Von Onkel Rosebud
Seit dem Einsatz von Autotune interessiert sich meine Freundin nicht mehr für deutschen Hip Hop. Ihrer Meinung nach sollen die Pfeifen, die nicht singen können, nicht auch noch ein Tonhöhenkorrektursystem benutzen. Autotune sei Photoshop für die Stimme. Der „Cher-Effekt“ („Believe“, 1998, die Älteren werden sich erinnern) hat sich in der Populärmusik in den Nullerjahren breitgemacht. Und seit Deutschrap fester Bestandteil der Charts wurde, seit den 2010er-Jahren, ist auch der Cyborg-artige Klang der Protagonisten nicht mehr wegzudenken.
Spätestens seit „Corona“ ist es stiller geworden im Sprechgesang made in Dschörmännie. Vorher gab es reichlich Beef zwischen den Rappern. Laut, öffentlich und meistens ordinär. Vermisst man nicht. Charts interessieren anno 2025 niemanden mehr und wenn da doch deutscher Hip Hop auftaucht, dann von Pippilotta-Viktualia-Rollgardina-Schokominza-Langstrumpf-Imitaten, wie Shirin David oder Nina Chuba.
Also, was ist aus den Rappern geworden? Die Schicksale lassen sich in verschiedenen Kategorien einteilen. 1. Erfolglosigkeit: Sabrina Setlur taucht nur noch in Reality-Spielshows auf. Genau wie Kool Savas bezogen auf Casting. Ricky, Jazzy und Lee von Tic Tac Toe haben mehrere Comebacks versucht, bis sie bei Autowerbung gelandet sind. 2. Karriereende: Moses Pelham, genau wie Fettes Brot und Kollegah. Bonez MC hat seine Strassenbande aufgelöst. 3. Der Deutschland AG den Rücken gekehrt: Pronatalist Bushido schlägt seine Frau jetzt in Dubai. Cro entsaftet Golfbälle in Bali. Fler wollte in die USA auswandern, scheiterte jedoch aufgrund seiner dreijährigen Bewährungsstrafe. Deshalb 4. Probleme mit der Justiz. Gzuz ist wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Sprengstoff- und das Waffengesetz auf Bewährung. Gegen Haftbefehl wird wegen Fahrerflucht ermittelt. Farid Bang musste eine von der AfD eingeforderte Unterlassungserklärung unterschreiben. Apropos Probleme, 5. Gesundheitliche: RAF Camora bekämpft seit einem schweren Hörsturz einen Tinnitus. Capital Bra ist abhängig vom Schmerzmittel Tilidin. Sido würde ohne die stationäre psychiatrische Behandlung nicht mehr leben. Und 6. Sonstige. Eko Fresh versucht, im ESC-Kosmos Fuß zu fassen. Alligatoah macht in Metal, nachdem er von Fred Durst geküsst wurde. Kontra K engagiert sich im Sport. Luciano ist in das Fastfood-Geschäft eingestiegen. K.I.Z. gingen in die Politik. Apache 207 zählt nicht, weil kein Rapper.
Und die Fantastischen Vier? Die halbwegs sympathischste Boomer-Truppe aus dem Ländle: Smudo botschaftet für ein App-System zur Kontaktpersonennachverfolgung. Thomas D lebt nach 25 Jahren nicht mehr in der Landkommune namens „Moderne Anstalt Rigoroser Spakker“. Michi Beck arbeitet als Coach für Musik-Castingshows. Und And.Ypsilon synchronisiert Pinguine in Zeichentrickfilmen.
Erbärmlich, oder? Und woran liegt das? Alter? Endlich erwachsen geworden? Kinder gekriegt und daraufhin peinliche Auftritte vermieden? Oder ist Frieden eingekehrt. Sind etwa keine Waffen mehr verfügbar. Auf dem Techno-Floor zu schnell im Kreis gedreht? Oder hat das Leben auf der Aperolspur die Birnen zu mittelschweren Dachschaden weggekokst. Die Dose macht das Gift. Wenn man Gesichtsmuskel nicht mehr unter Kontrolle hat, kann man auch nicht schnell sprechen. Aber alle haben einen Podcast und dafür braucht man keinen Flow. Klar hat sich das Geschäft auch verändert. Es geht nur noch um Selbstvermarktung und nicht mehr um die Musik.
Neulich war meine Freundin zusammen mit Töchting auf einem Konzert der Formation 01099, Vorband Ikkimel. Ihr aktuelles Album heißt „Fotze“. Ein unübersichtlicher Haufen Fünfzehnjähriger hüpfte ungebremst auf und ab und sang lauthals zu Texten mit wie „Aha, oho, Treffpunkt ist das Unisex-Klo. Steck Dir deine Uni in den Po.“ So sieht die Zukunft des Deutschrap aus. Oder KI übernimmt und rettet diesen Klub der kernlosen Weintrauben mit Alopezie.
Onkel Rosebud
