Von Matthias Bosenick (15.01.2026)
Die Geschichte hinter „Motormorla“, dem drölfzehnten Album der Berliner Band Reichenhall in gefühlt drei Komma neun Monaten, ist großartig: Bei der titelgebenden Kreatur handelt es sich nämlich um ein mystisches Wesen, das in einem ewigen Stau gefangen ist und über ein altes Autoradio Sounds, Stimmen und Geschichten der sich Vorbeiquälenden aufsaugt. Damit ist dieses Album eine Kombination aus Ambient, Krautrock, IDM, Hörspiel und Avantgarde-Experiment, das nicht nur am Rande der Kreuzung von A1 und A2 zu unterhalten weiß.
Es sind nur knapp fünf Kilometer, in denen diese „Motormorla“ gefangen ist, nämlich, so sagt es der Titel des Openers, „Between Kamen And Bergkamen“, also direkt neben dem Kamener Kreuz, das der altgewordene Bundesdeutsche Dank Gottlieb Wendehals noch gut im Ohr hat. Dieser achtzehnminütige Einstieg gerät behutsam: zarte Drones, freundliches, entspanntes Klimpern, wortloser weiblicher Gesang, undefinierbares Rascheln, und mit der Zeit wendet sich die Stimmung in Richtung subliminalen Unwohlseins, schwer greifbar.
Mit „Stop & Go“ erweitern Reichenhall den Ambient in Richtung Electro-Krautrock im Downbeat mit Zirp- und Drone-Geräuschen sowie dem Gegenteil dessen, was der Titel suggeriert, denn der Track pulsiert locker vor sich hin. Musikalisch figürlicher wird „WDR Offline“, das den angeschrägten Synthiepop-Anteil erhöht und einen Kopfnicker-Beat unter die Sounds legt, garniert mit Anflügen von Fusion-Jazzrock. Das Unwohlsein steigert sich mit dem Titeltrack, in dem man zunächst einen bedrohlich grollenden Kehllaut vernimmt: „Motormorla“ erhebt ihr Haupt. Die Musik dazu ist ein minimalistischer IDM-Breakbeat mit Ambient-Sphären und Knarzen.
Das Gebrochene bleibt in „Submerged Voices“ erhalten, die Töne werden unbequemer, und die vermeintlich abgetauchten Stimmen dringen wie durch einen Schleier gelegentlich hervor. Hier scheint Motormorla alles wieder auszuscheiden, was sie den im Stau verharrenden Autofahrenden im Vorbeigrunzen so abrang. Mit den „Transit Noises“ steigert sich dieses Vorgehen, nur dass darunter ein reduzierter Swing-Rhythmus liegt. Mit „Bye Bye Highway“ verabschieden sich Reichenhall nicht nur von der Autobahn nach Düsseldorf, sondern auch von festen Strukturen – dieses Finale erweckt den Eindruck freier Improvisation und lässt Motormorla aus den gewonnenen Sounds assoziative Entspannungsmomente generieren. Der Stau löst sich auf. In
„Motormorla’s Soliloquy“, einer achtzehnminütigen, nun Meditationsübung.
14 Alben in nicht einmal vier Jahren, man kann Reichenhall durchaus eine gewisse Produktivität bescheinigen, zumal die Band sich jedes Mal ein neues Konzept für die Alben ausdenkt. Reichenhall sind: Bernhard Wöstheinrich an Sequencern, Keyboards und Synthesizern, Lukas Radiomodul an Loopmaschine, Mathieu Sylvestre mit Looper, Electronics, Echtzeit-Soundtransformationen sowie Volker Lankow mit Soundscapes und Loops.
