Von Guido Dörheide (22.01.2026)
Die Beatles gegen die Rolling Stones, Coca-Cola gegen Pepsi, Haribo gegen Katjes, Marius gegen Herbert, Volkswagen gegen Opel – es gibt Situationen im Leben, da muss man sich klar positionieren. So muss man sich beispielsweise einmal darüber klarwerden, ob man die größte Metalband auf dem Planeten supportet oder den ewigen Underduck (ja – ich glaube, soo würde es Lothar Matthäus auf den Punkt bringen). Und hier geht es jetzt nicht um Judas Priest vs. Iron Maiden, sondern um Metallica vs. Megadeth.
Meine Metal-Sozialisation hat in Wittingen stattgefunden (einer Kleinstadt in nördlichen Landkreis Gifhorn, Niedersachsen), einer Opel-Metropole, weil der örtliche freundliche Opelhändler es drauf hatte und der Volkswagenkonkurrent eben nicht, obwohl Rüsselsheim weit und Wolzburch nah war – aber es geht immer um Personen und selten um das Produkt. Kann ich das jetzt auf meine Metalheadkarriere übertragen? Wir wissen es nicht, aber wir gehen mal bei und versuchen, es rauszufinden: „Ride The Lightning“ von Metallica war das erste Metal-Album, das ich mir kaufte, damals wegen „Fade To Black“. Das war 1990, „Ride The Lightning“ war also damals für mich ein altes Album aus dem Jahr 1984, dem schon längst „Master Of Puppets“ und „… And Justice For All“ nachgefolgt waren, aber Wurscht, nur auf „RTL“ war eben „Fade To Black“ drauf, und als Joy-Division- und Cure-Fan reinsten Wassers, wollte ich mich dem Heavy Metal eben von der lebensverneinenden Seite aus nähern und nicht vom Operettenhaus aus. So kam es, dass mich die Herren Dickinson und Halford erst ein gutes Vierteljahrhundert später für sich einnehmen durften. Aber wir waren alle mal jung und bekloppt & eingebildet sind wir heute noch.
Wo war ich? Ach ja – Megadeth. Womit wir wieder beim Thema Metallica wären. 1991 veröffentlichen diese das „Schwarze Album“, das eigentlich „Metallica“ hieß. Also selbstbetitelt war und den selben Namen trug wie die Band, die es eingespielt und veröffentlicht hatte. Und damit verließen Hetfield, Ulrich, Hammett und Newsted (wobei ja eigentlich Cliff Burton mit seinem Bassspiel den Sound von Metallica zuvor so richtig geprägt hatte) den Thrash Metal und machten sich auf in Richtung des traditionellen Metals und der harten Rockmusik, womit sie ihren persönlichen VW Golf, also den Status als erfolgreichste und meistgeliebteste Metalband auf dem Planeten, schufen, in dessen Schatten Megadeth immer der ewige Opel Kadett war. Mit mehr Charakter und mehr PS, aber aufgrund mangelnder Qualitätsanmutung (Mustaines ewiges Gejammer ob des Metallica-Rausschmisses und seine Drogeneskapaden [wegen derer er ja letztendlich auch bei Metallica rausgeflogen war] sowie ständige Besetzungswechsel) immer irgendwie leicht neben der Spur. Mir persönlich taugen Megadeth wesentlich besser als Metallica, weil sie mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel „Super Collider“ (2013) immer nur tolle Alben rausgebracht haben und immer irgendwie im Thrash verhaftet geblieben sind.
Hier liegt nun also ihr nach eigenen Aussagen letztes Album vor, und es heißt wie die Band. Wieder mal ein Punkt für Megadeth gegen Metallica: Anstatt mit einem selbstbetitelten Album aus der Einzigartigkeit, die die Band immer ausgemacht hat und für die ihre Fans sie liebten, auszubrechen und sich in Richtung Massenkompatibilität aufzumachen – und das kurz nach dem Anfang ihrer Karriere, also nur fünf Jahre nach „Master Of Puppets“, dem apseluten Sgt. Pepper Of The Moon des Heavy Metal –, kommen Megadeth erst Jahrzehnte später mit einem selbstbetitelten Album um die Ecke, und das ist dann auch ihr letztes. Also fast wie bei den Beatles, nur dass es kein Doppelalbum ist. Und nicht weiß. Stattdessen zeigt das Cover Vic Rattlehead, eingekleidet in einen hellen Anzug und auf der rechten Seite (also von den Betrachtenden aus links) brennend, wie er sich die Krawatte zurechtzupft. Vom Titel her also Beatles, vom Brandmotiv her Pink Floyd („Wish You Were Here“), vom Albumtitel Metallica – was erwartet uns nun also?
Da kann ich die Lesenden beruhigen – Megadeth klingen auch heuer noch – oder wieder – wie weiland 1990 auf „Rust In Peace“ oder 1992 auf „Countdown To Extinction“, hier findet kein Abverkauf in andere Stilrichtungen statt. Und wenn Megadeth ihre Ankündigung wahrmachen und sich mit „Megadeth“ nicht nur wie Elvis aus dem Gebäude, sondern wie The KLF komplett aus dem Musikbusiness verabschieden, dann tun sie das in Würde mit einem großartigen Album.
Der das Album eröffnende Eröffnungs-Opener „Tipping Point“ beginnt mit einem lockeren, aber harten Riff, dann setzt das Schlagzeug ein, dann ein Solo und dann… ja dann starten Megadeth eigentlich erst so richtig. Auf einmal rattert die Gitarre, das Schlagzeug hämmert (Dirk Verbeuren tut die Trommeln verbeulen, könnte man sagen) und Dave Mustaine singt besser als je zuvor. Ich bin ja immer ein vehementer Verfechter des Verzichts auf Klargesang im Heavy Metal, aber Mustaines Organ ist so rauh und meckernd, dass er so klar singen kann, wie er möchte – es passt hervorragend und wird im Alter nicht schlechter, sondern besser. Der Text des Songs handelt nicht etwa vom Feierabend, auch nicht von Raub, dafür aber umso mehr von Mord – Mustaine zaubert den Zuhörenden flackernde Horrorfilmbilder vor die Augen und erzeugt damit gespannte Erwartung auf das, was folgt. Das ist zunächst mal „I Don’t Care“, ein Lied, in dem Mustaine davon singt, was ihm alles egal ist, und das zunächst einmal banal anmutet. Aber Mustaine und seine Mitstreitenden (neben dem das Drumkit verbeulenden Dirk Verbeuren sind das Teemu Mäntysaari – erstmals an der Leadgitarre zu hören, und wenn man wissen will, ob er es drauf hat, dann überzeuge man sich davon ab Minute 1:43 auf „I Don’t Care“ – die daraufhin folgende Gitarrensolosaalschlacht zwischen Mäntysaari und seinem Chef nimmt mehr als eine Minute des insgesamt dreiminütigen Songs ein – das ist kein Thrash, das ist Rock’n’Roll, und es tritt uns Hörende gehörig in den Arsch – und James LoMenzo am Bass, also dem einer Gitarre ähnelnden Instrument, das er bereits von 2006 bis 2010 bei Megadeth bedient hat.)
Mit „Hey God!“ geht es genauso weiter – aber auch wenn es hier Rock ist und nicht Thrash, klingt es richtig schön nach Megadeth. Also wenig basslastig, sondern eher hochtönend, mit wütend rausgepresstem Gesang und immer voller schöner Soli und richtig gut dosierter Härte. Und Mustaine, der ja wohl seit längerer Zeit irgendwie ein reaktionär-republikanisches, fundamentalchristliches Arschloch zu sein scheint, hadert allen Ernstes mit seinem Gott. Hätte er vorher mal in die Offenbarung des Johannes reingeschaut – diese Enttäuschung wäre ihm erspart geblieben. Auf „Let There Be Shred“ begibt sich Mustaine auf weniger kontroverses Territorium – hier singt er davon, wie viel Bock es macht, geil Gitarre spielen zu können, und – ja Scheiße – dieser Triumph sei ihm von Herzen vergönnt, denn genau dafür lieben wir ihn und genau das wollen wir von ihm hören. „Another Bad Day“ erinnert mich textlich an „The Morning After“ von Tankard, nur dass Tankard ihre ultimative Saufhymne schon 1989 eingeprügelt haben und damals noch nicht im gesetzten Alter waren wie Mustaine heutzutage. Musikalisch ist „Another Bad Day“ ein ruhig vor sich hin rockendes Stück, und das passt schon besser zu Mustaines Lebensalter. Ich denke, er könnte auch keine 55 Meilen pro Stunde fahren. Aber der Song macht Laune (Mustaine hätte ihn eben nur von Sammy Hagar singen lassen und sich selber aufs Gitarre spielen beschränken sollen). Ist aber weit entfernt von Thrash. Mal ehrlich: Ich kann hier nicht über Metallica lästern, aber Megadave jeglichen Verrat an seiner musikalischen Heimat durchgehen lassen, nur weil er hier ein sehr gutes Album abliefert. Jahaaa – er liefert vielleicht gut ab, aber eventuell aus dem falschen Grund, und das ist genauso zu verurteilen wie alles andere auch. Obwohl – „Made To Kill“ startet als Rocksong (mit tollem Schlagzeugverbeulen am Anfang, rockiger Gitarre auf Höhe der Knie des Spielenden aufgehängt, einem grandiosen Hardrocksolo und gelangweiltem Gesang des Bandvorsitzenden. Und auf einmal wird es schneller, abgehackter, rhythmischer, Strophen und Soli wechseln sich ab – ja klasse, Megadeth kann auch gut nach Megadeth klingen, wenn kein Thrashmetal geboten wird. Diese Tempiwechsel hier, die immer wieder von Gitarrensoli flankiert werden, sind auf jeden Fall Welt und Mustaines Gesang ist dazu super passend.
„Made To Kill“ und „Obey The Call“ sind auch wieder weniger Thrash als mehr Old School Heavy Metal, aber beide Songs funktionieren hier gut. Für Old School Heavy Metal sind sie auch recht schön schnell, die Soli passen gut und Mustaines Gesang war echt schon mal schlechter. Hier ist er richtig gut. Und den Text von „Made To Kill“ finde ich klasse – hier kriegen alle Kriegsbegeisterten ihr Fett weg. „Obey The Call“ haut in dieselbe Kerbe – Antikriegslieder konnten Megadeth schon immer und können sie noch, und das schnelle Schlagzeug- und Gitarrensologebolze im letzten Drittel des Songs ist großartig. Ratternde Riffs und tolle Soli wechseln sich ab und dazu ballert das Schlagzeug, herrlich! „I Am War“ – ein weiterer Antikriegssong, ist insgesamt eher im Hardrock als im Metal angesiedelt, aber ich erfreue mich hier an Mustaines Gesang – nie klang seine Stimme besser und nie passte sie besser zur Stimmung eines Songs. Dazu dann noch immer wieder tolle Soli – Megadeth waren mal härter, aber sie waren auch nicht immer so stimmig und überzeugend wie hier, Hardrock hin oder her.
Das fünfeinhalbminütige „The Last Note“ ist dann nochmal ein Großereignis: Es startet mit geröchelten Spoken Words, die irgendwie nach Schmerz und Leid klingen, dann folgen überaus rockige Töne, Mustaine fängt zu singen an und es wird den Hörenden klar: Hier geht es um die Musik, das Gefühl, auf der Bühne zu stehen, den Stress, auf Tour zu sein, seine Jugend an den Rock’n’Roll zu verschwenden, hier nimmt eine Band Abschied von dem Leben, dem sie sich seit frühester Jugend verschrieben hat. Der Text endet mit „They gave me gold, they gave me a name, but every deal was signed in blood and flames. So here’s my last will – my final testament, my sneer. I came, I ruled, now I disappear.“ Dann disappearen Megadeth also nun eventuell – in unseren Herzen rulen sie weiter – killing is their business, and business is good. Oder was?
Und was gibt es als Bonustrack? „Ride The Lightning“ – ein Metallica-Cover. Und hier schließt sich der Kreis und versöhnen sich die Thrash-Legenden. Ich persönlich fühle mich wieder in meine Jugend in Wittingen 1990 zurückversetzt, auch wenn Mustaine an Hetfields „Flaaash before my eyeööös, now it’s time to dieöööh – burning in my braiöööhn, I can feel the flaöööme… Iiiiiii don’t waaaaaant to dieööööööööööh“ selbstverständlich nicht heranreichen kann. Hier setzt er der Band, aus der er vor über 40 Jahren aus Gründen herausgeworfen wurde – eine Tatsache, an der er sich bis vor wenigen Jahren ewig grantelnd abgearbeitet hat –, ein wunderbares Denkmal und macht gleichzeitig deutlich, dass der Planet niemals zu klein für beide Bands, Metallica und Megadeth, gewesen ist. Yeeeaaaahh! Würde Hetfield hoffentlich sagen.
