Von Matthias Bosenick (24.02.2026)
Zeitreise in die Sechziger, knietief und ohne Ironie oder Modernismen: Die Soft Hearted Scientists aus Cardiff in Wales kleiden sich in der klassischen britischen Folklore-Psychedelik und spielen seit fast 25 Jahren Album um Album ein. Das jüngste, „The Phantom Of Canton“, ein Konzeptalbum, hat zwar bereits einige Monde auf dem Buckel, bekommt aber via Fruits De Mer Records eine Neuveröffentlichung auf Dreifach-LP mit erweiterter Songauswahl. Das Modernste hier ist der Synthie, obschon er einen der Authentizität angemessenen Einsatz erfährt. Es fehlt: die Flöte.
Merkwürdig eigentlich, dass auf diesen eineinviertel Stunden Musik plus über eine halbe Stunde Bonus keine Flöte erklingt, denn diese Musik erweckt den Anschein, dass man ständig eine hört, aber Pustekuchen. Eine Fake-Mundharmonika mal, aber da man in den Credits zu lesen bekommt, dass keine solche gespielt wurde, wird die wohl aus dem Synthie gekommen sein. Wie das Piano, das Spinett oder die Orgel, die auch mal wie eine Kirchenorgel dröhnt. Ansonsten hat die Band fünf Musizierende, die sich mit gängigem Rock’n’Roll-Instrumentarium ausstatten und dies auch zu nutzen wissen.
Obschon hier mitnichten Rock’n’Roll bei rauskommt. Mal ein dezentes E-Gitarren-Solo, eingebettet in den blumigen Akustikgitarren-Harmoniegesang-Space-Psychedelik-Poprock, der ansonsten die Oberhand behält. Feinstens authentisch ausgearbeitet, bis ins Detail originalgetreu, und Details gibt’s hier eine Menge. Man sieht fortwährend Paisley-Muster vor dem inneren Auge im Sonnenschein elfengleich tanzen. Pretty much Traffic, wenn man so will, a lot of Byrds all around. Zumeist irgendwie erhebend-uptempo, stets ernsthaft, leicht fröhlich, selten wehmütig, und das trotz des Konzeptüberbaus, der Entfremdung, verlorene Liebe und den „manchmal hohen persönlichen Preis der obsessiven Verfolgung kreativer Projekte oder auch eines Jobs oder einer Berufung“ behandelt. Wenn das Ergebnis davon so sonnig ist, freuen sich immerhin die Genrefans. Wenn es allerdings so extrem in der bereits seit Jahrzehnten vergangenen Zeit verhaftet ist, wundern sich alle anderen und fragen sich nach dem Mehrwert.
Das ursprüngliche Album hatte 16 Tracks, von denen einige kurze Intros darstellen, die Fruits De Mer Records für die Vinyl-Version mit den dazugehörigen Hauptsongs zusammenfasst, weshalb das Ur-Album auf zwei LPs verteilt nun auf weniger Songs kommt. Dafür finden sich vier exklusive Stücke auf der dritten LP: einmal 18 Minuten lang „The Phantom Of Canton Express“ sowie Instrumentalversionen dreier Albumtracks, von denen keiner vorher zu haben war, nicht auf der „Edits, Instrumentals And Demos“-Bonus-CD, nicht auf den Begleit-Singles. Kopf der Band ist Sänger, Gitarrist und Elektroniker Nathan Hall, bei ihm sind Bassist Michael Bailey, Gitarrist und Mandolinenspieler Paul Jones, Keyboarder und Zweitstimme Dylan Line sowie Schlagzeuger und Keyboarder Frank Naughton. Das Quintett überholte sich übrigens längst selbst und veröffentlichte nach dem vorliegenden Album noch zwei Sammlungen: „Singles Volume 1“ und „Ffuture Songzz Volume 2“.
