Boy Witch – Boy Witch – Green Man Records 2026

Von Matthias Bosenick (01.04.2026)

Alle zehn Jahre kommt der Wahlberliner Felix Rörig mit einem neuen Projekt daher, scheint es: Boy Witch nennt er sein jüngstes, angelehnt an den Song des Unknown Mortal Orchestra, das er auch als musikalischen Einfluss nennt, und ebenso betitelt er auch sein Debütalbum. Das er bis aufs Schlagzeug komplett allein einspielte. Darauf frönt er der Dunkelheit; keiner depressiven, sondern einer nächtlichen, mit elektronisch unterfütterten Popsongs mit Crooning, die er zwischendurch mit teils heftigem psychedelischem Fuzz um sich selbst verdreht.

Titel und Projektname klingen gruseliger als die Musik, und das ist auch gut so. Die Dunkelheit in diesen elf Songs resultiert nicht aus Horror oder Schwermut, allenfalls aus Einsamkeit, eher noch aus dem schlichten Alleinsein, für das man sich ja selbst entscheiden kann. Die Nacht dringt aus diesen Songs, auch eine räumliche Weite, denn Rörig generiert hier vornehmlich elektronisch unterfütterte Stücke, die er karg, leer, hallend hält, mit einer ruhigen, klaren Stimme vorgetragen, unaufgeregt, ruhig, mit einer unterschwelligen Spannung, wie ein elektronifizierter Chris Isaak auch zeitlich nicht einzuordnen, manchmal so beklemmend wie die Musik, die Angelo Badamalenti für David Lynch produzierte, wenn sie nicht doch einfach nur schön ist. Man fühlt sich an irgendetwas Vertrautes erinnert, Effekte, Sounds oder Melodien aus der Vergangenheit, aus den Achtzigern vielleicht, als einiges davon noch im Radio zu hören war, doch lediglich als Zitate, als Erinnerung, nicht als Kopie – denn Rörig fegt solche dämmernden Ideen immer mal wieder mit Fuzz beiseite.

Da wird dann klar, warum man eine unterschwellige Spannung wahrnimmt: Weil sie offenbar gar nicht so unterschwellig ist, da lässt Rörig eine Ahnung zu, dass da noch etwas kommt, und so versieht er einige seiner Songs mit einer Fuzzgitarre, verleiht ihnen einen psychedelisch konnotierten Twist, gelegentlich sogar eine emotionale Veränderung, einen Ausbruch, voller Kraft und Energie, möglicherweise sogar – nun, Empörung, wenn nicht gar Wut. Dann bleibt auch Rörigs Stimme nicht mehr klar, sondern rauht an, in etwa wie damals im Grunge. Lediglich bei „One Space“ und „Bass Echo“ schweigt er, die beiden Stücke bleiben instrumental. Dafür bratzt er in „Places“ mit dem schönsten fuzzy Gitarrensolo hinein und liefert in „Echolalia“ einen enorm energetischen Ausbruch zum Dreivierteltakt.

Für dieses Album komponierte Rörig die Stücke allein, sang sie und spielte Gitarre, Bass und Synthies. Lediglich für das Schlagzeug holte er sich Gidon Carmel ins Studio, der bei unzählbar vielen Bands seine Sticks im Spiel hat und hatte. Dennoch haftet dem Sound der Beats etwas Artifizielles an, als würde es den Rest der Musik gleichzeitig konterkarieren und bestätigen. Mit Kombinationen aus beidem wie im sanft poppigen „Asteroids“, für das Rörig dubbige Effekte auf Carmels Rimclicks legt. Zum Abschluss kombiniert Rörig außerdem Pop und Fuzz, indem er beides in „Miro“ zu hallendem Drone verschmelzt.

Die Einflüsse, die Rörig selbst angibt, umfassen so unterschiedliche wie Queens Of The Stone Age und Boards Of Canada. Damit rückt er weit ab von den Einflüssen, die ihn vor 20 Jahren zum Musikmachen führten: Als Musikschüler in Münster-Roxel gründete er als Bassist mit Freunden die Band Bloody Brilliant, die sich am selbst damals bereits zehn Jahre alten Grunge orientierte. Weitere zehn Jahre später betrieb er bereits in Berlin mit Sängerin Elena Gniss das „Psychedelic-Indie-Soul“-Projekt ElaiNoha. Und nun feiert er als Boy Witch die Dunkelheit.