Von Matthias Bosenick (12.01.2026)
Da sitzt der Mann allein mit seiner Gitarre und einem Effektgerät in der Gegend herum, dehnt Töne ins Unendliche und macht daraus ein Album. „Ad astra“ nennt Juan Dahmen aus Albacete in Spanien sein neues Album, das komplett aus Ambient besteht, der gar keine Konturen mehr hat, sondern wie vertontes Licht klingt. Es ist wie die Reise in eine bessere Welt: Hier ist alles gut.
Obschon Dahmen den neun Tracks jeweils eigene Titel vergibt, verlaufen die Übergänge fließend, Indizes sind kaum auszumachen. Ein langer, ruhiger Fluss mithin, der sich hier ergibt, erstellt aus Mitteln, die man nicht einmal mehr heraushört: Dahmen spielte das gesamte Album – so steht es in der Info – mit einer Touch-Guitar U10 sowie Pedalen und Looper ein; damit ist der Technikneugier gedient und das gesamte Setup beschrieben. Wer einmal The Young Gods live sah, kennt die kuriose Diskrepanz: Was klang wie Metal, kam aus dem Keyboard, was nach Keyboard klang, kam vom Gitarristen, und so dächte man auch bei „Ad astra“, es sei vollendst mit synthetischen Mitteln entstanden.
Man begibt sich in Sphären, die so konturlos sind, dass sogar Wolken dafür ein viel zu figürlicher Vergleich wären. Dahmen lässt fließen, lässt vergehen, lässt vorbeigleiten, lässt strahlen, lässt den gleichzeitigen Eindruck von Fluss und Halt entstehen: Sobald man sich diesem Strom hingibt, hält er einen an, bremst einen aus, stoppt das Leben drumherum, das stressige zumal. Dieser Strom strahlt, er rauscht nicht, man steht mitten im Licht, in Wärme, in Erleuchtung, in Erhellung. Genau das Richtige in unsteten Zeiten. Dezent ändert Dahmen Tonhöhen, er lässt zwei oder mehr Sounds parallel verlaufen, mehr Wechsel findet nicht statt. Tiefe Sounds lässt er aus, das hier ist kein Dark Ambient, die Stimmung ist durchweg positiv, allenfalls neutral.
Mag es auf den ersten Blick nicht einleuchten, so tragen doch alle neun Tracks einen Titel, der zu dem des Albums passt, also irgendwas Kosmisches. Mit „Phact“ beginnt das Album, das ist der Stern α Columbae im Sternbild Taube. Das folgende „Hé Gǔ èr“ trägt den chinesischen Namen des Sterns Altair im Sternbild Adler, vielen bekannt als einer der Punkte des Sommerdreiecks. „Auriga“ ist das Sternbild Fuhrmann, „Solis“ und Oríon“ sind klar, „Vegvísir“ als Wikingerkompass hingegen ist als einziger Titel eher indirekt mit Sternzeichen verbunden. Es folgen „Asterias“, „Polaris“ und „Vega“.
Um 2008 dürfte Dahmen sein erstes Album veröffentlicht haben, „Trionometría“, unter dem Bandnamen Groove3. Ambient und Drone waren darauf bereits enthalten, ebenso indes Jazz, progressive Rockmusik und Improvisationen. Der Schlagzeuger, Percussionist, Kurzfilmmusikkomponist und Gitarrist scheint ein Paradiesvogel zu sein, denn sein Oeuvre ist recht bunt. „Ad astra“ wirkt wie die komplette, radikale Entschlackung seines bisherigen Schaffens.
