Clarity Vision – Electric Cult – addicted/noname Label 2026

Von Matthias Bosenick (27.02.2026)

Die Schwere des Doom erleichtern Clarity Vision aus Moskau auf ihrem ersten Album „Electric Cult“ mit der Stimme ihrer Sängerin: Wie eine heruntergedimmte Doro Pesch hebt sie dennoch das dunkel Grollende des Genres an. Auch bei dem Trio aus Moskau erstaunt, dass es lediglich zu dritt einen so fetten Sound hinbekommt. Der zudem auch Freunde von riffigem Metal, Stoner und Heavy Psych erfreuen dürfte.

So ein Bisschen Kyuss steckt etwa in dem Umstand, dass die Riffs den Eindruck erwecken, über eine gewisse Tonhöhe gar nicht erst hinauszukommen; diese Wüstenrockigkeit tragen einige Stücke auf „Electric Cult“. Dem entgegen stehen die Gitarrensoli, die hier eingebaut sind und die belegen, dass die Tonskala der Moskauer sehr wohl auch höhere Lagen zulässt. Nicht indes bekommt man ein höheres Tempo geboten, das Trio bliebt im schleppenden Doom und variiert seine sieben Songs – plus Intro aus einem Lehrfilm über elektrische Spannung – kompositorisch und über die Arrangements. Und mit einer lebendigen Spielfreude, die dem düsteren Genre diametral gegenübersteht und der Stimmung dennoch nicht schadet.

Ein großes Pfund bei Clarity Vision ist die Fähigkeit, Riffs und Melodien miteinander zu verschmelzen. Damit setzen sie die Gitarren nicht allein rhythmisch den Doom ausrollend ein, sondern nutzen diese Riffs gleich dafür, die jeweilige Stimmung eines Songs variabel zu beeinflussen; die Gitarre platziert sich mithin exakt zwischen Rhythmus und Melodie, denn via Soli finden solche transzendenten Module ebenfalls ihren Einlass. Bis hin zu Momenten, in denen Twin-Gitarren den Rückgriff auf die Siebziger am deutlichsten erhellen. Der Bass, überdies gespielt von der selben Person wie die Gitarren, erhält hier einen räudigen Fuzz, mit dem der Doom hier eine amtliche Schippe Staub zugesetzt bekommt, und hat zudem seine solitären Anteile, an denen er losgelöst belegt, wie groovy die Musik von Clarity Vision ist. Das Schlagzeug kopfnickt dazu gemächlich, aber wuchtig. Wie ein eigenes Instrument liegt darüber der klare, kraftvolle, intensive, in mittlerer Lage gehaltene Gesang, der bisweilen lediglich dezent seine Tonhöhe variiert und damit eine Art Leitfaden in die Stücke webt. Und das auf Russisch, was für eine zusätzliche Schwere sorgt.

Diesen Gesang übernimmt hier Galina Shpakovskaya. Gitarren und Bässe spielt Alexey Roslyakov, als Schlagzeuger ist Mikhail Markelov dabei. Mit der Single „Пространства“ trat die Band vor drei Jahren erstmals öffentlich auf den Plan, nachdem Galina und Alexey zunächst als unbenanntes Duo damit begannen, im Proberaum „Personal Jesus“ von Depeche Mode zu covern. Das hätte man ja gern mal gehört. Bassist Denis Yakhryushin und Drummer Mikhail stiegen kurz darauf ein, die selbstbetitelte Debüt-EP erschien 2023 und der Bassist nahm zwischenzeitig seinen Hut, weshalb sich wohl auch die Produktion dieses Albums verzögerte. Die wunderbare Vorab-Single „Глубокий океан“ war bereits im Sommer 2025 zu hören, hier ist sie ebenfalls enthalten.