Von Matthias Bosenick (12.03.2026)
Sobald der Zahn erstmal die Farbe „Purpur“ annimmt, ist es vermutlich sogar für den Zahnarzt zu spät, so schön die Farbe an sich auch sein mag. Für das Berliner Trio Zahn indes ist „Purpur“ das dritte Album, auf dem es instrumentale psychedelische bratzende Gitarrenmusik mit Synthies und einer Beatbox konterkariert. Polyrhythmik erfährt hier ein neues Level, der Groove lässt sich davon nicht abschrecken. „Purpur“ ist eben eine schöne Farbe.
Mit einer Electro-Rhythmusmaschine der Achtziger leiten Zahn das „Stroboskop“ ein, man fühlt sich angenehm nostalgisch. Ein wabernder Sound, der vermutlich aus einem Synthie kommt, begleitet den minimalistischen Beat, bis dann mit voller Wucht das echte Schlagzeug dazukommt und sich vom Bass zum fetten Groove verleiten lässt. Noch nimmt die Gitarre eine untergeordnete Rolle ein, indem sie eher unterstützend das Stück begleitet. Spricht die Band selbst von allerlei Derivaten von Krautrock, klingt dieses Stück eher nach einer härteren Version von Joy Division. Das dürfte die erste Überraschung sein.
Es folgen weitere, im Grunde sind alle acht Tracks solche. Denn das mit der Beatbox und der Elektronik ist keine einleitende Spielerei, Zahn behalten diese Elemente durchgehend bei. Nur, dass die Gitarre später andere Züge annimmt: Sie geht auf Bratz, auf Riff, auf Groove, indes – außer mit dem Western-Twang in „Alhambra“ – eher weniger auf Spielereien, denn die überlässt sie dem Synthie. Kurioserweise verlieren die härteren Passagen durch die dominanten Electro-Gerätschaften nicht an Härte. Außerdem spielt die Band angenehm unsteril, indem sie schwankende Tonhöhen und vermeintliche Misstöne nicht nur zulässt, sondern kompositorisch einsetzt. Oder als Effekt, wie den Sound, den ein Radio früher am Ende einer UKW-Skala absonderte, im wundervoll betitelten „Diaabend“. Und dann gibt’s da ja noch das Schlagzeug, das teilweise seinen eigenen Weg zu gehen scheint: Unter „Atoll“ liegt ein Blues-Boogie versteckt, unter „Butter“ ein stampfender Britpop-Rhythmus, ein andermal ein Dreivierteltakt, und was Synthies und Gitarren parallel dazu veranstalten, verdichtet die Stücke polyrhythmisch, so dass der Takt der Drums kaum noch als gegenläufig erkennbar ist. Kunst!
Die Kombination aus Elektronik und Heaviness erinnert leicht an Kong, nur dass die Härte hier nicht im Metal verankert ist, sondern eher im Heavy Psych. Ganz klar: Ohne die – natürlich klanglich – verschiedenfarbigen Synthies und die teilweise trippige Elektronik wäre die Musik von Zahn eine vollkommen andere. Sie erfährt selbstredend eine Aufwertung dadurch.
Zahn sind seit um die 2020 die Bassisten, Gitarristen und Keyboarder Chris Breuer und Felix Gebhard sowie Schlagzeuger Nic Stockmann. Für „Purpur“ holten sie sich zusätzliche Unterstützung von Fabian Bremer (Radare, AUA) und Kjetil Nernes (Årabrot). Die drei Haupt-Zähne kennen sich bereits aus anderen Konstellationen, so spielen Stockmann und Breuer noch zusammen bei Heads., Breuer hat noch The Ocean in seiner Vita stehen, Gebhard hingegen Muff Potter und die Einstürzenden Neubauten als Live-Keyboarder sowie die eigens für den Film „Keine Lieder über Liebe“ gegründete Hansen-Band. „Purpur“ ist ihr drittes Album nach „Zahn“ 2021 und „Adria“ 2023 sowie der einseitig bespielten 12“ „Seite E“ aus dem Vorjahr. Eins noch: „Purpur“ bedeutet gottlob nicht „Abenteuerlandabenteuerland!“
