Von Matthias Bosenick (13.11.2025)
In Dänemark ist man nicht gerade zimperlich, scheint es. Dort gibt es wohl eine Tradition der brutalen Alltagsfilme, die ins Gangstermilieu herüberschwappen und die in Blut und Gewalt baden. Und Humor, wenn man Glück hat, und das hat man bei den Filmen von Anders Thomas Jensen in der Regel. So auch bei „Der letzte Wikinger“, wie „Therapie für Wikinger“ im Original heißt. Die Schauspieler und insbesondere das Drehbuch machen diesen Film zum Genuss, auch wenn man vielleicht mit einem solchen drastischen Blutspiel seine Probleme haben mag. Der Film lief beim Braunschweig International Film Festival.
Mads Mikkelsen, Hollywood-Liebling und dänischer Superstar, ist sich nicht zu schade, seit „Blinkende Lichter“ aus dem Jahr 2000 in allen Filmen des Regisseurs und Drehbuchautors Anders Thomas Jensen mitzuspielen, was mit „Den sidste viking“ zwar erst zum sechsten Mal der Fall ist, aber immerhin, der Mann ist loyal und auf dem Boden geblieben. Und hat hier halblange Locken, trägt eine hässliche Brille, heißt Manfred, hat eine dissoziative Störung und so manche Eigenschaft, die zunächst lediglich sehr lustig ist, sich im Verlauf des Filmes dann aber noch als handlungsrelevant herausstellt. Und schon ist man mittendrin in den herausragenden Qualitäten dieses Films, denn dieses Drehbuch punktet mit genau solchen nebensächlichen Zirkelschlüssen. Und einer schonungslosen Konsequenz.
Anker saß nach einem Raubüberfall mit Todesfolge 15 Jahre lang im Knast. Seinem psychisch auffälligen Bruder Manfred trug er noch auf, eine Tasche voll mit dem erbeuteten Geld am früheren Elternhaus zu verbuddeln, und will sich nach der Entlassung dieses Geld nun holen. Zumal ihn ein früherer Mitverbecher, der freundliche Flemming, der dies eher nicht ist, physisch unter Druck setzt, bei ihm Schulden zu begleichen. Das Problem ist nur: Sobald Anker zu Bruder Manfred und Schwester Freja zurückkehrt, weigert sich Manfred, sich an das Versteck zu erinnern, weil Anker ihn nicht John nennen will, wie er jetzt heißt, da er sich für John Lennon hält.
Nach einem absurden Autounfall soll Manfred in der Psychiatrie verbleiben, doch mit Hilfe von Psychologieexperte Lothar setzt Anker den Bruder frei. Lothar meint nun, eine Methode gegen Manfreds Erinnerungsverweigerung gefunden zu haben: Er bringt die Beatles wieder zusammen, und zwar, indem er einen Dänen, der sich für Ringo Starr hält, und einen Schweden mit rund 50 Persönlichkeiten, darunter neben Heinrich Himmler und Johannes Brahms auch Paul McCartney und George Harrison, was Personal spart, zusammenträgt. Derweil treffen Anker und Manfred in dem an Bate’s Motel erinnernden Elternhaus ein, das inmitten weiter Wälder liegt und längst einem selbstgerechten, aber gescheiterten Paar gehört, das ausgewählte Räume bei Airbnb anbietet. So kommen die Brüder dort unter – und die Katastrophen und Dramen nehmen ihren Lauf.
Den Auftakt des Filmes nutzt Jensen, um Charaktereigenschaften und Running Gags zu etablieren. Mit denen garniert er dann die eigentliche Handlung, die nämlich die Geschichte der drei Geschwister betrifft, die den Film mithin zu einem Familiendrama macht. Parallel zu dem Gangster-Film und der Psychologie-Komödie, was der Film auch noch mitbringt. Die Verrückten spielen in Jensens Filmen ja regelmäßig eine Rolle, und er verwendet deren – aus neuronormativer Sicht gesehene – Unberechenbarkeit, um sie charakterlich zu etablieren und sie dann im Grunde berechenbar zu machen, weil man sich auf ihre definierten Eigenheiten dann verlassen kann. Ein großes Plus für das Script, zumal Jensen diese Gags trotz ihrer Wiederholung unvorhergesehen einsetzt. Eine solche Ausdefinierung erfahren auch die nicht als verrückt deklarierten Figuren und handeln entsprechend. Es ist ein Fest.
Das die Schauspieler mitfeiern: Jensen schart sein übliches Ensemble um sich, und jeder geht knietief in seiner Figur auf. Mikkelsen als Manfred verliert jeden Glamour, so grandios beugt er sich zu seiner Figur herab. Wie eine Art Arnold Schwarzenegger stellt Stammmime Nikolaj Lie Kaas den Anker dar, der seine Gewaltimpulse nicht unter Kontrolle hat; Ursachen dafür erklärt der Film noch. Ein weiterer Dauergast sogar bereits seit dem Kurzfilm „Wahlnacht“ ist Nicolas Bro, der hier den freundlichen Flemming darstellt, der in seiner Performance nicht selten an das Dumme Schwein aus der Olsenbande erinnert. Die einstige „Kommissarin Lund“ Sofie Gråbøl war bei „Blinkende Lichter“ dabei und kommt hier als boxendes Ex-Handmodel schlagfertig heraus. Lediglich an „Men & Chicken“, dem einzigen wirklich unerträglichen Film von Jensen, war ihr Filmgatte und „Lund“-Kollege Søren Malling zuvor beteiligt. An Michael Palin von Monty Python erinnert die Performance von Lars Brygmann, der bei Jensen erstmals auftritt und hier den Ikea- und Psychologieexperten Lothar umwerfend überzeugend darstellt. Nicht zuletzt Kardo Razzazi ist eine optimale Wahl für den schwedischen Abba-Fan, der eigentlich die Beatles spielen sollte.
Jensen scheut sich nicht, in dieses Familiendrama und Psychogramm eine realistische Brutalität und Härte einzubringen, die ausnehmend drastisch ist, die er aber mit beiläufigem Humor wieder entschärft. So blutig war 1996 auch „Pusher“ von Nicolas Winding Refn, wenn auch wesentlich weniger humorvoll, in dem Mads Mikkelsen seine erste Rolle hatte, und seit „Blinkende Lichter“ lässt Jensen in jedem seiner Filme Blut im Übermaß fließen. Das geschieht hier indes so comichaft, dass die Verletzten stets unbeschadet aus allem herauskommen. Die meisten zumindest. Und Jensen macht auch keine Geschlechterunterschiede: Die Frauen kriegen hier kaum weniger heftig auf die Fresse als die Männer. Und wissen sich zu wehren.
Was bleibt, ist ein Ende der Gewalt – das Jensen nur damit erreicht, dass er die Gegensätze einander akzeptieren lässt. Das zerstrittene Paar, die zerstrittenen Brüder, die über Offenbarungen entsetzte Schwester und nicht zuletzt die psychisch auffälligen Personen, die diese Versöhnungen teils erst einfordern – weil die nicht zu dieser Gruppe Gehörenden ihre Ziele nur dann erreichen, wenn sie diese Mitmenschen akzeptieren. Damit führt Jensen dem Publikum auch die Diskrepanzen im eigenen Denken vor. Eine Inklusion darüber herzustellen, dass man die Unterschiede der Einzelnen auf alle überträgt, führt demnach zwar in den Tod, aber in einen glücklichen, überspitzt es der Däne am Schluss.
