesangsspuren eingesungen, und nach seinem Tod konnte die Band das Album fertigstellen und veröffentlichen. Tompas Vermächtnis-Album ist ein ganz großartiges geworden, es schließt 31 Jahre nach „Slaughter Of The Soul“ eng an dieses an und leistet sich keine Schwachstellen. Die Hörenden bekommen gut 42 Minuten melodischen Death Metal geboten, mit „The Fever Mask“ und „The Dissonant Void“ legen die Göteborgenden geschwindigkeitsmäßig gut los, mit „Det Oerhörda“ wird es ein wenig langsamer, um dann auf „A Ritual Of Waste“ wieder beinahe punkig loszubrettern.

Das im Ohr bleibendste Stück ist „Förgängligheten“, das mit Akustikgitarre und dann einsetzendem E-Gitarren-Solo eröffnet (quasi wie eine Metallica-Ballade, die nicht nervt), wir warten auf den Gesang, aber es kommt keiner. Stattdessen ertönt „Black Hole Emission“, das letzte Stück auf dem Album, das wieder sehr punkig nach vorne prescht und auf dem Tompa nochmal alles aus den Stimmbändern herauskreischen kann. Ein sehr gutes At-The-Gates-Album und ein würdiges Vermächtnis eines Ausnahme-Metalsängers.

Ringo Starr – Long Long Road – Universal Music Enterprises 2026

Wenn Ringo Starr seinerzeit bei den Beatles mal den Leadgesang übernommen hat, kackte er gegen seine Kollegen Lennon und McCartney immer ein wenig ab, dennoch verpasste er „With A Little Help From My Friends“, „Yellow Submarine“ oder Octopus’s Garden“ das gewisse Etwas, das es nur gibt, wenn Ringo singt.

Auf „Long Long Road“ singt Ringo alle Lieder und er spielt auch auf allen Liedern das Schlagzeug. Und was soll ich sagen – mit seinen 85 Jahren singt er hervorragend und sein Schlagzeugspiel ist ohnehin ohne Fehl und Tadel. Er zitiert wunderschön seinen längst verstorbenen Beatles-Kollegen George Harrison, wenn er auf „Choose Love“ singt „The long and winding road is more than a song“ und zeigt, dass Country ein Genre ist, in dem er wunderbar zuhause ist. Natürlich schreibt ein Ringo Starr seine Songs nicht selbst, das war schon in seligen Beatles-Zeiten so, sondern er lässt schreiben, hier wieder einmal mehr durch T-Bone Burnett, der diesen Job sehr zu aller Zufriedenheit erledigt hat.

Ein neues Ringo-Album vermittelt gleichermaßen die Eindrücke „Er ist noch da!“, „Er gibt sich große Mühe beim Singen und hat eine gute Stimme!“ und „Country sollte man öfter mal hören.“ Danke dafür, lieber Ringo!

Six Feet Under – Next To Die – Metal Blade Records 2026

Na do schau her – ein neues Album von Sachen Für Unterwegs! Kann ja nur wieder scheiße werden… oder?

Oder auch nicht! Chris Barnes, der Originalsänger von Cannibal Corpse, und sein ehemaliger Bandkollege Jack Owen, der seit 2017 bei SFU für die Gitarre zuständig ist (neben Ray Suhy), haben sich wohl seit dem grottigen „Nightmares Of The Decomposed“ (2020) und dem um einiges besseren „Killing For Revenge“ (2024) irgendwie gut eingespielt und eingesongwrited: „Approach Your Grave“ startet langsam und stimmungsvoll, melodiereiches und schönes Solo in der zweiten Songhälfte eingeschlossen. Mit „Destroyed Remains“ geht es dann wesentlich schneller und polternder weiter, während Meister Barnes wie in besten frühen CC-Zeiten irgendwelches unverständliche Zeug grunzt, und das darauf folgende „Mister Blood And Guts“ ist mein erster Favorit auf dem neuen Album: Jeff Hughells Bass leitet donnernd ein, und dann bellt Krümelmonster Barnes einfach stoisch vor sich hin. Melodiereiches Solo dazu und gut ist. Mit „Mutilated Corpse In The Woods“ legen SFU gut und überzeugend nach: Gehobenes Tempo, galoppierendes Schlagzeug, gelungenes Riffing und Chris Barnes röchelt und röhrt was von verstümmelten Leichen in den Wäldern. Welche natürlich irgendwann einen unverkennbaren Geruch nach sich ziehen, und so wirkt „Unmistakable Smell Of Death“ dann auch wie der schnellere Zwilling des zuvor gehörten Songs.

Ähnlich überzeugend geht es weiter: Die Songs treiben munter voran, die Gitarrenriffs überzeugen, das Schlagzeug poltert, der Bass donnert und Barnes growlt, als hätte es nie Anlass zur Kritik an seiner Gesangsleistung gegeben. Ein Album, das auf qualitativ ordentlichem Niveau Laune macht und für allerley Kurzweil sorgt wie ich es von SFU auf ihre alten Tage nicht erwartet hätte – was will man mehr?