Lucinda Williams – World’s Gone Wrong – Highway 20 Records 2026

Von Guido Dörheide (01.02.2026)

Die wohl beste zeitgenössische amerikanische Songwriterin ist beigegangen und hat sich eine gute Dreiviertelstunde lang am derzeitigen Besetzer von 1600 Pennsylvania Avenue abgearbeitet. Dabei kommt Donald John T. sehr schlecht weg, während Williams durch die Bank weg glänzen kann. Gleich im ersten Lied stellt sie fest, dass jeder weiß, dass in der Welt momentan alles schief läuft. Um das zu illustrieren, porträtiert Williams namenlose arbeitende Menschen aus ihrem Heimatland, für die der amerikanische Traum sich mehr und mehr in einen Albtraum verwandelt. Und dazu spielen sie und ihre Band (seit ihrem Schlaganfall im Jahr 2020 muss Lucinda Williams die Gitarre allerdings den Musikern ihrer Band – Doug Pettibone und Marc Ford – überlassen) wunderbaren Folk/Country/Americana – nennen Sie es, wie sie wollen, diese Musik klingt so sehr nach allem, was viele Menschen überall auf der Welt an den Vereinigten Staaten von Amerika lieben, und steht damit in krassem Gegensatz dazu, was Trump, Vance, Noem, Hegseth und wie sie alle heißen, gerade an Leid und Unheil über die Menschheit bringen.

Gesanglich wird Lucinda Williams – die sich auf diesem Album gesanglich super präsent anhört und auf ihr übliches lallendes Genuschel, das ich allerdings liebe und feiere, weitgehend verzichtet – auf zwei Stücken von der Countrysängerin Brittney Spencer und auf je einem Stück von – halten Sie sich fest, liebe Lesenden – Mavis Staples (!!!) und Norah Jones (!!!) unterstützt. Und das Bob-Marley-Cover „So Much Trouble In The World“ ist eins der absoluten Glanzlichter auf diesem an Glanzlichtern nicht eben armen Album. Seeehr relaxt perlt der Reggae aus den Dreiwegeboxen (sorry!), Williams legt erstmal vor und in der zweiten Strophe übernimmt dann Staples mit ihrem typischen kraftvollen Gesang, der sich nie in den Vordergrund spielt und dennoch vieles andere an die Wand singt. Im Refrain ergänzen sich beide Sängerinnen auf das Vortrefflichste, oh Mann Hammer Mann, dieses Stück klingt so unaufgeregt und entspannt und reißt einen dennoch so gewaltig mit. Dazu dann noch Marleys Text, der Ende der 1970er Jahre schon auf Egotrips segelnde Männer, die mit ihren Raumschiffen abhoben wie der Trump- und der Musk-Mann, vorhergesehen hat. Vermutlich, weil es diese Spezies zu allen Zeiten schon gab, aber momentan ist es ganz besonders schlimm.

In seiner Gesamtheit erinnert mich das Album in all seiner musikalischen Unaufgeregtheit, die die besungenen Themen sehr eindrucksvoll kontrastiert, an Neil Youngs 2006er Album „Living With War“, auf dem er mit Bush junior abrechnete. Dazu passt auch, dass Williams’ Band es an manchen Stellen krachen lässt, wie z.B. auf „Sing Unburied Sing“, einem Song, den man sich auch vom Gitarrenheulenlasser Neil Young gut vorstellen könnte. Was bietet „World’s Gone Wrong“ sonst noch? Mississipi-Delta-Blues auf „Black Tears“, radiotauglicher und wunderbarer Country-Pop auf „Freedom Speaks“ und eine herzzerreißende Country-Ballade am Schluss mit „We’ve Come Too Far To Turn Around“, zusammen mit der oben schon erwähnten Norah Jones. Textlich hervorheben möchte ich „How Much Did You Get For Your Soul“, ein simples und wirkmächtiges Rock-Stück, in dem Williams einen Typen beschreibt, der ein Angebot gemacht bekommen hat, das er nicht ablehnen konnte, wobei er aber auch nicht schwer zu überzeugen war, und jetzt ist er eben auf dem Weg zur Hölle. DJT muss sich in diesem Song fragen lassen, wie viel er für seine Seele bekommen hat, und vor allem muss er sich am Ende anhören, dass er ja nicht der erste war, der diesen Handel eingegangen ist, und warum er nicht Robert Johnson, der ja sich schließlich auch zu diesem Behufe an die Kreuzung begeben hatte, mal gefragt hat, wie sich das eigentlich alles anfühlt. Wobei ich befürchte, dass Trump sich nicht dazu herabgelassen hätte, einen schwarzen Bluesmusiker wie Johnson überhaupt irgendwas zu fragen.

Neben Bruce Springsteen und vielen anderen US-amerikanischen Künstler:innen positioniert sich Lucinda Williams mit „World’s Gone Wrong“ auf der guten Seite (Kekse gibt es auch hier bei uns!) und liefert nicht nur ein wichtiges politisches Statement, sondern auch ein vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen tolles Album, das ihrem Ausnahmekünstlerinnenstatus mehr als gerecht wird.