Glen – It Was A Bright Cold Day In April, … – Kapitän Platte 2026

Von Matthias Bosenick (26.02.2026)

Jetzt schlägt’s 13! Wo spielt Achim Färber denn eigentlich nicht mit? Hier bringt der Schlagzeuger nicht nur seinen Dub bei Glen ein, dem Berliner Projekt der beiden Gitarre Spielenden Eleni Ampelakiotou und Wilhelm Stegmeier plus Bassist Roland D. Feinäugle. Trippigen instrumentalen Impro-Gniedel-Noise-Jazz-Dubrock gibt’s auf dem vierten Album „It Was A Bright Cold Day In April, …“ zu hören, erweitert von einigen Gästen, die unter anderem auch Keyboards und Saxophone im Gepäck hatten.

Angenehmerweise lässt sich die Musik auf diesem Album gar nicht konkret kategorisieren, hier findet sehr viel gleichzeitig und nacheinander statt. Das zum Geleit Dubbig-Trippige der Rhythmiker bekommt zunächst eine harmonische Gitarrenbegleitung, die im Verlauf der ersten Tracks auch an Schärfe zulegen kann. An mancher Stelle nickt man gechillt mit dem Köpfchen, an anderer wähnt man sich im Jazz-Fusion-Rock; mal hat’s etwas von einem verhärteten Indierock, mal könnte man sich die Sequenz auch im Verbund mit der Hörspielmusik von Carsten Bohn eingesetzt vorstellen, mal saxophont der Free Jazz zum Rock, mal ergehen sich die Musizierenden in sublimem Noise und spielen sich in einen betörenden Rausch, mal streifen sie behutsam durch einen vor Leben strotzenden Meditations-Ambient-Urwald.

Fünf Tracks auf Vinyl, sieben in den anderen Darreichungsformen, zwischen fünf (einmal, im Bonus-Bereich) oder sieben (ansonsten das kürzeste) und 14 Minuten lang, da ergibt sich jeweils ordentlich Zeit, um die Energien fließen zu lassen. Daher bleibt keiner der Tracks dort, wo er beginnt, es ist ein Auf und Ab der Intensitäten, ein Hin und Weg der Zutaten, ein Ein und Aus der Genrebezeichnungen. Auf unendliche, experimentelle Intros folgen hypnotische, meditative bis energetische, motivierende, kraftvolle Passagen, und selbst atonal-kakophonische Sequenzen versehen Glen mit einer kuriosen, mitreißenden Art von Harmonie, dass man sich fortwährend in das Album hineinsenken mag, und nach jeder Wendung, nach jeder Entwicklung steigert sich die Begeisterung beim Zuhören.

Das eigentliche Album endet mit der Meditations-Klangschalen-Reise, die den bei George Orwells „1984“ geborgten Titel des Albums mit ihrem Titel fortsetzt: „… And The Clocks Were Striking Thirteen“. Mehr als acht Minuten lang begleitet man die Band auf diesem im klassischen Sinne musiklosen Unterfangen. Der Bonus-Bereich beginnt mit einer Art Blues-Boogie, die sich zu einer Noise-Attacke ausweitet. Das Finale kombiniert Klassik-Kompositionen mit Spaghettiwestern-Stimmung auf einer verlangsamten Langstrecke.

Vor zehn Jahren starteten Ampelakiotou und Stegmeier ihre Band Glen, die ersten beiden Alben „Crack“ und „Pull“ noch mit jeweils veränderter Bass-Schlagzeug-Besetzung. Erst seit dem dritten Album „I Can See No Evil“ aus dem Jahr 2023 sind Feinäugle und Färber quasi fest mit dabei. „Double“ Feinäugle kennen die beiden Projektköpfe bereits von der gemeinsamen Band Four Star Five, die in den Neunzigern kurzzeitig existierte. Färber wiederum steht und stand auf so vielen Lohnlisten, dass es jeden Wikipediaeintrag sprengt: Aktuell dubbt er prächtig mit Automat und hat oder hatte ansonsten noch einen Schemel bei Project Pitchfork, Tito & Tarantula, Phillip Boa & The Voodoo Club, Die Krupps und vielen mehr zu stehen. Als Gäste ins Studio kamen Norbert Stammberger und Kriton Beyer mit einem Saxophon-Arsenal und Elektronik sowie Ruby und Bettina Morlock als Stimmbeitragende.