Von Matthias Bosenick (16.02.2026)
Spooky hypnotischer Doom, versetzt mit Experimenten, Growls, Jazz, Noise und Ambient: Auf „Spectral“ tobt sich das schweizerisch-finnische Projekt Sum Of R auf eine Weise aus, die der Dunkelheit und dem Abgrund noch schwärzere Dimensionen entgegensetzen. Dabei zeigt das Trio, dass es auch Humor hat; anders wäre diese Welt ja auch nicht zu ertragen, und „Spectral“ klingt wie eine Reflexion jener Zustände.
Selbst wenn man die Versatzstücke von „Spectral“ irgendwie kennt, bekommt man sie hier auf neue Weise vorgeführt – nichts bleibt, wie es einem vertraut ist. Das beginnt schon beim Beginn: „Solace“ startet wie ein nett schunkelnder Schwof mit freundlicher Stimme, der sich alsbald zu einem brüllenden Doom aufschaukelt. Schön kombiniert, mit Gastgesang von Juho Vanhanen. Für „Agglomeration“ verpflichteten Sum Of R den Gastbassisten G. Stuart Dahlquist; der Track besteht aus percussiven experimentellen Soundspielereien mit textlosen Growls, also ganz anders als Doom, dafür aber mit noisy Soundscapes und spooky Elementen.
An dritter Stelle bereits folgt der Bonus.Track, den das Vinyl nicht hat, sondern lediglich CD und digital: „Null“ ist eine angenehme Noisewalze, die an Monno erinnert, nur nicht so dicht. Ein jazzy klickerndes Schlagzeug wie bei Jörg A. Schneider, rumpelnde Soundscapes, dann folgen spooky Stimmexperimente, also auch alles eher nicht so Doom. Den gibt’s dafür direkt danach wieder, beim „Waltz Of Death“, der aus Geschrei und Growlen besteht, indes den Doom selbst nicht ganz so fett aufträgt. Ein lieblicher, beinahe sakraler Frauenchor wiederum setzt akustische Zeichen, die man so gar nicht erwartet hätte.
Ebenso „Beer Cans In A Bottomless Pit“, für das Sum Of R als Gast Vicotnik alias Yusaf Parvez von Dødheimsgard dazuholten: Es beginnt mit einem minimalistischen Keyboard, das auch von einem Kind gespielt worden sein könnte. Dazu setzt eine Art Krautrock ein, ein monotoner, kopfnickender Rhythmus, wird dann aber komplett experimentell, mit merkwürdigem Gesang und hypnotisch-avantgardistische Instrumentierung. Na, und so verfährt das Projekt bis zum Ablauf des Albums: Nicht bleibt, wie es beginnt, Erwartungen erfahren eine Unterwanderung, und stets geht’s in Richtungen, die man gutheißen kann. Die Tracks eint eine düstere, gruselige, abgründige Stimmung, in die man sich auch deshalb gut fallen lassen kann, weil es ja nur Musik ist und man diese auch abstrahiert als Kunst auffassen kann, und wenn man das tut, erkennt man, dass die Band beim Erstellen dieses Albums eine Menge Spaß gehabt haben muss. Hoffentlich.
„幽魂光譜 浮沈深淵“ schreiben Sum Of R zu „Spectral“ bei Bandcamp, also: „Geisterhaftes Spektrum, schwebender Abgrund“, und das passt perfekt. Sum Of R ist das Kind von Reto Mäder alias RM74 aus Bern, der es 2007 aus der Taufe hob und nach einigen Besetzungswechseln nun mit Schlagzeuger Jukka Rämänen, unter anderem auch bei Hexvessel sowie mit Mäder bei Ural Umbo, und Sänger Marko Neuman, der mit Rämänen parallel noch beim Waste Of Space Orchetsra aktiv ist, betreibt. 2007 erschien das passend betitelte erste Album „First“, 2008 von der ebenso passend betitelten „EP I“. „Spectral“ ist das siebte Album.
