Von Onkel Rosebud
Meine Freundin kann nicht so recht nachvollziehen, was ich Italo-Disco abgewinnen kann und warum neben Montana Sextet „Who Needs Enemies (With A Friend Like You)“ die Retortenband The Flirts mit den Songs „Passion“ und „Helpless“ für mich die ultimativen Inkarnationen eines Tanzbeinschwingers sind. Ich gebe das ungern zu, auch textlich homoerotische Fehltritte wie Ken Lazlos „Hey Guy“ oder Lieder, die „Happy Children“, „Another Life“ oder „Hypnotic Tango“ im Original von gebräunten Schnurrbartträgern dargeboten, heißen, holen mich diskomäßig ab, obwohl ich den B-Seiten-Katalog von Sonic Youth auswendig kenne.
Sie hat dazu zwei Hypothesen, warum mir das gefällt: Bartneid und den stringent beibehaltenen 4/4-Takt mit einer sich ständig wiederholende Basslinie sowie einfachen Melodien mit eingängigem Gesang, ohne dass der Text dazu irgendeine signifikante, philosophische Rolle spielt.
Um den Grund meiner musikalisch-affektionierten Schlichtheit bezüglich Italo-Disco rauszufinden, landete ich bei Bobby Orlando, auch Bobby O (*1958) genannt. Er ist ein US-amerikanischer Musikproduzent, Sänger, Komponist und Multiinstrumentalist und gilt als einer der erfolgreichsten Produzenten und Künstler des Hi-NRG, eine Stilrichtung der elektronischen Tanzmusik. Mechanische Beats, stakkatoartige Technoklänge und Funkeinflüsse waren sein Ding Anfang der 1980er Jahre. Mit dem Künstler Divine sorgte seine Single „Love Reaction“ für Aufruhr, weil sich offensichtlich als Plagiat von New Orders Welthit „Blue Monday“ erwies.
Sein Projekt The Flirts, die obengenannte Retortenband mit auswechselbaren Sängerinnen, war in den Jahren 1983-1985 diesseits und jenseits des Atlantiks ein Hitgarant. Die Sängerinnen wurden nach dem Schema Blond-Brünett-Rothaarig besetzt. „Passion“, welches mehr oder weniger eine Neuauflage von Roni Griffiths „Desire“ war, schaffte es bis auf Platz 4 der Top-10 in Deutschland. Nach dem Erfolg von „Helpless (You Took My Love)“, 1985 Platz 13 der deutschen Charts, konnten keine nennenswerten Hitnotierungen in Europa mehr erreicht werden.
Dem Konzept der Flirts blieb Orlando treu, vor allem in den Jahren 1982-1986 veröffentlichte er zahlreiche Stücke von oftmals eher mäßiger Qualität. Orlando sang und spielte die Stücke oft selbst ein, während die Künstler auf der Bühne nur als Blickfang agierten und austauschbar waren. Zu seinen erfolgreicheren Produktionen, auch unter verschiedenen Pseudonymen und für andere Plattenlabel, zählten: Hotline (Fantasy), Waterfront Home (Play That Jukebox), Hippies With Haircuts (Eye On You), One, Two, Three (Another Knife In My Back, Runaway), Oh Romeo (Try It), Eric (Who’s Your Boyfriend?), WOW (Magic Man), Lilly & The Pink (Frustration) oder Claudja Barry mit Whisper To A Scream. Wer davon noch nie gehört hat, hat nichts verpasst.
Die Bezeichnung „Italo Disco“ wird der Lichtgestalt im deutschen Musikbusiness Bernhard Mikulski (Gründer von ZYX Music *1929, †1997) zugeschrieben, der sie in den späten 1970er Jahren verwendete, um aus kommerziellen Gründen italienische Disco-Interpreten regional von anderen Ländern abzugrenzen. Auch ohne dieses Etikett sind Songs wie von der Playback-Ikone Valerie Dore aka Monica Stucchi „The Night“ und „When The Rain Begins To Fall“ von Jermaine Jackson und Pia Zadora Perlen der Italo-Disco-Nostalgie. Und Bobby Orlandos Vermächtnis? Ohne ihn wäre Chicago House vielleicht erst ein halbes Jahr später passiert. Who cares.
Onkel Rosebud cares.
[Anmerkung: Ohne Bobby O hätte es die Pet Shop Boys (so) nicht gegeben – er produzierte deren erstes Demo und die Ur-Version des späteren Welthits „West End Girls“, dann neu produziert von Stephen Hague. Cares auch sehr: Matze.]
