Was meine Freundin gerne hört – die Musikkolumne: Beat Dis Express

Von Onkel Rosebud

Meine Freundin vermisst die Wunschsendungen im Radio. Früher gab es die gefühlt täglich. Man schrieb eine Postkarte an einen Sender, später schickte man eine Mail mit einem Musikwunsch zu einer Uhrzeit und wer mit welchen Worten damit gegrüßt werden soll. Vor einem reichlichen Vierteljahrhundert habe ich das zum letzten Mal für sie gemacht. Der Track war „Beat Dis“ von Bomb The Bass und ging raus an den Kosenamen meiner Freundin, der von der Moderatorin mit „klingt auch irgendwie cool“ goutiert wurde.

1987 gelang Tim Simenon und Pascal Gabriel aka Bomb The Bass die kalte, technisch perfekte Klangsynthese aus Samples, Synthies und einem für damalige Verhältnisse ungeheuer schnellen Beat. 118 bpm! Als Samples wurden Radiofrequenz-Geräusche, beschleunigte Morsecodes, ein Wecker und die eigene Plattensammlung, u.a. Funky Four Plus One „Everybody In The Street”, Afrika Bambaataa & The Soulsonic Force „Looking For The Perfect Beat“, Bar-Kays „Son Of Shaft“, James Brown „Funky Drummer“, Aretha Franklin „Rock Steady“, Indeep „Last Night A DJ Saved My Life“, Kurtis Blow „Christmas Rappin'“, Ennio Morricone „Theme From The Good, The Bad And The Ugly”, Public Enemy „Rebel Without A Pause“, benutzt. Neben den Remixen von Coldcut, „Pump Up The Volume“ von M/A/R/R/S und „Theme From S’Express“ von S’Express war „Beat Dis“ die Geburtsstunde der DJ-Musik.

Die Legende geht so: Der damals 18 Jahre alte Tim Simenon arbeitete in London als Kellner in einem japanischen Restaurant und studierte nebenbei Tontechnik. Er begann sich für das Schneiden von Tonbändern zu interessieren und war fasziniert davon, Dinge zu zerlegen und Samples in einer anderen Reihenfolge zusammenzusetzen. Der erste günstige Sampler war kurz zuvor auf den Markt gekommen und war revolutionär, weil man damit eine Platte nach Belieben komplett neu arrangieren konnte. Als der Track fertig war, brauchte er noch einen Namen für das Projekt. Da das Konzept darin bestand, die Basslinie mit verschiedenen Samples zu bombardieren, daher lag es nahe, es „Bomb The Bass“ zu nennen. „Bombing“ war ein Begriff aus der Graffiti-Szene: das Besprühen einer Wand oder eines Zuges. Für das Cover nahm er ein Smiley-Bild aus Alan Moores Watchmen, was sich dann in Symbol für Acid House verwandelte. Das Label gab vor, „Beat Dis“ sei ein Import aus den USA, um die Londoner Club-DJs – die eine Art hippe Mafia waren – dazu zu bringen, den Song zu spielen. Der Song wurde in den Clubs sehr populär und verbreitete sich durch Mundpropaganda, aber im Radio wurde er nicht gespielt. Er kam in derselben Woche heraus wie Kylie Minogues „I Should Be So Lucky“, und wenn die Single nicht in den Läden ausverkauft gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich Platz 1 erreicht. Er schaffte es als höchster Neueinstieg eines neuen Acts ins Guinness-Buch der Rekorde.

Verdient haben Simenon und Gabriel nur einen Bruchteil dessen, was man mit einem normalen Hit verdienen würde. Ein jahrelanger Rechtstreit mit Sugar Hill Records, von denen die Zeile „Everybody in the street” stammte, die der Hook des Songs ist, fraß den Großteil der Tantiemen. Wenn man „Beat Dis“ heute machen würde, wäre das ein logistischer und rechtlicher Albtraum und man bräuchte ein gutes Anwaltsteam, um die Rechteinhaber aller gesampelten Platten ausfindig zu machen und sich mit denen zu einigen.

Bis heute ist „Beat Dis“ für mich eine Offenbarung. Als DJ habe ich diesen Floorkiller noch nie eingesetzt. Ich habe noch kein Publikum gefunden, dass ich damit belohnen würde.

Onkel Rosebud

P.S.: Ich habe ein Fax an Radio Okerwelle geschickt. Freitags ab 19 Uhr erfüllen sie neuerdings wieder Musikwünsche. Ich habe zwei mit folgendem Text eingesendet:

Pet Shop Boys „The Sodom And Gomorrha Show (Trentemøller Remix)“. Für Matthias Bosenick. Captain, mein Captain.

Georg Kreisler „Opernboogie“. Für meinen Lieblings-Guido.