Stranger Things 5 – The Duffer Brothers – Netflix 2025/2026

Von Matthias Bosenick (02.0.2025)

Wer hätte das geahnt, dass es die Duffer Brothers hinbekommen, nach einer Dekade und Stunden an teils widersprüchlicher Handlung sowie einem qualitativen Wechselbad ein solch emotionales und dabei noch überzeugendes Finale hinzulegen. „Stranger Things“ hinterlässt ein aufgewühltes Publikum, so es denn dazu bereit ist, diese Serie als Märchen aufzufassen und die Ungereimtheiten einfach einzustecken. Mit diesem Finale machten die Duffers das Beste, das möglich war. Da kann man nur dankbar sein.

Die Serie beginnt mit einer halben Handvoll Kinder, die Anfang der Achtziger im fiktiven Örtchen Hawkins im Keller sitzen und Dungeons & Dragons spielen, und sie endet auch genau damit. Alles sieht aus wie damals, als wir erstmals in dieses bald kopfübergestellte Universum blickten, das uns zu Herzen ging, uns mitriss, uns aufwühlte, aufbrachte und wieder besänftigte, bevor all das Üble geschah, das wir dann fünf Staffeln lang begleiteten, und es sieht zuletzt genau so aus wie vorher, nur – dass diese Kids ihre Spielordner ein letztes Mal ins Regal stellen und den Keller verlassen. Wir alle wissen: So wird es nie wieder sein. Weder in „Stranger Things“, schließlich sind auch die Kinderdarsteller selbst zehn Jahre älter, zumal dies als allerletzte Episode angekündigt ist, noch im echten Leben, denn auch wir Zuschauenden machten – zumeist unbemerkt – Dinge in unserer Kindheit irgendwann zum letzten Mal und folgten dem Ruf des Erwachsenwerdens. Im Rückblick aus der Erwachsenenzeit überkommt einem beim Schauen von „Stranger Things“ Wehmut, Sehnsucht nach besseren, verantwortungsloseren, unbeschwerteren Zeiten als diesen, und es bricht einem das Herz, mitansehen zu müssen, dass auch die Kinderhelden nach all ihren Abenteuern und dem Umstand, dass sie mal eben die ganze Welt retteten, nicht davon ausgenommen sind, fortan den ganzen zivilisatorischen Scheiß der Moderne mitspielen zu müssen. Wir kennen es aus „Es“ von Stephen King, dass eine Gruppe weltenrettender Kinder einander vergisst, und heulen umso mehr, wenn Mike in Gedanken versunken den Keller als letzter verlässt. Ja, sie – und auch die älteren Freunde aus der Gruppe – versichern sich anhaltende Freundschaft, doch wissen wir, die wir so etwas wie einen Schulabschluss und unzählbare gebrochene Treueschwüre hinter uns haben, es besser, dass nichts bleibt, wie es war, dass man sich entwickelt, verändert, womöglich auseinanderbewegt. Es bricht einem das Herz, das jetzt auch in Hawkins erleben zu müssen. Genau deshalb verfielen die Duffers auf den Trick, Mike von den jüngeren Geschwistern auf der Treppe umrennen zu lassen, die voller Energie die Plätze der Scheidenden einnehmen und die Tradition von D&D fortsetzen, nicht ahnend, welche Anforderungen das Leben auch für sie noch in petto hat. Da steckt Hoffnung in der Wehmut: Irgendwas geht weiter.

Dennoch ist es ein Abschied, ein Abschied aus Hawkins, aus dem Upside Down, von den Kids und dem enorm vielköpfigen Ensemble aus lauter Individuen, die allesamt zehn Jahre lang einen Platz im Herzen einnahmen. Es erinnert daran, wie man selbst in womöglich zufälligen, manchmal gewählten Gruppen für einen temporären Zeitraum aus dem Alltag entflieht und nach Ablauf wieder zurückkehren muss. Das kann eine Fortbildung sein, ein Urlaub, ein Kulturprojekt, was auch immer – für eine gewisse Zeit hat man andere Aufgaben, ist man mit Nicht-Alltäglichem befasst, bekommt das eigene Handeln eine Wichtigkeit, die sich von der alltäglichen unterschiedet, und es ernüchtert, wenn die Zeit abläuft und man in den Alltag zurückkehren muss. Denn, so sehr man auch in der Lage sein mag, sich sein Leben positiv zu gestalten, es gibt immer Aspekte, auf die der eigene Einfluss nicht einwirken kann und die Routine, Dunkelheit, Machtlosigkeit oder sonstige deprimierende Anteile mitbringen. Die Duffers schonen uns nicht: So muss es den Kids aus Hawkins eben auch gehen. Niemand ist davon ausgenommen, nur weil er seinen Anteil am Gemeinwohl damit, dass er spektakulär und mutmaßlich sogar unbemerkt die Welt gerettet hat, sogar übererfüllte. Sobald man also den Schritt macht, sich im sonstigen Leben zu integrieren, muss man sich als Gruppe für das, was vorher Usus war, turnusmäßig verabreden, und hoffen, dass der gemeinsame Geist nicht trotzdem verlorengeht. Umso dankbarer sollte man sein für alles, was man an guten Anteilen im Leben hat, und vielleicht auch mal reflektieren, wie es zu dem kommt, was einem guttut, und was man selbst dazu beitragen kann, dass es existiert und erhalten bleibt. Gemeinschaft ist ein hohes Gut. Freundschaft mithin.

Das Gefühl stellt sich bei „Stranger Things“ indes nur dann so intensiv ein, wenn man bereit ist, zu akzeptieren – etwa, dass die Duffers nicht alle Fäden, die sie über das Jahrzehnt hinweg lose verteilten, auch wieder zusammenführten. Man muss bereit sein, „Stranger Things“ als Märchen aufzufassen, oder besser: als D&D-Spiel, wie es das zugeklappte Kampagnenbuch am Schluss suggeriert. Das Gute darf auch mal mit Plotholes und Logikfehlern siegen, das ist on Ordnung, insbesondere deshalb, weil das Gute hier auf eine so schlüssige und bei allem Siegestaumel so melancholische Weise gewinnt. Das erdet das Gute wieder und man fühlt sich leichter damit, die Lücken auszublenden. Jedes Pochen auf Einhaltung der Logik schadete nur dem Rausch. Schließlich wollen wir doch alle, dass das Gute die Oberhand behält, zumal die Duffers darauf verzichteten, jemandem aus dem Haupt-Cast über die Klippe springen zu lassen – der Verlust von Bob und Eddie Munson war hart genug. Letzterem setzt Dustin am Schluss ein so treffendes Denkmal, dass es dem emotional aufwühlenden Finale eine weitere Komponente hinzufügt: Anders als der schier unendliche Schmalz am Ende von „Der Herr der Ringe“ begleiten diesen Herzschmerz hier auch Humor, Anarchie, Insubordination.

Auch darüber hinaus machten die Duffers in der letzten Folge von „Stranger Things“ eine Menge richtig, insbesondere mit Blick auf den ins Unendliche gedehnten Scheiß, den sie uns die drei Episoden davor aussetzten, nachdem sie diese fünfte Staffel mit vier sehr guten Folgen gestartet hatten. Hier passt das Verhältnis von Action und Psychologie wieder, hier ist Tempo drin, aber auch Tiefe, sogar ungewöhnlich viel. Wenn Hopper Mike die zwei Optionen aufzählt, die er hat, nachdem er seine Freundin verlor, und als erstes damit beginnt, dass man in Selbstschuld versinken und zu leben aufhören könnte, ist seine Alternative nicht, einfach Party zu machen, sondern das Schicksal zu akzeptieren, auch wenn man es nicht versteht. Damit ermuntert er Mike zur Selbstermächtigung, und Mike lässt dies zu, zumal Hoppers Perspektive da eine vergleichbare ist.

Naja, eine Hauptfigur opfert sich, und das ist auch der Grund für Mikes und Hoppers Gram: Die vom Militär gejagte Elfie zerstört das Upside Down mit ihrem Leben. Und doch, Geschichtenerzähler Mike deckt eine alternative Lesart auf: Wir dürfen alle glauben, dass Elfie noch lebt. Obschon so ein einsames Schicksal in karger Landschaft bei drei Wasserfällen nicht eben reizvoll erscheint. Aber es weckt die Hoffnung auf eine Fortsetzung, und zumindest kündigten die Duffers ein Spin-Off an, und sei es nur die Fortsetzung in unserer Seele, in unserem Herzen.

Noch einige Beobachtungen: Man stelle sich die Butthole Surfers oder die Cowboy Junkies in einer deutschen Serie vor. Die Musikauswahl – ergänzend zum Synthie-Score von Kyle Dixon und Michael Stein – ist durchgehend recht geschmackssicher und reicht, typisch für US-amerikanische Nicht-Unterscheiden von Subkultur und Mainstream, von Tiffany bis The Clash. Und einem den Tränenfluss befeuernden „Heroes“ von David Bowie zum Abspann. Ein Versäumnis indes ist es in der fünften Staffel, dass diese filmisch nicht an die cineastischen Qualitäten der vierten heranreicht. In der letzten Episode etwa gibt es nur eine Überblendung mit einem Kniff, als nämlich aus der rotierenden Prince-Single auf einem Plattenteller die rotierende Radkappe eines Lastwagens wird. Ansonsten bleibt die Staffel künstlerisch eher konventionell und verlegt mehr Energie auf Special Effects, wo sie sich nicht in Dialogen verliert. Erzählerisch ist etwas merkwürdig, dass einige Nebenfiguren zum Ende hin einfach nicht mehr auftreten. Aber mit denen verhält es sich dann wohl wie mit den unzählbaren losen Fäden, und da handelten die Duffers ganz richtig: Was nicht passt, wird ignoriert.

Schließlich verfuhr man 2016 mit der ersten Staffel von „Stranger Things“ wie mit allen Serien, die überraschend erfolgreich waren: Man rang ihnen eine Fortsetzung ab. Obschon die erste Staffel zu einem schlüssigen Abschluss kam, musste also eine Bedrohung her, die irgendwie mit der ersten zusammenhing. Und eine dritte Staffel. Und eine vierte und fünfte. Da bleibt eben einiges auf der Strecke, was zuvor mal relevant war. Wenn Henry und Vecna nicht eins waren, wo verblieb dann Henry? Egal – die böse Macht ist besiegt, in einem spektakulären Dekapitationsmoment von Joyce, den die Duffers gleich noch dazu nutzten, unzählige Flashbacks einzubauen und die Zuschauerschaft an bewegende Momente der zurückliegenden zehn Jahre zu erinnern. Angesichts dessen, was man da mit dem Cast in der Zeit durch hat, ist man nach Ablauf des Abspanns zusätzlich geplättet. Was für ein Ritt! Zurück zu den Fäden: Der Serienschluss von „Akte X“ etwa, der ja dann doch keiner war, enttäuschte auf ganzer Linie, bei der Hörspielserie „Gabriel Bruns“ verzettelte sich Volker Sassenberg schon mittendrin so sehr, dass er die Serie einfach abbrach. Dann doch lieber wie hier eine gigantische Versöhnung, auch wenn sie nicht realistisch ist und Fragen offen lässt. Man möchte doch auch mal etwas Glück im Leben haben. Und träumen.

Man kann nur dankbar sein für dieses Universum, in das uns die Duffers mitnahmen. Es wird im Herzen bleiben, noch eine ganze Weile. Und wenn sie es vernünftig anstellen, liefern sie ja noch etwas nach, was einem den Geist der Serie am Flackern zu halten hilft. Schließlich blieb komplett offen, woher der Typ in der Höhle den Vecna-Stein hatte und wie Henry danach in die Fänge des Papas geriet, der auch Kali und Jane zu seinen Schwestern machte. Wirf die Würfel, lasse den Zauberer einen unerwarteten Spruch machen.