KMFDM – Enemy – Metropolis 2026

Von Guido Dörheide (06.03.2026)

KMFDM sind seit 1984 immer eine Bank – ähnlich eines Uhrwerks (Jahaa – hihi, mit „Bank“ und „Uhrwerk“ gleich zwei Schweiz-Metaphern im ersten Satz untergebracht, und das bei einer deutschen Band, die lange Jahre von den USA aus operierten) veröffentlichen sie alle zwei bis drei Jahre ein – meistens mit einem fünfbuchstabigen Titel und einem von Aidan Hughes gestalteten Comic-Cover versehenes – neues Album, auf dem sie harte Elektronik mit harten Gitarren kombinieren und somit den Industrial Rock (bzw. auch den Industrial Metal) wenn nicht be-, dann zumindest mitbegründeten.

2024, auf „Let Go“, klangen KMFDM so, wie wir sie immer erwartet hatten – hart, elektronisch, poppig und schmissig, mit dem seit 2002 bestehenden Trademark-Gesangsabwechseleien von Sascha Konietzko und seiner Gattin Lucia Cifarelli, und wenn uns eine ebensolche Gemengelage auf „Enemy“ wieder auf neue erwartet, sind wir’s wieder aufs Neue zufrieden.

Also flugs beigegangen und den aktuellen Silberling der legendären Formation in den mp Drei Gerät reingeschmissen – und umso überraschter ins neue Album reingestartet sein: Der das Album eröffnende namensgebende Eröffnungstrack „Enemy“, der denselben Namen trägt wie das ganze Album und mit dem das „Enemy“ genannte Album beginnt, fängt nicht industrialmetalmäßig, sondern ganz ruhig alternativrockig an, und nach 30 Sekunden ertönt eine Slide-Guitar. Eine Slide-Guitar bei KMFDM! Ja scheiß die Wand an, und gleichzeitig beginnt Sascha Konietzko, wie gewohnt aggressiv zu singen. Hier wird das Tempo bewusst zurückgenommen, ohne es an der von KMFDM gewohnten Eindringlichkeit missen zu lassen, die sich nicht zuletzt in Konietzkos Lyrik manifestiert: „We don’t need no false leaders, no place for hypocrisy, no room for discrimination – distinction through diversity“, so beginnt der Text, und gleich danach ruft Konietzko dazu auf, sich zu bewaffnen, Krach zu machen; im Endeffekt sind wir uns alle einige gegen eine Welt, die uns stumm sehen will. Jahaa, ich weiß, „stumm“ und „sehen“ passt nicht, aber es klingt besser als still will ohne Verb. Ein wahrhaft musikalisch untypisches, aber dennoch unverkennbares KMFDM-Stück, das macht neugierig auf alles, was nun noch kommt.

Zum Beispiel „Oubliette“, ein typischer Konietzko/Cifarelli-Stampfer mit bratzigen Sisters-Of-Mercy-Vision-Thing-Gitarren und dem abgeklärten, immer leicht kalten Gesang Cifarellis. Textlich geht es wieder einmal mehr gegen Tyrannei und Unterdrückung, das ist glaubwürdig, das ist notwendig und das ist verdammt gut so. Und wo ich schon die Gitarre erwähnte: Die Leadgitarre wurde nach „Let Go“ von Andee Blacksugar an Tidor Nieddu abgegeben und letzterer macht auf „Enemy“ einen supertollen Job. Erst das Alternativerock-Intro auf dem Titelstück, dann das Späte-Sisters-Einstiegs-Geratter auf „Oubliette“, aber das ist längst nicht alles: Im Verlauf des Songs klingen postpunkige Reggae-Rhythmen und in der zweiten Hälfte dann rotzige Rockriffs durch und am Ende ertönt ein großartiges Solo. Das alles unterstützt von Cifarellis und Konietzkos stimmungsvollen Keyboards und Elektronikeffekten sowie Andy Selways elektrischem, und elektronischen Schlagzeug – den Gesamteindruck jetzt noch zu verkacken, wird ein Ding der Unmöglichkeit.

Und richtig – Unmögliches machen KMFDM diesbezüglich glücklicherweise nicht möglich, sie machen weiter, wie sie begonnen haben, und schaukeln ein weiteres sehr gutes und relevantes KMFDM-Album routiniert nach Hause.

„L’État“ handelt von einem Staatschef, der getreu des Mottos des populären und volksnahen Absolutisten Louis Quatorze selber der Staat ist (Ich! Ich! Ich! Ich!, wie es im Refrain heißt), die Gleichheit vor dem Gesetz als einen Witz betrachtet, totalen Gehorsam als Lebensversicherung der Gehorchenden fordert, alle, die nicht für ihn sind, als gegen ihn ansieht und sich selbst als das endgültige Krebsgeschwür, das das Leben in ein Höllenfeuer verwandelt und die personifizierte Ungerechtigkeit und das Grab der Freiheit versteht. Ja, da hat der Herr Konietzko die Herren Trump, Putin, Xi und in Teilen auch Merz treffend charakterisiert.

Auf einigen Songs, wie zum Beispiel den beiden folgenden, „Vampyr“ und „Yoü“ und auch vorher schon bei „Enemy“ und „Oubliette“, singt Annabella Konietzko, die gemeinsame Tochter von Konietzko und Cifarelli, mit und setzt dem Gesang ihrer Mutter eine wärmere und versöhnlich stimmende Note entgegen.

„Outernational [sic!] Intervention“ besticht durch hohes Tempo und jaulende Synths sowie meckernd motzenden Konietzko-Gesang (also hier jetzt der Vater und nicht die Tochter), „A Okay“ ist ein Synthesizer-dominiertes Stück mit tollem Cifarelli-Gesang, „Stray Bullet 2.0“ sorgt dann mal wieder für eine Überraschung, denn hier bekommen wir es mit einem von Vater und Tochter gesungenen Reggae-Stück zu tun, und das funktioniert auch im KMFDM-Kosmos toll, inklusive Madness-mäßiger Bläser/innen im Schlussteil. „Catch And Kill“ ist dann ein düsteres, langsames Stück, eindrucksvoll gesungen von Lucia Cifarelli, hier klingt kaum was KMFDM-typisch, aber dennoch toll. „Gun Quarter Sue“ ist ein energiegeladenes Instrumental, das langsam beginnt und dann rumpelig lospoltert, Gitarre, Schlagzeug und dudelige Videospielelektronik geben sich ein Stelldichein, das anzuhören urst Laune macht.

Der das Album abschließende Track „The Second Coming“ (Stone-Roses-Fans gefriert hier das Blut in den Adern, aber keine Angst!) beginnt mit apokalyptischen Elektro-Eruptionen und einem verzerrt brabbelnden Konietzko, der irgendwie mindestens den Weltuntergang ankündigt. Nun wären KMFDM aber nicht KMFDM, wenn sie nicht wenigstens mal zwischendurch mit Schmissigkeit und sowas wie einer Melodie aufwarteteten, aber hier gegen Ende des aktuellen Albums hält das nicht lange vor, sondern endet immer wieder in düsterer Unmelodiosität. Der Text verheißt Unheilvolles und am Ende kündet Konietzko von einem sich gen Bethlehem lümmelnden rauhen Biest, das dortselbst geboren werden will, und schließt damit den Kreis zum Titel des Songs und teilt ordentlich gegen religiösen Übereifer aus.

Ich fasse zusammen: Für KMFDM äußerst überraschende musikalische Entwicklungen, gewohnt engagierte und politische Texte mit wirklichen guter Aussage, stimmlich von Konietzko und Cifarelli wie gewohnt hervorragend in Szene gesetzt, Annabellas Gesang als tolle Bereicherung on top obendrauf und alles wieder musikalisch über jeden Zweifel erhaben – KMFDM bleiben wichtig und vor allem bleiben sie toll und unterhaltsam hörbar.