Von Matthias Bosenick (13.03.2026)
Da denkt man noch, komisch, da hauen The Messthetics als Nachfolge-Projekt der Hardcore-Erneuerer Fugazi aus Washington D.C. in den Jahren 2018 und 2019 zwei Alben quasi am Stück raus und dann gar nix mehr, ist mit denen denn alles okay, dann kriegt man mit, dass sie mit dem Saxophonisten James Brandon Lewis das Album „Deface The Currency“ ankündigen – und dass man deren erste Zusammenarbeit 2024 komplett verpasst hat. Hier bekommen gleich zwei Genres einen Neuanstrich: Hardcore und Jazz, besser: Post Hardcore und Free Jazz. So geht das, wenn man sich weiterentwickelt. Und wer zweifelt, dass das dieselben Messthetics sind wie vor sieben Jahren, bekommt auf diesem Album einen alten eigenen Track von ihnen neu serviert.
Im Jazz der alten Schule, sagen wir: so nach den Fünfzigern bis in die Sechziger hinein, und dann ungeachtet, welche Spezialuntergruppierung, ist es eher üblich, dass sich die Rhythmiker, obschon sie relevant sind, den Melodikern unterordnen. So nicht mit den Messthetics, jedenfalls nicht durchgehend: Gleich mit den ersten beiden Tracks, dem Titelstück und „Gestations“, brettern sie einem wuchtig Schlagzeug und Bass um die Ohren, da ist eher die Gitarre das Hintergründige, und mittenmang trötet das Saxophon, gleichberechtigt, gleichwertig. Das ist ziemlich harter Rock, gar nicht mal so konkret Hardcore, schon eher Jazz, aber wesentlich druckvoller als der traditionelle.
Den können sie aber auch, denn für die nächsten Tracks fahren die vier Musiker ihre Energien herunter und jazzen einfach munter vor sich hin. Das machen sie auf eine so versunkene Art und Weise, dass sie gar nicht merken, wie sie im Verlauf von „30 Years Of Knowing“ und „Rules Of The Game“ ihre Energien wieder hochfahren, indes weniger die Wucht; dafür bekommt auch die Gitarre solierend ihre Einsatzzeit. „Universal Security“ dreht dann allmählich zum Noise auf, und das nicht nur via Tröt, sondern auch via feedbackender Gitarre. Als vorletztes beginnt „Clutch“ so zart und zerbrechlich wie ein modernes Stück Post-Rock, brettert dann aber so mächtig los wie eine Hardrock-Bigband. Für dieses Stück kehrt das Quartett zurück zu Melodie und Groove, dies ist ein leichter nachvollziehbarer Kopfnicker. Partiell riffen die drei ohne Saxophon auf eine Weise, dass man geneigt ist, „Zombie“ von den Cranberries mitzusingen, und sobald der vierte Mann wieder einsteigt, verfliegt diese Analogie gottlob wieder.
Für den Abschluss recyclen The Messthetics ihr eigenes „Serpent Tongue“ vom selbstbetitelten Debüt, hier mit Saxophon und dem Zusatz „Slight Return“. Ohnehin schon speedy und treibend, arbeiten die Musiker es neu, energetischer und noch fetter aus: mehr Soli, mehr Noise, mehr Tempo, mehr Melodie. Und mehr Chaos, denn in der Mitte reduzieren sie ihre Intensität für mehr Experiment auf den jeweiligen Instrumenten, schließlich ist das ja doch wieder Jazz hier. Oder auch: eine neue Art von Fusion. Oder von Crossover?
Zwei Drittel der ursprünglichen Messthetics bestehen aus der im Jazz so genannten Rhythmussektion von Fugazi, namentlich Schlagzeuger Brendan Canty und Bassist Joe Lally. Zum Trio machte es Jazzgitarrist Anthony Pirog, selbst hinreichend umtriebig in der Hauptstadt. Mit dem Tenorsaxophonisten James Brandon Lewis aus New York wuchsen die Messthetics zum Quartett mit einem erweiterten Namen an – und man kann nur dankbar sein, dass dies vor zwei Jahren kein einmaliger Ausrutscher war.
