Von Guido Dörheide (29.03.2026)
Ein neues Courtney-Barnett-Album hatte ich ehrlich gesagt nicht auf dem Schirm und umso mehr habe ich mich darüber gefreut – so sehr, dass ich erstmal zusammen mit der Liebsten das 2022er Video zu „Rae Street“ angeschaut habe, ein fürwahr großartiges Musikvideo, das ich hiermit allen Lesenden aufs Wärmste ans Herz legen möchte, und danach noch „Lotta Sea Lice“, die 2017er Kollaboration mit Kurt Vile, auf der sich zwei Singer/innen-Songwriter/innen getroffen haben, von denen eine so aussieht, wie der andere heißt, und sich beide auf ihren Fender-Gitarren (sie auf einer Telecaster, er auf einer Jazzmaster) gegenseitig an die Wand spielen und singen, dass es eine wahre Freude ist.
Ups, sorry, ich schwelge in längst vergangenen Zeiten – nun also zurück zu Zwanzich Sechsundzwanzig: Auf „Creature Of Habit“ macht Courtney Barnett das, was sie 2012 nicht müde wird zu tun: Nämlich wunderbar auf der Gitarre zu schrammeln und dazu mit ihrer großartigen Stimme leicht nölend gute Texte zum Besten zu geben. Die große australische alte Dame des Indie-Pop pflegt also ihr musikalisches Erbe und hört sich dabei an wie a) immer und b) wir sie hören möchten. Echt? Nicht ganz!
Gleich auf dem ersten Stück „Stay In Your Lane“ verlässt Barnett die ausgetretenen Pfade des Singersongwriterinnenindiepops in Richtung Electrosoftpunk. Das Schlagzeug klackert, der Bass brummt, elektronische Effekte lockern das Ganze auf und Barnett nölt nicht, sondern leiert ihren Text runter, als hätten wir 1978. Und dazu quäkt die Gitarre auf das Wunderbarste – sowas werden wir im Laufe des Albums noch öfter zu hören bekommen. Der Text ist eine Achterbahnfahrt durch einen rastlosen Verstand, Du willst mir helfen, ich bewege mich rückwärts, reiß’ dieses Ding aus meinem Kopf, sei bitte geduldig, ich blieb in der Spur, blieb unverändert, ich weiß, Du willst mir helfen.
Mit „Wonder“ begibt sich Barnett dann zurück in die keinesfalls ausgetretenen Pfade ihrer bisherigen Alben: Schrammelige Akustikgitarre, nöliger Gesang, tolle Melodie, toller Text („I wonder what you say when I’m not around“).
„Site Unseen“ hat Courtney Barnett zusammen mit Waxahatchee (dem Indie-Folk-Country-Projekt der Musikerin Katie Crutchfield aus Birmingham, Alabama) aufgenommen, der unüberhörbare Country-Einschlag des Songs gefällt mir sehr.
Weiters hervorheben möchte ich „One Thing At A Time“, das sehr treibend vorangeht und dennoch ordentlich vor sich hin rumpelt und außerdem mit grandiosen „Ooohooohooo“-Chören aufwartet, „Mantis“ (quasi das Titelstück, da so ein in meinen Augen ekliges Insekt auch das Albumcover ziert, falls man da von „zieren“ noch sprechen mag, also das Tier prangt da einfach drauf herum; und auch die Worte „Creature Of Habit“ tauchen in dem Text auf), das in einer hypnotischen Weise vor sich hin dudelt, dass es schade ist, dass es kurz vor 5 Minuten Spielzeit schon wieder zuende ist.
„Sugar Plum“ startet leise und zurückgenommen und wird dann nach einer knappen Minute ein wenig lauter und geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Das kann Courtney Barnett: Ohrwürmige Melodien entwickeln, die dennoch nie gefällig oder süßlich klingen, sondern immer ein ganz klein wenig sperrig und die dadurch einen Charme entfalten, wie nur Courtney Barnett ihn hinbekommt.
Ganz besonders finde ich „Same“, das mit einem verwirrenden Ska-Beat aufwartet, und mit den Gesangsmelodien entführt Barnett die Hörenden irgendwo in die 1980er Jahre, und alles ist gewaltig.
Auf „Great Advice“ ertönt dann wieder diese quäkende Gitarre von weiter oben – irgendwie erinnert sie mich an Sleater-Kinney, und wer sich dort was abschaut, macht definitiv nichts falsch. Das letzte Stück „Another Beautiful Day“ ist mit knapp fünfeinhalb Minuten das längste Stück auf dem Album (Freunde der Statistik werden auf diese Information gewartet haben. Hoffe ich zumindest.) und es macht wieder einmal mehr viel Freude: Ruhig, aber nicht im eigentlichen Sinne schön, sondern kratzig, sperrig, aber dennoch eingängig, hier fehlt nur noch die ergänzende Stimme von Kurt Vile.
„Creature Of Habit“ ist ein richtig tolles Album geworden, das trotz der ihm innewohnenden Unspektakularität an keiner Stelle langweilt und das bei jedem neuen Durchlauf nur gewinnt.
