Was Guido sonst noch gehört hat… im Jänner 2026

ZU – They Might Be Giants – Sleaford Mods – Cat Power – The Damned – Van Morrison – Francis Rossi

Seit 2022 schreibe ich wieder für KrautNick, vorwiegend über Musik. Jedes Jahr erscheinen so viele Alben, die mich interessieren und begeistern, und nur über einen Bruchteil davon schaffe ich zu schreiben. Daher hatte ich Anfang 2023 und Anfang 2024 jeweils einen Artikel mit dem Titel „Alben, über die ich nicht geschrieben habe, aber gerne hätte“ veröffentlicht, damit nichts unter den Tisch fiel. Im Januar 2025 habe ich das zeitlich nicht geschafft, und in diesem Jahr werde ich es auch nicht hinkriegen. Das wurmt mich kollateral, da in den beiden letzten Jahren so viel hörenswerte neue Musik erschienen ist, dass ich ihr gerne in einer persönlichen Landkarte im Maßstab 1:1 Achtung gezollt hätte. Mal sehen, ob ich es irgendwie hinkriege, einiges davon noch auf diesen Seiten zu verwurschten.

Um nun aber nicht über längst vergossene Milch herumzuwundern, bin ich beigegangen und habe mir überlegt, dass ich in 2026 immer dann, wenn ein Monat zuende gegangen ist (wie heuer jüngst der Jänner), all das, was ich im abgelaufenen Monat nicht per Rezension abgekündigt habe, in einem Multifunktions-/Kombinationsartikel Paroli laufen lasse. Also das, was ich sonst noch gehört habe.

ZU – Ferrum Sidereum – House Of Mythology 2026

Braucht Metal Klargesang? Nein, überhaupt nicht, und mancher Metal braucht nicht mal überhaupt Gesang. Zum Beispiel der von der prinzipiell ungoogelbaren Band „Zu“ aus Rome, Italy, EU. „Ferrum Sidereum“ (das ist laut „Apotheken Umschau“ ein anthroposophisches Arzneimittel aus dem Hause Weleda in Schwäbisch Gmünd) besteht aus 11 Stücken und hat eine Spielzeit von ungefähr einer Stunde und zwanzig Minuten – das Preis/Leistungs-Verhältnis ist also schon mal sehr gut. Und das Album enttäuscht in keiner einzigen Sekunde: Schöön dejentigen Progmetal mit schöön viel Baritonsaxofon kriegen die Hörenden hier geboten, in jedem Song wird eine überzeugende Spannungslinie aufgebaut und von wildem Krach bis zu ruhigen, von Massimo Pupillos donnerndem Bass getragenen Passagen ist alles dabei, was ich mir von progressivem Metal wünsche, bei dem keiner singt. Paolo Mongardi haut teilweise auf die Drums wie Animal von Doctor Teeth And The Electric Mayhem und dazu übernimmt Luca T. Mais Baritonsax immer wieder die Funktion der Gitarre (sowohl Lead als auch Rhythmus, wobei zweiteres auch gerne vom Bass erledigt wird) – es groovt, es kracht, es sägt, und es ist eingängiger als die meines Erachtens in eine ähnliche, aber deutlich dissonatere Kerbe hauenden Imperial Triumphant aus NYC, NY, USA.

They Might Be Giants – Eyeball EP – Idlewild Recordings 2026

Ach, was haben uns die beiden Johns aus New York City, a/k/a They Might Be Giants damals in den 1980er und 1990er Jahren immer bestens unterhalten. „Ana Ng“ (eine schöne Hommage an einen Nachnamen, der aus zwei Konsonanten besteht), „Don’t Let’s Start“, „Birdhouse In My Soul“, „Istanbul (Not Constantinople)“, „Your Racist Friend“, „Particle Man“, „I Palindrome I“, „Doctor Worm“ und nicht zuletzt „Boss Of Me“, das Titelstück der Fernsehserie „Malcom In The Middle“, sind nur einige Ohrwürmer, mit denen uns John Flansburgh und John Linnell damals mehr als glücklich gemacht haben. Und diese Band gibt es immer noch? Ja, es gibt sie noch, und „Eyeball“ ist die neueste Lebensäußerung der beiden Musiker seit „Book“ aus 2021. Die EP enthält vier Stücke, die alle die typischen TMBG-Trademarks enthalten, die schriftlich schwer zu beschreiben sind. Da sind zum einen die leicht quäkigen, aber dennoch ernst klingenden Stimmen der beiden Johns und zum anderen ist da dieser leichtfüßige Mix aus grandiosen Pop-Melodien, Harmoniegesängen und rockiger Musik mit viel Keyboard und Saxofon, der wirklich zeitlos ist und 2026 noch immer genauso gut funktioniert wie 1990, also zum Zeitpunkt ihres Über-Albums „Flood“.

Sleaford Mods – The Demise Of Planet X – Rough Trade 2026

Pop goes the fuckin’ weasel. Der stets angepisst klingende und in Interviews urst sympathisch rüberkommende East Midlands-Grantler Jason Williamson haut uns im zweiten Stück des aktuellen Albums, „Double Diamond“ gleich mal seine Version des beliebten Kinderreims um die Ohren, zusammen mit anderen Zeilen für die Ewigkeit wie „The smell of pale ale makes a man pale“ oder „Fucking wanker only lives in St Ann’s, why don’t you tell him I’m a sex worker?“ Noch bevor ich den Text ganz verstanden habe, zähle ich insgesamt dreizehnmal „fuck“ oder „fucking“, aber fangen wir von vorne an: Es gibt ein neues Album von Sleaford Mods, und es ist großartig. Hier die Highlights eines an Highlights nicht eben armen Albums:

Das erste Stück „The Good Life“ haben Sleaford Mods zusammen mit Gwendoline Christie sowie Joe Hicklin und Callum Moloney von der Band Big Special aus den den East Midlands im Westen benachbarten West Midlands aufgenommen, Gwendoline Christie ist die Schauspielerin, die in der Serie „Wednesday“ die Schuldirektorin Larissa Weems gespielt hat. Das Stück startet mit Christies irrem Gelächter, dann startet eine typische elektronische Andrew-Fearn-Basslinie und dann wechseln sich Williamson und Hicklin (später dann auch Moloney) mit wütendem Gekeife in diesem tollen East-Midlands-Slang und ruhigem Melodizismus im West-Midlands-Slang (naja, eigentlich eher in normalem Schulenglisch) ab. Williamson flucht dabei wild herum, wie scheiße das Leben ist, während Hicklin und Moloney feststellen, dass sie ein Phantom sehen können und dass das gute Leben doch deutlich was für sie sei. In der dritten Strophe übernimmt dann Gwendoline Christie das Mikro und rappt mit sich überschlagender Stimme Formulierungen wie „fucking fake shit“, „fuck it“, „fucking bastard“ usw., quasi als innere Stimme des Erzählers. Irgendwann kristallisiert sich heraus, dass hier wohl beschrieben wird, wie es sich anfühlt, in der Schule gemobbt zu werden. Dazu passt, dass der abwertende Spitzname „Maggot Man“, den Williamson als Schüler ertragen musste, hier genannt wird.

Beim dritten Song, „Elitest G.O.A.T.“, wird Williamson gesanglich von der wunderbaren Aldous Harding aus Neuseeland unterstützt, was sich anhört, als mische man Sleaford Mods von heute mit Phillip Boa & The Voodoo Club aus den 80ern.

Ebenso wie zuvor auf „UK Grim“ (2023) zeichnen Williamson und Fearn ein düsteres Bild vom Lebensgefühl im aktuellen UK – „They are essentially the Sex Pistols of today’s sprechgesang“, schreibt der New Musical Express, und recht hat er.

Cat Power – Redux EP – Domino 2026

Gut 10 Minuten neue Musik von Cat Power (of 90er Jahre Matador Records Fame), darunter eine Coverversion – knapp 6 Minuten lang „Nothing Compares 2 U“. Dem EP-Titel gerecht werdend reduziert Chan Marshall dabei den Sinéad-O’Connor-Song auf ein nacktes, zerbrechliches apselutes Minimum an minimal instrumentierter Gesangskunst und setzt damit einerseits der ikonischen Originalinterpretin ein Denkmal und zeigt andererseits, was für einen grandiosen Song Prince seinerzeit für Sinéad O’Connor geschrieben hat.

Die beiden Eigenkompositionen gehen in dieselbe Richtung: Irgendwo im Blues verwurzelt, melancholisch und mit einer wundervollen Stimme gesungen.

The Damned – Not Like Everybody Else – Ear Music 2026

Captain Sensible, Dave Vanian, Paul Gray, Monty Oxymoron sowie der nach 30 Jahren zurückgekehrte ursprüngliche Damned-Drummer Rat Scabies huldigen auf diesem Cover-Album dem im März 2025 verstorbenen Gründungsmitglied der Band, dem Gitarristen Brian James. Gekrönt wird das Ganze von einer Damned-Version des Stones-Klassikers „The Last Time“, auf dem James Gitarre gespielt hat. Überhaupt zeigt das Album, dass The Damned wirklich verdammt gut sind: Mit „New Rose“ veröffentlichten die Damned 1976 die erste englische Punk-Single, und in den folgenden Jahren haben sie aus dem ursprünglichen Punkrock ihren eigenen Signature-Post-Punk-Sound entwickelt, der melodisch, düster (man merkt immer mal wieder New Wave durchscheinen) und virtuos dargeboten rüberkommt (klar, einem Captain Sensible macht man nach so vielen Jahren weder modetechnisch noch an der Gitarre was vor). Dementsprechend drücken The Damned jedem auf „Not Like Everybody Else“ gecovertem Stück den eigenen Stempel auf, und das tut allen Songs ausgesprochen gut, als da beispielsweise wären: „There’s A Ghost In My House“ (ein Klassiker aus dem Hause Holland/Dozier/Holland), „Summer In The City“, dem frühen Pink Floyd-Hit „See Emily Play“ und natürlich das titelgebende Kinks-Stück. Sogar „Summer In The City“ bringen die Punkveteranen so lässig über die Bühne, dass man sich nicht vorstellen kann, diesen Gassenhauer jemals von einem anderen Interpreten gehört zu haben.

Van Morrison – Someone Tried To Sell Me A Bridge – Orangefield 2026

Ich hatte nie die Absicht, Sir George Ivan Morrison eine Brücke zu verkaufen – schon gar nicht nach seinen Ausflügen in die Schwurblergilde während der Coronajahre –, aber irgendwer hat es anscheinend doch versucht. Und was soll ich sagen? Der größte weiße Bluessänger der westlichen Welt, wenn nicht sogar der britischen Inseln, auf jeden Fall aber der südlicheren der beiden, hat sich ja schon im vergangenen Jahr mit „Remembering Now“, einem Album voller grandioser Eigenkompositionen, eindrucksvoll als der ernstzunehmende Künstler, der er immer war, zurückgemeldet, und mit dem aktuellen Album legt er nochmal nach, indem er 20 Bluesstücke covert, als wären sie seine eigenen. Stimmlich wie immer über jeden Zweifel erhaben – vermutlich war der junge George Ivan auch an der besagten Kreuzung zugegen und hat sich eine ewig junge Stimme im Eintausch gegen irgendetwas anderes verpassen lassen – covert sich Morrison gut gelaunt quer durch die Genres, solange sie im Blues verhaftet sind. „Kidney Stew Blues“ hat mächtig viel Swing, danach wird es dann mehr 100%iger Blues. Elvin Bishop, Taj Mahal (!), John Allair und Buddy Guy (!!) unterstützen den kleinen Mann aus Belfast auf einigen der Stücke, was Van the Man eigentlich nicht nötig hat, die Hörfreude aber auf jeden Fall nochmal zu neuen Höhen treibt.

Francis Rossi – The Accidental – Ear Music 2026

Was soll man dazu jetzt sagen? Außer, dass es immer wieder toll ist, Francis Rossis unverwechselbare Stimme zu hören, und dass es mal wieder an der Zeit für ein neues Quo-Album wäre. Nun, sowas in der Art liefert der Status-Quo-Gründungsgitarrist und -Sänger hier jetzt ab, und das auf qualitativ erstaunlich hohem Niveau. The Mighty Quo Themselves waren in den letzten Jahrzehnten schon öfter mal schlechter. Hören wir zum Beispiel mal in die Mitte des Albums rein und starten mit „Going Home“ (Track 6 des aktuellen Albums): Boogie-Woogie vom Feinsten, schööne Sologitarre, dezentes Klavier im Hintergrund und Francis Rossi stimmlich und gesanglich in Höchstform, lässiger kann man den Boogie-Woogie nicht singen. Auf dem folgenden „Bye My Love“ setzt Rossi das eben erkannte Schema fort und lässt seine Stimme so jung klingen, als hätten wir sagenwirmal 1970 und nicht das erste Jahr des zweiten Viertels des 21. Jahrhunderts.

Schwafeln wir also nicht lange um den Greasy Spoon herum: „The Accidental“ macht Spaß und lässt viele gute Erinnerungen an die frühen und mittleren Quo (also die vor „In The Army Now“) aufleben und das einzige Manko ist, dass es nicht von Quo veröffentlicht wurde. Aber feiern wir Rossi dennoch dafür, dass er nicht das Glück oder den vierten Akkord sucht, sondern das Quo-Erbe hoch hält.