Speaker Bite Me – Future Plans – Pony Rec. 2018

Von Matthias Bosenick (11.10.2018)

Zukunftspläne schmieden Speaker Bite Me auf ihrem ersten Album seit elf Jahren und blicken musikalisch doch recht häufig zurück: Die Ursprünge der dänischen Band liegen im noisigen Indie-Rock der Neunziger, der noch avantgardistisch war, bis ihn MTV und Majorlabels kommerzialisierten. Thematisch orientiert sich der Blick nach vorn indes an der Gegenwart, am weltpolitischen Geschehen nämlich, aus dem Speaker Bite Me eben „Future Plans“ ableiten. Dieses könnte, das schon mal vorab, zu den besten Alben des Jahres gehören.

Den Frust über die Zustände in Dänemark und dem Rest der Welt ließen die Musiker in ihr sechstes Album fließen, sowohl textlich als auch musikalisch. Schon immer war der Indie-Rock von Speaker Bite Me nicht um größtmögliche Zugänglichkeit bemüht – das beinahe poppige Vorgängeralbum „Action Painting“ bildet da eine trotzdem grandiose Ausnahme –, und auch „Future Plans“ schert sich nicht um Radioplays, Clubhits oder Streaminggefälligkeiten. Wie auch, wenn sie ein Album mit nur fünf Songs in knapp 40 Minuten herausbringen – da ist Nonkonformität immanent. Dabei sind überlange Stücke nicht komplett neu für das Quartett: Einer der früheren Publikumslieblinge, „Uh-Ah“ vom dritten Album „If Love Is Missing It Must Be Imposed“, etwa ist sieben Minuten lang.

Gefallen findet aber, wer entsprechend offen oder sozialisiert ist, mit Noiserock, No Wave oder anderen experimentellen Avantgarderichtungen, und trotzdem ein Ohr (und die Beine) für den Groove hat. Das erinnert hier bisweilen an Sonic Youth, an anderer Stelle an die Pixies, vielleicht an die Sugarcubes und ganz besonders immer wieder an Speaker Bite Me selbst. Denn diesen Mix aus Lärm und Wohlklang, aus Störgeräuschen und Kuscheligkeit bekommt das Quartett deshalb so gut hin, weil sich die Musiker auf allen Gebieten sicher bewegen und für jedes Genre, jeden Sound ein offenes Ohr und große Zuneigung haben. Diese Liebe zur Musik hört man überdeutlich heraus, denn selbst die Dekonstruktion des Vertrauten gerät bei Speaker Bite Me wunderschön. Dabei sitzt jeder Ton, jedes Gitarrenlick hat seine Berechtigung, jeder Beat seine Basis, jeder Bruch seine Logik.

Seit 21 Jahren gibt es Speaker Bite Me jetzt, seit elf Jahren ohne Album, aber nicht inaktiv, und vor 1997 musizierte ein Großteil der Band schon als Murmur zusammen. Seit jeher orientierten sich die Bandmitglieder auch in Soloprojekten, allen voran Sängerin und Gitarristin Signe Høirup Wille-Jørgensen, die ihre Stimme und ihren expressiven musikalischen Ausdruck zumeist unter dem Alias Jomi Massage weiterentwickelte. Die Adoleszenz in Signes Gesang spiegelt sich auch auf „Future Plans“ wieder: Hier singt sie wechselnd in der höheren, an ihre Kollegin Björk erinnernden Tonlage der früheren Speaker Bite Me und in der tieferen, die sie zuletzt 2013 auf ihrem Album „Primitives“ als Jomi Massage verstörend kultivierte.

Martin Ilja Ryum, Gesang und Bass, Kasper Deurell, Bass und Gitarre, sowie Emil Pilot Landgreen, Schlagzeug, und Signe perfektionierten in den Jahren ihrer gemeinsamen Arbeit ihren Sound. „Future Plans“ klingt erwachsen, wütend, sanft, verspielt, neugierig, experimentell und vertraut, alles gleichzeitig und nacheinander. Mit dieser Vielschichtigkeit dürfte Speaker Bite Me eines der besten Alben des Jahres gelungen sein.

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