U2 – Songs Of Experience – Island 2017

Von Matthias Bosenick (15.12.2017)

Das Radio ist das offenkundige Ziel, das U2 mit „Songs Of Experience“ anstreben, wie schon mit dem Vorgänger „Songs Of Innocence“ und seinerzeit mit dem inzwischen beinahe volljährigen „All That You Can‘t Leave Behind“. An sich haben es die Rock‘n‘Roll-Multimillionäre nicht nötig, sich musikalisch anzubiedern, weil längst mehr als ausgebbar Schäfchen im Trockenen (und moralisch Verwerflichen). Die Nummer Sicher steht ihnen einfach nicht, der Eigensinn fehlt hier nahezu vollkommen. Keine Linie auf dem Horizont.

Wer dieser Tage versehentlich mit einem beliebigen Formatradioprogramm in Berührung kommt, hört sinnlose Textwiederholungen, textlose Mitsingchöre, simple Melodien, glatte Produktionen, gesichtslosen Pop. Dort reihen sich U2 ein, mit einem Mammutwerk, das in der Deluxe-Edition 17 Tracks beinhaltet. Und nahezu keinen davon mag man gern im Ohr behalten. Da hatte sogar das Schwesteralbum „Songs Of Innocence“ mehr zu bieten, wenngleich auf beiden Alben Unschuld und Erfahrung durch Abwesenheit glänzen.

Die Unschuld wie auf den ersten Alben „Boy“, „October“ und „War“ legten U2 bereits 1984 mit „The Unforgettable Fire“ ab, als sie überraschend Elektronik zuließen, Erfahrung machten sie mit den experimentellen Neunziger-Jahre-Alben „Achtung Baby“, „Zooropa“ und „Pop“. Die ersten drei waren rauh, rockig, von Adoleszenz geprägt, von Entdeckerlust getrieben. Die Gitarren orientierten sich am Punk, Post Punk, sogar am Wave, schließlich gehörten zu den frühen Einflüssen Bands wie The Skids und die Virgin Prunes, bei denen mit Richard Evans der Bruder von David Evans mitspielte, bei U2 besser bekannt als The Edge. Viele der frühen U2-Stücke orientierten sich nicht am herkömmlichen Songformat, sondern brachen mit Erfahrungen und erschufen damit eine Spannung, die aus diesen Alben bis heute dringt. Nach den Megaerfolgen mit „The Joshua Tree“ und „Rattle And Hum“ Ende der Achtziger versuchten U2 alles, um sich musikalisch nicht mehr genau daran messen zu lassen: Die Neunziger waren überdreht, bunt, überkandidelt, monumental, streckenweise synthetisch und doch immer typisch U2, da beißt die Maus keinen Faden ab, und wenn die Iren damit noch so viele alte Fans vergraulten.

Dann kam der Jahrtausendwechsel und mit ihm „All That You Can‘t Leave Behind“. Auf diesem Album folgten U2 damals angesagten Sounds aus England, rund um Britpop und Travis und solchen Weinerlichkeiten. Die Emotionalität dieses Albums klang jedoch konstruiert und damit pathetisch. Nur wenige Songs waren eigenständig. Das änderte sich auf „How To Dismantle An Atomic Bomb“, das wie eine Best-Of von U2 mit neuen Stücken wirkte, und ganz besonders mit „No Line On The Horizon“, auf dem die Band ungewöhnliche Songstrukturen ausprobierte und ihrem eigenen Oeuvre zwischen manchem Vertrautem sehr viel Neues hinzufügte. Doch schon kurz darauf distanzierten sich U2 genau davon und wurden schlimm.

Von 1991 bis 2009 ging jedem Album eine Signatursingle voraus, die etwas Besonderes, Eigenes, Abwegiges, Neues bot und sich live großer Beliebtheit erfreute: „The Fly“, „Numb“, „Discothèque“, „Beautiful Day“, „Vertigo“ und „Get On Your Boots“. „The Miracle Of Joey Ramone“ vom „Innocence“-Album kann man eigentlich auch in diese Reihe fügen, doch klingt dieser Song im Kontext des Albums wie ein Anbiedern. U2 haben mit den Ramones nichts mehr zu tun, und seien die auch noch so ein großer Einfluss gewesen (nicht zuletzt belegt mit „Beat On The Brat“, das U2 2003 für ein Ramones-Tribute aufnahmen). Auf „Innocence“ biederten sich U2 zum zweiten Mal dem Radiopop an, unter anderem damit, dass Bono seine Songs knödelte wie die damals angesagten R‘n‘B-Sängerinnen, und mal ganz abgesehen von den beliebigen Melodien. Immerhin, einige ansprechende Songs waren trotzdem enthalten, unter anderem der Dancefloorfiller „The Crystal Ballroom“ (für Sammler gab‘s die Extended Edition davon nicht etwa auf der Deluxe-Doppel-CD, sondern nur auf der Doppel-LP, man musste also beides haben).

„Songs Of Experience“ nun spart die spannenden Kompositionen und Arrangements einfach mal aus. Die ansonsten so markante Gitarre tritt in den Hintergrund, bleibt entzerrt, stört die Hausfrau nicht beim Bügeln (Zitat Krüger). Wenigstens singt Bono wieder anhörlich. Bass und Schlagzeug dürfen nicht auffallen, außer, sie kopieren Vertrautes, das schon einmal irgendwo bei U2 für Geldfluss gesorgt hat. Die Songs bleiben so sehr auf Nummer Sicher, dass sie nicht haften bleiben. Aalglatt, uninspiriert. Irgendwo im Stillen macht man dann Ausnahmen aus, und sei es nur, weil man nach all den Jahren nicht komplett enttäuscht sein will. „Red Flag Day“ etwa ist nett. „American Soul“ hingegen tut nur so, als sei es eine Ausnahme, weil es ja rockt und weil das Intro zugegebenermaßen gelungen ist, aber es bedient doch nur Rockklischees. U2 suchen die große Geste, die sie weit besser bedienten, als sie noch sie selbst waren und kein Produkt, und selbst als Kunstprodukt waren sie noch authentischer als jetzt.

Die Deluxe-Version des Albums hat vier Lieder mehr, davon nur ein exklusives Neues, der Rest sind Remixe von Albumtracks und einmal von „Ordinary Love“. Jenen Song veröffentlichten U2 2013 im Rahmen des Record Store Day als 10“. Wie sie seit 2010 und „Wide Awake In Europe“ regelmäßig lieber die Wiederverkäufer mit Raritäten befeuern, als echte Singles zu veröffentlichen; weitere schier unerschwingliche Exponate im Zuge von RSD oder Black Friday waren „Red Hill Mining Town (2017 Mix)“ und die Auskopplung „The Blackout“, einer der wenigen attraktiven Songs auf „Experience“, übrigens; auch hier dominiert der Discobeat. Nur ist die Verknappung unnötig, hohe Preise sind immanent, und es hat niemand Aufrichtiges etwas davon.

Die Geldmaschine U2 hat doch erst kürzlich mit dem 30. Geburtstag ihres ersten Hitalbums „The Joshua Tree“ und der dazugehörigen Wiederveröffentlichungsbox und -tour losgedruckt. „Songs Of Experience“ kauft man, besonders so kurz vor dem Fest, eher aus Reflex als aus Geschmacksgründen. Schade, dass es so weit kommen musste.

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