Von Matthias Bosenick (19.02.2026)
Von Miles Davis bis Les Claypool, von TV-Bigband bis Rage Against The Machine, und alles zu sechst mit klassischem bis Jazz-Instrumentarium: Was die zwischen Augsburg und München angesiedelte Band Kabasse auf ihrem Debütalbum „About Sitting On Fences“ zusammenrührt, rührt an, denn die Musiker locken erstmal mit vertrauten Jazz-Klängen und überrumpeln mit allerlei anderen Einflüssen, von kontemplativ bis zum Mithüpfen. Die fünf instrumentalen Tracks schlagen mehr Haken, als man erfassen kann.
Erstmal wähnt man sich in einem Jazz, den man von Miles Davis kennen könnte, so still und entspannt wie zwischen „Kind Of Blue“ und „In A Silent Way“, zögerliches Schlagzeug, ruhige, behutsame weitere Tasten-, Blas- und Stabspiel-Instrumente, die die Hörerschaft behutsam an die Hand nehmen, durch die Pforte im Zaun führen – und dann allmählich emporwirbeln. Inmitten eines Orkans errichtet die Band etwas Festes, etwas klar Erkennbares, wie eine riesige, solide Holzkiste, die sichtbar wird, sobald ein Tornado vorbeigezogen ist, funktional, kompakt, ansprechend ausgestaltet, bis alles zusammenbricht und zu einer Art kontemplativen Posaunenchor-Zusammenspiels wird.
Klingt wild? Das war nur der Einstand, mit dem die Band diverse potentiell mögliche Ausrichtungen absteckt. Denn zu Beginn von „In The Woods“ verfällt das Sextett ins Experimentieren, ins Klimpern und Klickern, wiederum gechillt. Daraus schält sich erst allmählich wieder ein Miles-Davis-Jazz der Sechziger hervor. Und dann: beinahe Orchestermusik, ein lässiger Swing, eine Bigband im punktgenauen Stop And Go, eine schwüle Late-Night-Bar, und alles warm und seelentröstend.
Da sind wir nun erst auf der Schwelle zum dritten Track „Heavy Cloud“, der seinen Titel mit Recht trägt: Hier pumpt die Band ihre Musik zu einem effektvollen Funk mit fettem Schlagzeug auf, so schmissig, dass man sich ihn von Rage Against The Machine gecovert wünscht. Kabasse durchsetzen den Track mit experimentellen Jazzpassagen; überhaupt punktet bei der Band das Zusammenspiel aus Stabspielen und Blasinstrumenten, die sich harmonisch ergänzen. Das folgende „Encore“ ist noch nicht die Zugabe, sondern ein stilleres Interludium, das auf das finale „Manything Goes“ vorbereitet, das beschwingt und nicht plakativ gute Laune verbreitet, manchmal klingt wie TV-Entertainment, mal wie Filmmusik aus einem Krimi-Klassiker, dann plötzlich ein Basssolo liefert mit Les-Claypool-Frickelei, dann in polyrhythmischen Fusion-Funk-Jazz umschwenkt, um Rage Against The Machine kurz zu reaktivieren, mit denen es in einen Lalo-Schifrin-Groove übergeht und gefühlt mittendrin einfach endet.
Gründer dieser Band ist Sigmund Perner, der hier das Fender Rhodes sowie die Stabspielinstrumente bedient und seinen Sohn Jonas ans Schlagzeug setzt. Mit im Studio waren Bassist Giuseppe Puzzo, Jan Kiesewetter mit Saxophon und Bassklarinette, Martin Lehmann mit Flügelhorn und Trompete sowie Benjamin Häußler mit der Posaune. Die meisten von ihnen sind auch in anderen Gruppierungen aktiv, darunter auch Bigbands, was Wunder, ebenso als Krautrocker, psychedelische Progrocker und Jazzer. Weite Teile von „About Sitting On Fences“ entstanden laut Info improvisiert, und abermals muss man festhalten, wie komponiert Improvisationen erscheinen, sobald man sie Fachleuten überlässt. Über die Kabasse nun lässt sich spekulieren: Ist damit ein Synonym für eine Kalebasse gemeint oder die kölsche geflochtene Strohtasche Kabaß? Egal: Man sitzt auf dem Zaun und verfolgt das Geschehen, eine Menge zu erleben gibt es allemal.
