Tineke De Meyer – Inland Island – Antibody Label 2025

Von Matthias Bosenick (07.12.2026)

Die Tonspur zu einer Kunstinstallation: „Inland Island“ braucht einen Kontext, damit man es voll erfassen kann, doch der unvoll erfasste Eindruck ist auch schon eindrucksvoll. Eigentlich war „Inland Island“ eine von der Ghenter Künstlerin Tineke De Meyer konzipierte Mischung aus Performance und Installation, bei der eine Handvoll Menschen mit Kopfhörern um einen selbstleuchtenden Tisch herum saßen und den Anweisungen einer körperlosen Stimme folgten. Das kann die Hörerschaft nun tischlos mithilfe dieser Audiospur nachvollziehen, die die artifizielle Stimme und die kaum weniger virtuelle Musik des Duos Zonderwerk beinhaltet.

Die weibliche Stimme ist spooky, die einen da begrüßt, offenkundig virtuell, da sie auf Verfremdungen nicht verzichtet und somit offenlegt, dass sie künstlich ist. Gleichsam gruselig wie einladend, auffordernd, einnehmend holt sie die Hörenden ab, lässt das Manipulierte bis auf wenige Glitches weitgehend fallen, rückt nahe an die Hörenden heran, erzählt etwas, als säße sie neben einem und spräche behutsam ins Ohr und von dort aus direkt in die Seele.
Ein ganz leichter Ambient-Sound liegt dahinter.

Erst nach fünf Minuten steigern sich die Drones. Die Stimme spricht derweil unablässig die Hörenden an, fordert sie auf, stellt Fragen. Weitere Sounds kommen hinzu, angemessen wenige, mal ein Grummeln im Hintergrund, mal synthetische Scapes, mal ein Rascheln wie von einem Regenmacher. Mittlerweile reflektiert die Stimme über den Wesen des Seins als „solch eine Art von Daseinsform“, einer unrealen nämlich, und stellt fest, dass unsere Reaktion auf sie dennoch real ist.

Dann kommt tatsächlich so etwas wie Musik, schöne Sphären, ein Rhythmus wie „Why Can’t We Live Together“ von Timmy Thomas, aber nur kurz, es bleibt hernach bis kurz vor Schluss zwischen spooky mit Rascheln und Drones und Sphären. Dazu erhält man immerzu Anweisungen, wie man seine Hände zu bewegen hat oder dass man seine Augen schließen solle. Außerdem äußert die Maschine weitere Betrachtungen, erzählt zu Vogelzwitschern und Naturgeräuschen Geschichten, etwa über Prophezeiungen und tote Vögel. Eine sakrale Kirchenorgel löst kurz die Sphären ab. „Lineare Zeit ist ein mentales Konstrukt“, sagt die Gruselstimme, als wäre HALs Schwester durchgedreht. Man grübelt: Fühlt man sich jetzt manipuliert oder eher als Teil von etwas Gemeinschaftlichem? Auch wenn man allein ist?

Erst kurz vor Schluss lässt das Konzept wieder einen Rhythmus zu, ein extrem verlangsamtes Motortuckern. Mit den Scapes hat es etwas von Fever Rays erstem Album, melancholisch und schön. Die Stimme entlässt die Teilnehmenden, jubelt ihnen noch schnell einen unspezifischen Geruch unter und glitcht wieder gruselig aus.

An irgendwas Meditatives erinnert dieser mehr als halbstündige Track, an ein Hörbuch, an eine Traumreise, aber an nichts davon ausschließlich, besser: an alles gleichzeitig, inklusive verstörender Anteile, die das Vertraute torpedieren und es mit einem augenzwinkernden Unwohlsein verfremden. Das Stück „Inland Island“ wurde zuletzt in Brüssel in der Galerie Pilar dargeboten. Konzept, Texte und die künstliche Stimme kreierte Tineke De Meyer aus Ghent, die Musik ließ sie von Linde Carrijn und Dijf Sandersalias Zonderwerk erstellen.